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Teenager in der Warteschleife

Aus denen wird mal was. Ein Satz, den man nur allzu oft hört und allzu gerne sagt, wenn eines der ÖFB-Nachwuchsteams wieder einmal ein mehr als beachtliches Ergebnis eingefahren hat. Das jüngste Beispiel dafür ist der 5:1-Sieg der U19-Auswahl gegen die deutschen Altersgenossen. Schon davor war der Einzug in die Eliterunde der EM-Quali fixiert.

Sollte es auch mit der Teilnahme an der Endrunde klappen, wäre es keine Überraschung mehr. Dass Österreichs Nachwuchs-Nationalteams bei Endrunden mitspielen, ist schon mehr Regel denn Ausnahme. Anders verhält es sich bekanntlich beim A-Team, wenngleich die Hoffnung nach dem guten Start in die EM-Quali erneut (und berechtigt) groß ist.

Das Problem, das an dieser Stelle ins Spiel kommt, ist kein neues – der Übergang in den Profi-Fußball ist für junge Talente schwierig. Der mancherorts ausgerufene „Jugendwahn“ in der Bundesliga hat das nicht großartig geändert. Denn Teenager muss man auf den Rasen von Altach bis Wien mit der Lupe suchen. Acht österreichische Kicker unter 20 Jahren haben in der laufenden Saison in der höchsten Spielklasse gegen den Ball getreten.

Harrer das jüngste Veilchen

Einer jener österreichischen Vereine, die sich ihrer guten Nachwuchsarbeit rühmen, ist die Wiener Austria. Zu Recht. In der Akademie am Verteilerkreis wird Ausgezeichnetes geleistet. Das lässt sich an den Meisterschaftstabellen der Nachwuchsbewerbe ebenso ablesen wie an der Rangliste der Regionalliga Ost, in der die Jung-Veilchen Jahr für Jahr um den Titel mitspielen. Dementsprechend viele FAK-Talente sind auch in den ÖFB-Teams zu finden.

Zum Abpfiff des oben erwähnten 5:1 gegen Deutschland standen nicht weniger als sechs Violette am Feld: Goalie Osman Hadzikic, der an St. Pölten verliehene Außenverteidiger Petar Gluhakovic, die beiden Torschützen Sascha Horvath und Marko Kvasina sowie Nikola Zivotic und Stefan Jonovic. Allesamt Spieler jener Generation, die in der abgelaufenen Saison in der UEFA Youth League für Furore sorgte und erst im Achtelfinale am späteren Finalisten Benfica scheiterte.

In der Bundesliga hat von ihnen bisher nur Horvath gespielt. Aber nicht in der aktuellen Saison, denn da ist der 22-jährige Martin Harrer der jüngste bisher eingesetzte Spieler. Gründe dafür gibt es mehrere, nicht an allen trägt die Austria selbst schuld.

Ein Termin-Problem

Die Termine für die Nachwuchs-Länderspiele werden nämlich nicht in Wien-Favoriten gemacht. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass sie auch nicht der ÖFB macht. Tatsache ist, dass Horvath beispielsweise mehr als ein Viertel der bisherigen Ära Gerald Baumgartner aufgrund von Länderspielen verpasst hat – U19-EM (in der entscheidenden Phase der Saison-Vorbereitung!), eine Woche Trainingslager inklusive Testspiel gegen die Schweiz und die erste Runde der U19-EM-Quali ergeben viereinhalb Wochen in der Obhut des ÖFB.

Die aktuelle Saison ist kein Einzelfall, in der Vorsaison war es neben den diversen Quali-Verpflichtungen die U17-WM im Herbst. Dabei wäre es für junge Spieler wichtig, in den Länderspielpausen der Bundesliga am Training ihrer Vereine teilnehmen zu können – jene Zeit, in der die Trainer an der Taktik feilen und sich Talente in Abwesenheit so mancher Stammkraft als ernsthafte Alternative aufdrängen können. Zweifellos eine Schattenseite der sonst so erfreulichen, regelmäßigen Teilnahmen der ÖFB-Youngster an den Endrunden.

Die Kader-Zusammenstellung

Sehr wohl an der eigenen Nase nehmen muss sich die Austria aber, wenn es um die Zusammenstellung ihres Kaders geht. Die Talente spielen in den Plänen der sportlichen Führung offenbar nur eine untergeordnete Rolle, sonst wäre zumindest die ein oder andere Position nicht doppelt und dreifach mit Kickern in den Mittzwanzigern bis Dreißigern besetzt worden – Beispiel: zentrales Mittelfeld.

Dieses Problem ist bei den Veilchen kein neues. In den Saisonen 2009/10 und 2010/11 waren zum letzten Mal Teenager Stammspieler: Heinz Lindner und Aleksandar Dragovic. Die beiden wurden ins kalte Wasser geworfen und sind geschwommen. Dazu fehlt derzeit aber augenscheinlich der Mut.

Ergebnis-Orientiertheit statt Vision

Der Mut von Sportvorstand Thomas Parits, der für die angesprochene Kaderzusammenstellung verantwortlich zeichnet, und der Mut der jeweiligen Trainer. Und genau im Wort „jeweiligen“ liegt der Hund begraben. Die Trainerbank am Verteilerkreis hat sich in den vergangenen Jahren wieder zum Schleudersitz verwandelt. Und wenn der Fußball zu sehr zum Tagesgeschäft, ein Coach nach fünf, sechs schlechten Ergebnissen schon unter Druck gesetzt wird, würde dieser seiner Karriere gegenüber fahrlässig handeln, auf freilich noch inkonstante Talente zu setzen. Die längerfristige Vision weicht zwangsläufig der Ergebnis-Orientiertheit.

Es ist kein Zufall, dass die letzten Teenager unter Karl Daxbacher, dem letzten langjährigen Austria-Trainer, ihre Stammplätze erobert haben. Jeder seiner Nachfolger kann eine glaubwürdige Ausrede zum Besten geben, warum er nicht auf ganz junge Spieler gesetzt hat.

(Gute) Ausreden

Ivo Vastic hatte nur ein halbes Jahr Zeit und steckte in einer sportlichen Dauerkrise. Peter Stöger kämpfte (erfolgreich) um den Meistertitel und war mangels Europacup-Teilnahme nicht zum Rotieren gezwungen. Nenad Bjelica wollte Köpfe rollen lassen, wurde aber von weiter oben ausgebremst und war dann rasch Geschichte. Herbert Gager setzte zumindest Sascha Horvath regelmäßig ein, war aber sowieso nur Kurzzeittrainer. Und Baumgartner war in den ersten Wochen mit so vielen Baustellen beschäftigt, dass ihm nachzusehen ist, bisher nicht allzu sehr auf den Nachwuchs geachtet zu haben.

Allerdings sind wir da schon bei einem anderen – typisch österreichischen – Problem angelangt: Es gibt immer zumindest einen guten Grund, etwas Riskantes nicht zu tun. Es wäre aber wünschenswert, wenn die Klub-Führungen dieses Landes den Trainern ein wenig mehr Rückendeckung geben würden, wenn sie es trotzdem versuchen. Oder ihnen einfach durch die Zusammenstellung des Kader gar keine andere Wahl ließen, als Talente einzusetzen. Denn nur dann wird aus denen wirklich mal was.

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