Hütteldorfer Selbstverständnis

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Hütteldorfer Selbstverständnis

Das Leugnen der Kleinheit im richtigen Moment sorgt für grün-weiße Europacuperfolge.


Der SK Rapid ist die mit Abstand erfolgreichste österreichische Mannschaft im Europacup. Damit haben die meisten Titel in der nationalen Liga nichts zu tun. Im internationalen Geschäft ist auch Österreichs Rekordmeister spätestens seit Ende der 1980er-Jahre nur ein kleiner Fisch. Das will man in Hütteldorf aber nicht wahrhaben und genau darin liegt das Geheimnis des Erfolges.

„Wir sind Rapid und wer seid ihr?“ Das mag anmaßend klingen für einen österreichischen Bundesligisten, der gegen eine Mannschaft aus den europäischen Top-Ligen antritt. Die Grundlage eines gewissen Selbstverständnisses ist es aber genauso.

Rapid hält sich für einen Großklub und tritt in den wichtigen internationalen Momenten oft dementsprechend auf. Natürlich führt das nicht immer zum Erfolg, das tut es aber beim AC Milan oder Borussia Dortmund auch nicht. Trotzdem halten sich diese Teams beim nächsten Mal noch immer für eine große Nummer. Genauso wie Rapid. Völlig gleich, ob man schon länger nicht mehr österreichischer Meister war, nur ein Zehntel des Budgets dieser Klubs aufweist oder nach einem mäßigen Heimkick mit einer denkbar schlechten Ausgangsposition nach Amsterdam fährt. Man sieht sich auf Augenhöhe, auch wenn der Schein dem Sein in nackten Zahlen nicht standhalten würde. Das ist aber egal, weil auch aufgrund dieses Zugangs in regelmäßigen Abständen Außergewöhnliches auf europäischer Bühne erreicht wird.

Der Verein, der sonst am ehesten das Potenzial dazu hätte, eine solche Dynamik zu entwickeln, ist der SK Sturm. Aber, und das sagt ein Fan von ebendiesem Verein, da liegt einiges dazwischen. An den Grazern pickt, trotz einer kurzen Episode mit bemerkenswerten Erfolgen in der Champions League, einfach ein gewisses provinzielles Selbstverständnis, das sich nicht so schnell ablegen lässt. Da kann Franco Foda noch so oft Kampfparolen ausgeben und posaunen, man könne auch in Europa fast jeden Gegner schlagen. In Wirklichkeit glaubt ihm aber niemand ein Wort und die Leute halten die Aussagen für eine Zweckbehauptung. Wenn Zoran Barisic im Vorfeld der Ajax-Auswärtspartie sagt: „Wir fahren dorthin, um zu gewinnen“, dann lauten die Reaktionen: „Ja, genau, wieso eigentlich nicht, weil wir sind Rapid.“

Das erzeugt eine Atmosphäre, eine Aura. Das überträgt sich auf das gesamt Umfeld. Die Fans, die Mannschaft, die Vereinsmitarbeiter. Und das seit vielen Jahrzehnten. Welche großen Europacup-Momente, mit Ausnahme der Champions League-Auftritte von Sturm, einer Sensations-Saison der Austria Salzburg und ein paar Highlights in der Europa League der finanziell ungleich höher dotierten Getränkekonzern-Mannschaft, wurden nicht vom SK Rapid erreicht? Das ist keineswegs Zufall und im Spirit begründet, der rund um dieses Team entstehen kann. Das haben die grün-weißen den restlichen heimischen Mannschaften schlicht voraus.

Das erzeugt auch die extreme Bindung zwischen dem Verein und seinem Anhang. Man ist eben gern Fan eines besonderen Klubs und zahlt das mit überbordender Gefolgschaft zurück. Bei kaum einem Team, der BVB einmal ausgenommen, in Europa fahren so viele Fans zu den Auswärtsspielen mit. Beim kaum einem Team gibt es diesen unbändigen Dauersupport. In der Liga ist wieder der einzige Verein, der hinsichtlich Support der Kurve mithalten kann, der SK Sturm. Deswegen sind die Duelle dieser beiden Vereine mittlerweile auch die unterhaltsamsten im heimischen Fußball. Aber wenn es um den zahlenmäßigen und frenetischen Support der „Längsseitenbesucher“ geht, ist Rapid Lichtjahre vor allen anderen. Auch das ist Teil einer gesamtheitlichen Stimmung, die oft zu einem Überschreiten des eigentlichen Leistungsniveaus führt. Wenn das neue Stadion in Hütteldorf hält, was es verspricht, wird sich dieser Effekt noch verstärken.

Jetzt kommen englische, deutsche oder spanische Vertreter im Endspiel um den Einzug in die Champions League-Gruppenphase. Natürlich sind die Rapidler nicht Favorit, in der Wahrnehmung der Gegner sogar nur eine Pflichtübung. Natürlich stehen all diese Mannschaften aus den Top-Ligen Europas noch einmal eine ganze Stufe über Ajax Amsterdam. Aber das Happel-Stadion wird im Heimspiel ausverkauft sein und in Hütteldorf hält man sich selbst für mindestens so relevant wie Manchester United. Also, wer weiß?


 

Jürgen Pucher war Gründungsmitglied der Plattform „sturm12.at“ und hat dort über Jahre hinweg mit seiner Kolumne „12 Meter“ die Diskussionen rund um den Grazer Verein und den österreichischen Fußball extrem bereichert. Ab sofort wird er in regelmäßigen Abständen bei LAOLA1 Gastkommentare zum Geschehen im heimischen Kick verfassen.

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