Drei Ski-Stars in einer neuen Welt

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Auch Marcel Hirscher, Felix Neureuther und Aksel Lund Svindal sind noch zu beeindrucken.

Nämlich dann, wenn sie ohne große Vorübungen einen 310 PS starken, „auf böse“ getrimmten Audi TT um den Red Bull Ring jagen müssen.

Die drei Ski-Stars sind einer Einladung im Rahmenprogramm der DTM nachgekommen und haben ihr – mehr oder weniger ausgeprägtes – Geschick auf vier Rädern unter Beweis stellen dürfen.

Gegen die „Profis“ war für die Neulinge kein Gras gewachsen. Geschlossen nahmen sie die letzten Plätze 22 bis 24 ein. Die Vorstellung war trotzdem beachtlich.

Hirscher, der die „Skifahrer-Wertung“ anführte und seine beiden Kollegen hinter sich ließ, fehlten nach 15 gedrehten Runden nur sechs Sekunden auf den ersten Vollzeit-Rennfahrer.

Ein kleiner Prestige-Erfolg, aber die Konkurrenz aus Deutschland und Norwegen muss sich nicht fürchten, vom Gesamt-Weltcupsieger lange damit aufgezogen zu werden.

Stattdessen demonstriert man Einigkeit und geteilten Stolz, die Mutprobe bestanden zu haben.

Vernunft statt Ehrgeiz

„Man gibt sein Bestes, aber hier einen Dreikampf anzuzetteln, wäre Schwachsinn und falscher Ehrgeiz“, lässt Hirscher Vernunft regieren.

„Man fährt doch mit 230 Stundenkilometern die Gerade hoch, das ist keine Go-Kart-Strecke. Dass wir alle gesund im Ziel sind, ist schon eine super Geschichte. Wir hatten Spaß daran, die Fans hoffentlich auch“, stellt er das Erlebnis in den Vordergrund.

In einem Stück über die Ziellinie gekommen zu sein und dabei gar keine schlechte Figur abgegeben zu haben, sei Leistung genug: „Für uns war es schon schwer, uns in Quantensprüngen von kompletten Nasenbohrern zu Möchtegernrennfahrern entwickeln zu müssen.“

Svindal spielt Nintendo

Aksel Lund Svindal zeigt sich in seiner bekannt kecken Art erstaunt, „dass man sich überhaupt getraut hat, uns auf so eine Strecke zu schicken. Wir verstehen, was für ein Risiko dabei ist, und dass man Respekt vor den anderen Fahrern haben muss.“

Es sei gar nicht so leicht gewesen, die notwendige Konzentration aufzubringen. Zu viele Aufgaben habe man als Rennfahrer gleichzeitig zu bewältigen.

„Wir haben nur zwei Ski, aber hier gibt es Gas- und Bremspedal, dazu muss man auf dem Lenkrad mit den vielen Knöpfen ein bisschen Nintendo spielen. Ständig muss man in den Spiegel schauen, weil man nicht allein da ist. Einmal ist es mit Marcel ein bisschen eng geworden, da habe ich Stress bekommen, mich verdrückt und aus Versehen heruntergeschaltet“, schmunzelt der Norweger.

Gratis-Sauna für Hirscher

Zu vergleichen seien die beiden unterschiedlichen Sportwelten, abgesehen vom Geschwindigkeitsrausch, in keinster Weise.

„Man schaut dem Gegner auf den Hintern, wir haben nur eine Stange vor uns“, stellt Svindal die 23 Mitstreiter in den Vordergrund.

Seinen eigenen Hintern konnte er nach ein paar Runden niemandem mehr präsentieren. Dem zuvor gegangen war ein Fight mit Felix Neureuther, der vom Start weg die meisten Ambitionen zeigte.

„Ich glaube, Felix muss sich das Renn-Reglement noch einmal ein bisschen anschauen. Er hat mich drei Mal ins Gras gedrückt“, beschwert sich der Ski-Allrounder mit einem Augenzwinkern.

Bezahlen musste der Deutsche seine ungestüme Art schon in der dritten Kurve, als er einen Dreher hinlegte.

Hirscher hatte am meisten mit dem Temperatur-Unterschied zu kämpfen: „Das ist wie eine gratis Sauna, da spart man auch noch Geld. Man muss sich ständig den Schweiß aus den Augen wischen. Nicht einmal im Winter würde man sich mit der feuerfesten Unterwäsche etwas abfrieren. Ich habe sicher vier Kilo verloren. Es hat trotzdem absolutes Suchtpotenzial, ich sollte mich gleich für einen Profivertrag bewerben. So ein Motorhome hätte ich schließlich auch gern…“

Kritik an Olympia-Vergabe

Trotz des Ausflugs in fremde Gefilde ist der Wintersport nicht völlig aus den Köpfen zu verdrängen. Angesprochen auf die Vergabe der Olympischen Spiele 2022 nach Peking werden kritische Worte gefunden.

„Es geht um die Zukunft des Sports. Man muss die Leute wieder begeistern, aber solche Vergaben hinterlassen den Eindruck bei den Fans, dass der finanzielle Faktor für das IOC im Vordergrund steht. Kein Wunder, wenn dann Bürgerentscheide gegen Spiele ausfallen. Müssen wirklich immer erst 50 Milliarden ausgegeben werden?“, so Felix Neureuther.

Auch für Hirscher rücken die falschen Dinge in den Vordergrund: „Es sollte um den Sport gehen, aber jetzt spricht niemand mehr von den Spielen, sondern nur darüber, wie die Vergabe zu bewerten ist. Alle vergessen, dass wir wieder ein tolles Großereignis haben. Aber so ist es, wenn keine Beziehung vorhanden ist – es wäre auch komisch, wenn Österreich eine Rugby-WM austragen würde.“

Chance zur Revanche

In den nächsten Stunden sind die Köpfe trotzdem noch beim PS-Abenteuer. Sonntagvormittag steht ein zweiter Lauf am Programm, Chance zur Revanche für Neureuther und Svindal, denn der „Tagessieger“ denkt mit Unbehagen an die Wettervorhersage, die nichts Gutes verspricht.

„Wir müssen einfach zusammenzwicken und beim Start draufhalten. Wenn wir die erste Runde ohne Dreher überstehen und dranbleiben, werden wir sicher im Pulk mitgezogen. Wir dürfen den Fokus nicht verlieren, das war heute sehr schwer“, malt sich Hirscher heimlich ein besseres Ergebnis aus.

„Doch ich glaube, wenn einer von uns am Ende vor einem ‚Profi‘ landen würde, wäre derjenige fehl am Platz.“

Es hätten schon Exoten auf Skipisten für größere Überraschungen gesorgt.


Aus Spielberg berichtet Johannes Bauer

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