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Das Grazer Murmeltier

Ist der SK Sturm nun in einer Krise oder ist er wieder nur das immer gleiche Opfer seiner eigenen Umstände, die jährlich grüßen?

Die Fans haben beim letzten Heimspiel gegen die Austria zu Beginn geschwiegen, Franco Foda ist bei den Pressekonferenzen dünnhäutig wie eh und je und von den großen Tönen zu Saisonbeginn ist nicht mehr viel zu hören. Nichtsdestotrotz trennen Sturm Graz nur drei Punkte von Platz zwei, man ist im Cup noch dabei und dass man von größerem Verletzungspech oder sonstigen Hürden geplagt würde, ist auch nicht der Fall. Sind die Schwarz-Weißen jetzt also in der Krise, oder nicht?

Trotz der Klubfarben kann man diese Frage nicht mit schwarz oder weiß beantworten. In der Mischkulanz ergeben schwarz und weiß grau. Und in dieser grauen Suppe SK Sturm liegt auch des Pudels Kern begraben. Es gibt manche Probleme, die sich bei genauerem Hinsehen als gar nicht mal wirklich solche herausstellen. Es gibt Bereiche, wo nach anfänglich übertriebener Euphorie nun die gleichermaßen überzogene Negativ-Meinung um sich greift. Und es gibt seit Jahren viele Probleme, die von den „falschen“ Personen oder wie gerade vor Kurzem zwar von einer gewichtigen Stimme, aber eben zum falschen Zeitpunkt angesprochen wurden. Aber der Reihe nach.

Franco Fodas Team wird unter anderem dafür kritisiert, ein starres, unattraktives, auf Sicherheit bedachtes System zu spielen, das mit Leichtigkeit ausgehebelt werden kann. Das greift in der Gesamtheit des Vorwurfs nun doch etwas zu kurz. Zunächst, als man Foda bekam, hat man gewusst, für welche Art Fußball er steht. Damals habe ich wenige kritische Stimmen gehört oder gelesen, die sich darüber echauffiert hätten. Der Mainzer propagiert nun einmal eine gesicherte Abwehr und ist nicht für besonders offensiv-furios ausgerichtete Spielanlagen bekannt. Aber seine Mannschaft ist nichtsdestotrotz eine der wenigen in dieser Liga, die versucht ein Fußballspiel aufzuziehen und nicht nur das „Tief stehen – Umschalten – Zuschlagen“-System anwendet. Dass das noch nicht hundertprozentig gelingt, steht auf einem anderen Blatt Papier.

Mit eine Ursache für die enttäuschte Grundstimmung in Graz sind natürlich auch das Gerede vom Mitfavoriten auf den Titel vor der Saison oder die kindisch-vollmundigen Parolen des Trainers vor dem Europacup, man könne auch international außer den absoluten Top-Klubs allen Mannschaften auf Augenhöhe begegnen. Dann klappt der Saisonstart nicht wie gewünscht und in der Euro League fliegt man sang- und klanglos raus – Bonjour Tristesse im wankelmütigen Graz. Gerhard Goldbrich und Co. haben sich das natürlich zu einem Gutteil selbst zuzuschreiben. Wenn man den Mund voll nimmt, muss man im Nachhinein dazu stehen. Dass der General Manager nach den drei Niederlagen in Folge und den Fanprotesten nun eher ungelenk zurückrudert, macht es nicht besser. Zuerst leise-angetan-bauchgepinselt dulden, dass das Team ein Mitfavorit um den Titel sein soll und nach dem ersten größeren Durchhänger auf die überzogene Erwartungshaltung schimpfen – das geht dann doch nicht.

Nicht zuletzt spielen die Fans und ihre Protestaussendung eine äußerst fragliche Rolle in diesem vermeintlichen Krisenszenario. Von dem, was in dem Text „Wir wollen Sturm sehen!“ geschrieben steht, kann man durchaus vieles unterschreiben. Da geht es um die Art, wie Sturm Graz Fußball spielt, die viel zitierte Karriereplattform, die seit Jahr und Tag nur in Konzepten in irgendwelchen Schubladen existiert, oder um die professionellen Strukturen, deren Umsetzung dem Anspruch von der Generalversammlung 2012 nie standhalten konnte. Viele sehr richtige Punkte sind da zu lesen, allerdings zum komplett falschen Zeitpunkt. Inhaltlich brennen diese Themen den hinterfragenden Fans seit Jahren unter den Nägeln. Sie waren auf kritischen Plattformen auch schon fast wortgleich ab dem Meisterjahr 2011 und spätestens seit dem viel zitierten „Sturm neu“ im Jänner 2012 zu finden.

Von der Kurve war in den Zeiten des Erfolges und speziell seit der Ära Gerhard Goldbrich wenig bis nichts Kritisches zu hören. Ein Schelm, wer das mit dem einen oder anderen Entgegenkommen an die Fangruppen in Verbindung bringt. Wie auch immer, jetzt plötzlich, nach drei Niederlagen in Serie, rückt man anlassbezogen mit den gesammelten Werken heraus und sagt: „Zu sehr offenbart die aktuelle Situation des SK Sturm all jene Problemzonen, die die Anhänger seit Jahren quälen.“ Meine lieben Herrschaften von der Brigata und Co.: Nicht die aktuelle Situation offenbart irgendwelche Problemzonen. Ein kritisches Hinterfragen des Tuns in Messendorf hätte eine Aussendung wie diese vor Jahren hervorrufen müssen. Jetzt muss man sich völlig zu Recht den Vorwurf der ergebnisorientierten Kritik gefallen lassen.

Unterstrichen wird dieser Umstand zudem von der Tatsache, dass nach den jüngsten Erfolgen gegen die Austria, im Cup und in der Südstadt schon wieder kaum mehr was zu hören ist von den kritischen Worten. Vielleicht käme der SK Sturm endlich einen Schritt vorwärts, wenn sich einige in Graz einmal an der selbstverliebten Nase nehmen würden. Der General Manager, der sich wie ein Fähnchen im Wind der öffentlichen Meinung dreht. Der Trainer, der – Wattebausch-Geschreibe von den lokalen Medien gewohnt – jede Kritik als Majestätsbeleidigung aufnimmt. Und nicht zuletzt die Fangruppen, die sich sehr gerne selbst in den Mittelpunkt rücken, ihre starke Stellung, um relevante Kritik zu üben, nur anlassbezogen nutzen und im Erfolgsfall gleich wieder darauf vergessen.


 

Jürgen Pucher war Gründungsmitglied der Plattform „sturm12.at“ und hat dort über Jahre hinweg mit seiner Kolumne „12 Meter“ die Diskussionen rund um den Grazer Verein und den österreichischen Fußball extrem bereichert. Nun beschäftigt er sich als Betreiber der Podcast-Plattform "blackfm.at" mit den Geschehnissen bei den Schwarz-Weißen. Bei LAOLA1 wird er in regelmäßigen Abständen Gastkommentare zum Geschehen im heimischen Kick verfassen.

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