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Symbolischer Untergrund

Das Rasenfiasko in Graz spiegelt den Stellenwert des Spitzenfußballs wider


Es ist zum Schämen. Da können die Verantwortlichen der Stadt respektive der Messe Congress Graz, die für die Stadionverwaltung verantwortlich zeichnet, noch so oft von einem guten Zustand der Arena in Graz Liebenau schwadronieren. Im August 2014 hieß es aus dem Bürgermeisterbüro sogar noch, der SK Sturm sei mehr als gut bedient mit den Bemühungen der Stadt rund um den in die Jahre gekommenen Kasten im Süden von Graz. Diese Ansage sorgte schon damals für einige Aufregung, angesichts des Status Quo des Liebenauer „Grüns“ klingt das heute, ein Jahr später, besonders grotesk.

Die Leute kommen nicht mehr nur wegen des Spiels alleine. Wir brauchen einfach ein modernes Fußballstadion”, wird Präsident Christian Jauk nicht müde zu betonen. Er fürchtet nicht zu Unrecht gegenüber den Wiener Vereinen in Sachen Infrastruktur noch weiter ins Hintertreffen zu geraten, wenn dort die Stadionprojekte finalisiert sind. Neben diversen Alterserscheinungen, die behoben werden müssten, gipfelt die ganze Sache in dem anhaltend desolaten Liebenauer Rasen. Symbolhaft für die ganze Misere zeigt sich in Graz ein holpriger, mit braunen Flecken durchzogener Untergrund. Und das nicht erst seit Kurzem. Seit Jahren sorgt das Geläuf bei Heimspielen des SK Sturm für Kritik. Von den Gegnern und den Verantwortlichen der Schwarz-Weißen. Dieses Mal war es angeblich ein Fehler beim Düngen. Ein anderes Mal war es die American Football-EM, die eine zu große Zusatzbelastung war.

Alles einerlei. Was hat es einen Profi-Fußballklub zu interessieren, warum man ihm keine geeigneten Wettkampfbedingungen zur Verfügung stellt? Der SK Sturm mietet die Anlage und als Gegenleistung darf man zumindest die Minimalanforderungen für professionelle Fußballspiele erwarten, Diskussionen über angemessene Mietpreise hin oder her. Die sind im Moment nicht gegeben. Der technische Direktor der Messe Congress Graz, Karl Altenburger, hat zudem noch die Chuzpe auf die Frage nach der Dauer von Verbesserungsmaßnahmen zu antworten, er sei auch kein Rasen-Doktor. Nicht nur angesichts dieser nahe an der Provokation liegenden Aussage liegt der Schluss nahe, dass es hinsichtlich der Kommunikation und der Prioritätensetzung haken dürfte. Man wird das Gefühl nicht los, dass es dem Messe Congress-Geschäftsführer Armin Egger und seinem Team kein besonders großes Anliegen ist, hier vorwärts zu kommen.

Egger lässt sich gegenüber Medien oft verleugnen. Wenn es Statements gibt, heißt es, man tue das Möglichste und man könne nicht das ganze „Wunschkonzert“ des SK Sturm erfüllen. Zur Zusammenarbeit und den Gesprächen mit dem Verein gibt es außerdem seit Jahren widersprüchliche Bemerkungen. Ständig gibt es konstruktive Gespräche, von denen nur eine Seite überhaupt etwas weiß. Immer wieder sieht sich ein Partner auf einem guten Weg, dessen Pfad der andere aber noch nicht gefunden hat. Von Schikanen rund um Verweigerungen der Schlüsselausgabe an den Mieter wegen Kleinigkeiten wie nicht abgekratzten Stickern gar nicht zu reden. Von A-Z ist die gesamte Thematik der Adaptierung des Stadions in Liebenau eine einzige Posse. Vom Wahlkampfschmäh des „Tors zur Stadt“ bis hin zum jämmerlichen Ist-Zustand ohne tauglichen Rasen.

Wo ist das Commitment der Stadtpolitik zum Spitzenfußball der angeblichen Sportstadt Graz? Momentan reicht das nur soweit, sich auf den Polstersessel zu setzen, sich vom Platzsprecher begrüßen zu lassen und ein Gesichtsbad als „Supporter“ von Sturm Graz zu nehmen. Das ist nicht genug. Rapid-Trainer Zoran Barisic hat schlichtweg Recht, wenn er anlässlich des Spiels Erster gegen Zweiter von einer Katastrophe angesichts der Bedingungen spricht. Und er fügt den wichtigen Punkt hinzu, dass Infrastrukturverbesserungen der ganzen Liga gut zu Gesicht stünden. Mit dem seit geraumer Zeit anhaltenden sportlichen Aufwind von Fußball-Österreich kann die Infrastruktur nicht Schritt halten. Das gilt für die teilweise desolaten Spielstätten der Liga, als auch für den mehr als veralteten Bau im Wiener Prater. In beiden Fällen braucht es ein Commitment der öffentlichen Hand, um Verbesserungen zu erzielen. Die Stadt Wien zeigt es mit den Investitionen bei Rapid und Austria vor. Der Rest folgt (noch) nicht nach.

Wenn in Graz Bürgermeister Siegfried Nagl und Sportstadtrat Kurt Hohensinner ihr verbal oder schriftlich geäußertes Commitment ernst meinen, könnten sie den ausführenden Verantwortlichen in der Messe Congress Graz endlich ein bisschen Feuer unter dem Hintern machen. Auch ihr "Engagement" soll, muss und wird in Zukunft vermehrt unter der medialen Lupe stehen. Der aktuelle Zustand des Rasens ist für einen Bundesligisten mit Europacup-Ambitionen unwürdig. Es ist das Mindeste für einen Stadioneigentümer, dem Mieter einen Fußballrasen zur Verfügung zu stellen, der dieser Bezeichnung gerecht wird. Nächsten Sommer soll es soweit sein. So ein brauner Acker schaut ja besonders von den guten Plätzen im VIP-Klub wirklich gar nicht schön aus, oder?


 

Jürgen Pucher war Gründungsmitglied der Plattform „sturm12.at“ und hat dort über Jahre hinweg mit seiner Kolumne „12 Meter“ die Diskussionen rund um den Grazer Verein und den österreichischen Fußball extrem bereichert. Ab sofort wird er in regelmäßigen Abständen bei LAOLA1 Gastkommentare zum Geschehen im heimischen Kick verfassen.

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