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Wohlfahrt vs. Pariasek

Wie ein paar Minuten eines Pauseninterviews sinnbildlich für Fußball-Österreich werden können.

Zuerst begann es ja noch relativ harmlos. In der Pause der Partie Mattersburg gegen Austria am Sonntag kommen der alles und jedes moderierende Rainer Pariasek, Austria-Sportdirektor Franz Wohlfahrt und ORF-Experte Peter Hackmair zusammen, um das soeben Gesehene zu besprechen. Das Spiel im ersten Durchgang dürftig, der Spielstand torlos und das Ambiente im Pappelstadion trist. Alles in allem also eine durchaus übliche Situation bei der Halbzeit-Analyse an einem Sonntagnachmittag. Aber der sonst ausschließlich mit dürftiger Aussprache glänzende und sich aufs Stichwort geben konzentrierende Pariasek war eigenartig aufgekratzt, an diesem ersten Novembertag.

Wohlfahrt: „Nur der Scheiß kommt da“

Der ORF-Mann hat sich ausgedacht, den Fokus auf den 19-jährigen Osman Hadzikic zu legen, der in dieser Saison zum ersten Mal (!) den verletzten Team-Goalie Robert Almer ersetzen musste. Bei der Vorbereitung ist ihm offenbar aufgefallen, dass der Austria-Sportchef früher einmal ein ganz guter Keeper war und deshalb will er ihn in seiner Funktion und auch als „ehemaligen Weltklasse-Torhüter“ befragen. Pariasek also voller Tatendrang, Wohlfahrt schon eher mürrisch, als er eingetroffen ist. Die Frage nach einer mäßigen ersten Hälfte, die er selbst nicht so gesehen haben will, bessert seine Laune nicht wesentlich. Er kontert recht forsch und Pariasek scheint schon vor seinem Hauptanliegen ein wenig Angst vor der eigenen Courage zu bekommen.

Dementsprechend holprig steigt er in sein Torhüter-Thema ein und das Unheil nimmt seinen Lauf. Wohlfahrt erklärt den Verlust des Stammgoalies und sein Vertrauen in den Ersatzmann. So weit, so gut. Pariasek, dann glucksend und aufgeregt, lässt eine Flanke, die Hadzikic nicht gut berechnet, und eine weitere Szene nach einem Eckball einspielen. Seine geplante Dramaturgie erreicht den Höhepunkt. Er verspricht sich sogar bei den selbst vorbereiteten Szenen, ordnet falsch zu. Und dass er einen 19-Jährigen auseinandernehmen will, der sein erstes Spiel nach dem Ausfall des Nationaltorhüters machen muss, sei zudem erwähnt, aber sei‘s drum. Für Franz Wohlfahrt ist das dann zu viel. Er verliert die Contenance, sieht nur die schlechten Szenen gesammelt, versucht verständlicherweise seinen jungen Keeper in Schutz zu nehmen, rutscht niveautechnisch aber ganz weit nach unten. Er verstünde nicht, dass „nur der Scheiß kommt da“ und schimpft recht deftig weiter.

Pariasek: „Aber da war keine Parade“

Rainer Pariasek stammelt noch was von „aber da war keine Parade“, und übergibt dann schon eher säuerlich, denn aufgeregt, grinsend an Peter Hackmair, der versucht, die Szenerie sachlich zusammenzufassen. Hilft nur teilweise, weil sein Moderator die Situation mit einem Witz über die violetten Brillen von Wohlfahrt zu retten trachtet, was selbstredend in die Hose geht und zum nächsten Ausbruch des Austria-Sportchefs führt. Nach dem Abgang von Wohlfahrt ist Pariasek sichtlich gezeichnet und muss sich merkbar sammeln. Als Fernsehkonsument bleibt man nach diesem Pausen-Analyse-Flop, der seinesgleichen sucht, irritiert zurück. Aus mehreren Perspektiven war dieser peinliche Akt allerdings sinnbildlich für die Rahmenbedingungen in Österreichs höchster Liga.

Da ist einerseits eine, trotz neuen Lichtblicken wie Peter Hackmair, noch immer äußerst dürftige Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zur Bundesliga. Ein derart wenig souveräner, schlecht vorbereiteter und im Vortrag patscherter Moderator darf dem Anspruch einer großen Fernsehstation nicht genügen. Dieser Mann moderiert aber mehr oder weniger jedes wesentliche Sport-Event, das vom ORF live übertragen wird. An die Auslosung der EURO 2008 wollen nicht einmal mehr die sarkastischsten Sportfans zurückdenken. Neben dem Auftritt an sich ist es auch mehr oder weniger unglaublich, wie man das Hauptaugenmerk seiner Analyse darauf legen kann, einen Fast-Noch-Nachwuchstormann nach dessen ersten Saison-Einsatz über 45 Minuten in den Fokus zu rücken. Das ist schlicht mieser Journalismus.

Ein Spitzenfunktionär eines Top-Klubs in der Bundesliga müsste allerdings auch auf noch so blöde Fragen besonnener reagieren können. Zum wiederholten Mal fällt Franz Wohlfahrt mit, vorsichtig gesagt, schlechtem Benehmen auf und vergreift sich sowohl im Ton, als auch in der Wortwahl. Das ist eines Spitzenklubs wie der Wiener Austria nicht würdig. Dabei wäre es ja alles andere als schwierig, ein Gegenüber wie Pariasek mit einer Mischung aus Schmäh und Kompetenz zu nehmen. Beides hat der nämlich selbst nicht. Ich würde dem ORF dringend empfehlen, nach sehr vielen Jahren mit dem aktuellen Haupt-Anchorman, an frische Kräfte zu denken. Und ich würde den Jungs aus Favoriten ans Herz legen, ein Anti-Aggressions- und Benimmregeltraining für Leute einzuführen, die vor die Kamera treten müssen.

Weil das Bild, das eine Szene wie Sonntag zeichnet, ist nicht nur imageschädigend, es ist auch ein Synonym für den Gesamtzustand einer Liga. Nicht nur Infrastruktur und sportliche Leistungen sind relevant für einen Wettbewerb. Auch dessen journalistische Begleitung und das Auftreten der Protagonisten der Medien und der Vereine runden einen Gesamteindruck ab. Ein Professionalisierungsschub in diesen Bereichen wäre sehr gefragt.

 

Jürgen Pucher war Gründungsmitglied der Plattform „sturm12.at“ und hat dort über Jahre hinweg mit seiner Kolumne „12 Meter“ die Diskussionen rund um den Grazer Verein und den österreichischen Fußball extrem bereichert. Nun beschäftigt er sich als Betreiber der Podcast-Plattform "blackfm.at" mit den Geschehnissen bei den Schwarz-Weißen. Bei LAOLA1 verfasst er in regelmäßigen Abständen Gastkommentare zum Geschehen im heimischen Kick.

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