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Sturm Graz am Scheideweg

Ein mühsames 3:3-Unentschieden zu Hause gegen den Tabellenletzten aus Wiener Neustadt und eine 0:1-Niederlage in Wien gegen Rapid – die Verantwortlichen des SK Sturm haben wohl den einen oder anderen Punkt mehr aus diesen beiden Spielen eingeplant. Noch dazu legte der grün-weiße Konkurrent mit sieben Zählern aus drei Spielen einen zumindest punktemäßig guten Start hin. Auch Altach hat mit zwei Siegen in drei Partien gut vorgelegt. Nicht optimal gelaufen, dieser Februar, für die so zuversichtlich aus der Winterpause gekommenen Grazer.

Vor der Partie gegen Wiener Neustadt fielen in den Katakomben von Liebenau im Gespräch mit Präsident Christian Jauk sinngemäß Begriffe, die dem Terminus „Pflichtsieg“ ziemlich nahe gekommen sind. Dass der Auftakt immer ein wenig richtungsweisend ist, ist ohnehin bekannt. Es folgte allerdings eine erste Halbzeit nach dem Winter, die schlichtweg zum Vergessen war. Mit einem 0:2-Rückstand schlich die Heimmannschaft in die Pause. Gegen geschickt eingestellte, konternde Niederösterreicher war der SK Sturm völlig abgemeldet. Aber Franco Foda reagierte gut, riss mit der Einwechslung von Roman Kienast und der Umstellung auf 4-1-3-2 das Ruder herum, ehe dann ein Last-Minute-Traumtor dem Letzten einen Punkt bescherte.

Auffällig: Die eklatanten Schwächen der Sturm-Hintermannschaft in dieser Auftaktpartie. Im Herbst war der solide arbeitende Abwehrverbund noch das Markenzeichen der Grazer, vor allem seit der Foda-Rückkehr. Gegen Wiener Neustadt wurde bei allen drei Gegentreffern unterirdisch verteidigt und auch gegen Rapid am Wochenende sah das in vielen Fällen nicht besonders vielversprechend aus. Wiewohl im Happel-Stadion der Spielverlauf für die Gäste nicht wirklich glücklich war. Die extra-harte rote Karte für Martin Ehrenreich nach drei Minuten hat das Spiel wohl mitentschieden.

Nichtsdestotrotz steht aus zwei Spielen ein mageres Pünktchen zu Buche. So einiges läuft noch nicht ganz rund. Sturmspitze Bright Edomwonyi, der für den nach Salzburg abgewanderten Marco Djuricin verpflichtet wurde, zeigt immer wieder sein Potential. Bis er den im Herbst bärenstarken Djuricin adäquat ersetzen kann, wird es aber wohl noch einige Spiele brauchen. Auch Schalke-Wunderkind Donis Avdijaj, leihweise in Diensten der Grazer, ist offenbar noch nicht weit genug für einen Platz in der ersten Elf. Interessante Ansätze wie der Versuch immer wieder einen der beiden Sechser als eine Art Quarterback in die Innenverteidigung zurückzuziehen und von dort das Spiel aufzubauen, gelingen bisher nur partiell.

Zieht man ein Zwischenresümee, bleibt wohl nur von einem durchwachsenen Start zu sprechen. Es liegt nun an Franco Foda zu zeigen, dass er in der ersten brenzligen Phase seiner dritten Amtszeit als Sturm-Cheftrainer das hält, was er in der Antritts-PK versprochen hat. Vor allem hinsichtlich der viel zitierten „menschlichen Weiterentwicklung“, die er sich selbst attestierte. Foda hat vielfach bewiesen, wie man mit Aderlässen im Kader fertig wird und in kurzer Zeit wieder eine Mannschaft formen kann. Dass er bei Gegenwind zur Dünnhäutigkeit neigt, allerdings auch. Soll jetzt anders sein, sagt Foda. Es bleibt für die Sturm-Fans zu hoffen, dass das auch stimmt.

Denn die Wohlfühlphase nach seiner Bestellung samt der „Meistertrainer-Begleitmusik“ ist jetzt vorbei. Die gebetsmühlenartig gepredigte super Stimmung in der Wintervorbereitung verfliegt schneller als man denkt, der kalte Boden auf den Äckern des heimischen Ligaalltags ist härter als das saftige Grün in Belek. Vor Wiener Neustadt wurde noch hinter vorgehaltener Hand von einem Pflichtsieg gesprochen. Heute am Abend in Liebenau gegen die Austria steht wohl schon ein relativ entscheidender Wendepunkt in diesem Frühjahr an. Ein erster voller Erfolg im Kalenderjahr 2015 ist aus Sicht der Schwarz-Weißen schon ziemlich dringend notwendig für den weiteren Verlauf dieses Frühjahrs.


 

Jürgen Pucher war Gründungsmitglied der Plattform „sturm12.at“ und hat dort über Jahre hinweg mit seiner Kolumne „12 Meter“ die Diskussionen rund um den Grazer Verein und den österreichischen Fußball extrem bereichert. Ab sofort wird er in regelmäßigen Abständen bei LAOLA1 Gastkommentare zum Geschehen im heimischen Kick verfassen.

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