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Ohne Bekenntnis

Die steirische Politik hinkt hinsichtlich Spitzenfußball als Priorität den Wienern hinterher.

Nun bekommt also auch die Wiener Austria ein Fußballstadion für Erwachsene. Nachdem Rapid in Hütteldorf schon fleißig baut, folgen die Violetten ab der Saison 2016/17 den Grünen für zwei Saisonen ins Ausweichstadion im Prater nach. In Favoriten wird zwar nicht neu gebaut, aber sehr ordentlich adaptiert. Bis 2018 sollen 17.500 Plätze, Trainingszentrum, Akademie und Nachwuchszentrum entstehen. Es kann sich sehen lassen, was die Austria mit einem Gesamtvolumen von 48 Millionen Euro auf die Beine stellen will.

Außerdem hängt man sich an das Stadterweiterungsprojekt „Viola Park“ der Stadt Wien an. Einige 100 Wohnungen rund um das Stadion werden gebaut und außerdem führt ab Herbst 2017 die U-Bahn bis zum Verteilerkreis. AG-Vorstand Markus Kraetschmer erwartet sich dadurch eine Investition in eine sichere Zukunft für seinen Verein. Wohl zu Recht.

Natürlich werden sich die Veilchen sportlich wieder besser präsentieren müssen, da muss man angesichts der Personalpolitik (Wohlfahrt) und der nicht gerade kostengünstigen Trainerbestellung (Magath) ein bisschen besorgt sein. Aber hinsichtlich Rahmenbedingungen scheinen gerade die Hausaufgaben gemacht zu werden. Man habe sich international schlau gemacht und vor allem festgestellt, dass sich Infrastrukturmaßnahmen in sehr großer Regelmäßigkeit rentieren, so Kraetschmer. Diese Erkenntnis mag nun nicht nach einer nobelpreisreifen Innovation klingen, für österreichische Verhältnisse sind der Neubau in Hütteldorf und das adaptierte Horr-Stadion aber tatsächlich ein „Meilenstein“, wie die Austria ihr Projekt selbst nennt.

Leere Kassen hin, Kartnig- und GAK-Konkurstrauma her – entweder man möchte ein steirisches Fußball-Aushängeschild oder nicht. Und ohne ab und zu in die öffentliche Kasse zu greifen, geht sich das nicht aus. Es wäre sehr schön, würden neben Salzburg, Rapid und Austria auch die Schwarz-Weißen in der Dorfliga mit gutem Beispiel vorangehen können. Weil Baustellen gibt es diesbezüglich in der Bundesliga genug. Mit Mattersburg als Aufsteiger kommt keine Hilfe nach. Also, lieber Grazer Bürgermeister und liebe Reformpartner: Es gilt auch in der grünen Mark ein Bekenntnis zum Profifußball abzugeben. Sich kurz vor Wahlen zum Präsentieren von Architektenmodellen einladen zu lassen, reicht nicht. Am Wochenende im VIP-Klub Brötchen essen und Sprudel trinken auch nicht. 

 

Jürgen Pucher war Gründungsmitglied der Plattform „sturm12.at“ und hat dort über Jahre hinweg mit seiner Kolumne „12 Meter“ die Diskussionen rund um den Grazer Verein und den österreichischen Fußball extrem bereichert. Ab sofort wird er in regelmäßigen Abständen bei LAOLA1 Gastkommentare zum Geschehen im heimischen Kick verfassen.

Die exakten Finanzierungskomponenten stehen noch nicht fest, die Gespräche mit der Stadt Wien seien aber sehr konstruktiv, lässt man wissen. So gut offenbar, dass man jetzt schon an die Öffentlichkeit gegangen ist. Es lässt sich also von einer ordentlichen Beteiligung der öffentlichen Hand ausgehen. Auch Wiener Stadtpolitiker haben schon Weitblick hinsichtlich Investitionen in Sportinfrastruktur vermissen lassen. Sportstadtrat Christian Oxonitsch meinte einmal, das uralte Happel-Stadion sei doch absolut ausreichend, man brauche keine neue Arena. Aber: Hinsichtlich Unterstützung der beiden großen Vereine nimmt man Geld in die Hand. Das ist nicht überall so.

Schauplatzwechsel. In Graz, beim SK Sturm, müht sich der Verein um jeden müden Euro von der Stadt. Dort kommt außerdem erschwerend hinzu, dass der Klub nur Mieter und die Stadt Graz Eigentümer des Stadions in Liebenau ist. Die Arena im Grazer Süden ist mittlerweile in die Jahre gekommen und einiges wäre zu tun. Bisher wurde seit der großen Schaumschlägerankündigung mit dem „Tor zur Stadt“ vor ein paar Jahren im Wahlkampf von Bürgermeister Siegfried Nagl gerade einmal ein Bagatellbetrag locker gemacht, der das Notwendigste repariert. Von einer „großen“ Lösung wie in Wien ist man Lichtjahre entfernt. Und so steht der Klub, der den Anspruch stellt, einer der großen vier in Österreichs Fußball zu sein, bald als einziger ohne international taugliche Arena da.

Der Unmut wächst, die Klubverantwortlichen fühlen sich hinsichtlich Unterstützung der Politik natürlich einigermaßen im Stich gelassen. Seit Jahren schielt man neidisch nach Wien, wo im Vergleich zur Steiermark wahrlich das Füllhorn ausgeschüttet wird. Auch die Fans machen sich bemerkbar. „Politiker: Heute sonnt ihr euch im VIP-Klub, doch kaum geht’s um die Kohle fürs Stadion, lauft ihr in alle Richtungen davon“, hieß es auf der Nordtribüne beim Heimspiel gegen Rapid. Und es lässt sich derzeit tatsächlich nur der eine Schluss ziehen: Spitzenfußball hat in Graz derzeit keine Priorität.

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