Science Busters

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Revolutionieren Datenmodelle eines Wett-Gamblers den Fußball?

Wir haben nicht schlecht gestaunt, als Sturm-Präsident Christian Jauk beim LAOLA1-Interview zu einem detaillierten Referat über die Notwendigkeit verstärkter wissenschaftlicher Arbeit bei seinem Verein ausholte. Man überlege die Anstellung eines Fußballtechnikers, langfristig sogar die Etablierung einer Analyse-Abteilung, und er wolle diesen Gedanken in den Köpfen aller beim SK Sturm verankern. Das mag international in großen Ligen längst üblich sein. In Österreich war das so noch von keinem Klubchef zu hören und wird bestenfalls in Salzburg gelebt. „Die Konzepte, die der dänische Meister FC Midtjylland auf dieser Basis entwickelt hat, sind sehr interessant“, erklärt Jauk, woran man sich dabei unter anderem orientiert.

Das Konzept beinhaltet zunächst, beim Scouting auf spezifische, mathematische Modelle zurückzugreifen. Ein gewisser Matthew Benham, vormals Hedgefondmanager, Börsenzocker und Profi-Spieler war gerade bei Fußballwetten sehr erfolgreich. Er verfolgte dabei ein Modell, wobei er Statistiken angelegt hat, warum Teams Matches gewinnen. Basierend auf diesen Indikatoren untersuchte er den Wettmarkt auf Ineffizienz und Fehler bei den Buchmacherpreisen. In diese "Lücken" platzierte er seine Wetten. Diese Systematik übersetzte Benham später auf den Transfermarkt im Fußball. Sein Datenmodell sucht basierend auf spezifischen Schlüsselindikatoren den geeigneten Spieler für die jeweilige Position.

Dieser Tage hat das Benhamsche Scoutingmodell auch in Österreich zugeschlagen. Konstantin Kerschbaumer, 23-jähriger Mittelfeldspieler bei der Admira, der selbst in der österreichischen Bundesliga bislang einen äußerst überschaubaren Bekanntheitsgrad erreicht hat, ist in die zweithöchste englische Spielklasse zum FC Brentford übersiedelt. Ein Transfer, dem eine speziellere Überlegung zugrunde liegen muss. Sehr oft werden Spieler aus der Bundesliga nicht nach England transferiert, so unbekannte wie Kerschbaumer schon gar nicht. Dass Matthew Benham seit 2014 Mehrheitseigentümer beim Klub aus dem Großraum London ist, ist wohl kein Zufall. Worauf das Modell abzielt, scheint auch klar: Den geeigneten Spieler für die kleinere Brieftasche zu finden und zugleich jene Leute zu identifizieren, auf die die großen Vereine nicht ohnehin von selbst stoßen.

Während sich im altbackenen englischen Unterhaus noch alle über den "Fußballmanager als Mathematiker" lustig machen, hat sich das Modell in Dänemark längst bewährt. Eben dieser Herr Benham ist nämlich nicht nur Mehrheitseigentümer beim FC Brentford, er hat auch den eingangs angesprochenen FC Midtjylland, seines Zeichens frischgebackener dänischer Meister, vor einigen Jahren übernommen und ordentlich investiert. Unter anderem auch dort in Österreicher: Daniel Royer zieht es kommende Saison nach Jütland und Martin Pusic, schon länger in Skandinavien, ist im Februar ebenfalls bei den "Wölfen" gelandet.

Benham hat außerdem den ambitionierten Rasmus Ankersen als Sportchef bei seinem Verein installiert, der unter anderem damit aufhorchen ließ, er würde seinen Coach niemals aufgrund der Tabellensituation feuern. Vielmehr legt man beim dänischen Meister Wert auf andere Parameter, die man langfristig für wichtiger für den Erfolg hält. Zum Beispiel das Kreieren gefährlicher Torraumsituationen. Oder Standardsituationen. Midtjylland schafft in diesen Bereichen europäische Spitzenwerte und hält die finanzkräftigeren Kopenhagener Vereine auf Distanz. Ein schlechter Tabellenplatz ist also kein Indiz für einen wackeligen Trainerstuhl, umgekehrt geht es aber auch: Meistertrainer Glen Riddersholm ist trotz Trophäe seinen Job los.

Die "Idee" setzt man auch im Jugendbereich seit mehreren Jahren um und mittlerweile stehen regelmäßig eine Handvoll Spieler aus der eigenen Akademie in der ersten Mannschaft. Aktuelles Aushängeschild Marke Eigenbau ist Pione Sisto, dänischer U-21-Spieler, bei dem eine Reihe von Top-Klubs Schlange stehen soll. Und nicht zuletzt hat es Midtjylland mit dem Benham-Modell geschafft, bei anderen, größeren Vereinen unterschätzte Spieler für sich zu verpflichten, die dann in Dänemark sehr erfolgreich Fußball spielen. Klingelt es schön langsam, warum sich nicht nur der SK Sturm in Österreich für diesen Ansatz interessieren sollte?

Diese ganze Geschichte heißt nun nicht, dass der Fußball ausschließlich zu einem computergesteuerten, datenbasierten Berechnungsmodell mutiert. Umsetzung auf dem Platz ist schon noch die Königsdisziplin. Aber das Beispiel Midtjylland zeigt, dass man diesen Dingen wohl gesteigerte Aufmerksamkeit widmen sollte. Vor allem wenn man ein in seinen Mitteln limitierter österreichischer Bundeligaklub ist.

Zielgerichtetes Scouting, wie oben erläutert, könnte neue Dimensionen eröffnen. So mancher Beobachter sieht in solch einem Vorgehen sogar einen vierfachen Benefit: Taktische Optimierung, Kaderoptimierung, Erfolgsoptimierung und Erlösoptimierung. Die Führung des SK Sturm dürfte hier dazu zählen. Rund um das Testmatch gegen den FC Midtjylland diese Woche soll es intensiven Erfahrungsaustausch gegeben haben. Dem ganzen österreichischen Fußballkosmos sei abschließend besonders noch ein Punkt dieser Geschichte hinter die Ohren geschrieben: Die ewige Story von Glück, Pech und der damit verbundenen Ergebnisfixiertheit.

Rasmus Ankersen im "The Guardian" dazu: „Too often in football, the result determines the narrative – for managers, reporters and fans.“ Fußball-Österreich ist darin wohl einer der Weltmeister. Die Begründung für dieses Verhalten beschreibt der Midtjylland-Sportchef so: „No one wants to say they were lucky when they win. But in football success turns luck into genius.“ Würde man hierzulande in der (Nach)Betrachtung von Fußballspielen das eine oder andere Mal öfter an diese Sätze denken – das gilt für Spieler, Fans, Journalisten und Funktionäre/Trainer gleichermaßen – würde man vielleicht auch in der öffentlichen Rezeption des Sports ein höheres Niveau erreichen können.


 

Jürgen Pucher war Gründungsmitglied der Plattform „sturm12.at“ und hat dort über Jahre hinweg mit seiner Kolumne „12 Meter“ die Diskussionen rund um den Grazer Verein und den österreichischen Fußball extrem bereichert. Ab sofort wird er in regelmäßigen Abständen bei LAOLA1 Gastkommentare zum Geschehen im heimischen Kick verfassen.

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