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Eine richtige Entscheidung und offene Fragen

Ich gebe zu, ich habe mich geirrt.

Am 25. Februar schrieb ich an dieser Stelle bezugnehmend auf die Causa Ayhan Tumani folgendes:

„… diesbezüglich müsste im Fall der Fälle der Vorstand plus Aufsichtsrat die Reißleine ziehen. Aber ob Jauk der Typ dafür ist, diesen Gesichtsverlust zu riskieren? Wenn schon wieder ein sportlicher Geschäftsführer scheitert, fiele es unweigerlich auch auf ihn zurück.“

Diese imaginäre Wette hat Präsident Christian Jauk also gewonnen. Glückwunsch. Tumani ist nicht mehr Geschäftsführer Sport des SK Sturm, die Grazer haben nun also auch offiziell ihren „zweiten Elfmeter“ verschossen.

Kein billiges Vergnügen. Denn man darf davon ausgehen, dass sich der Deutsch-Türke diese – wie es in solchen Fällen so schön heißt - „einvernehmliche Trennung“ entsprechend vergelten ließ. Sein Vertrag wäre noch bis Sommer 2014 gelaufen und freiwillig verzichtet im Fußball-Business kaum jemand auf einen Cent.

Wie auch immer: Auch wenn man ein virtuelles Elfmeterschießen nicht mehr hoch gewinnen wird, ist diese Entscheidung die richtige.

Denn dass die gewaltigen atmosphärischen Störungen zwischen der überwältigenden Mehrheit der Sturm-Mitarbeiter und Tumani nach dessen Rückkehr aus einem mehrwöchigen Krankenstand nicht mehr zu kitten sein würden, war absehbar bzw. bereits hier und hier dokumentiert.

Um es klar verständlich festzuhalten: Auch wenn es in der Arbeitswelt derzeit einfachere Pflaster als den SK Sturm gibt, ist Tumani einzig und alleine an sich selbst und seinem Auftreten gescheitert. Punkt.

Dafür bekam er nun die Rechnung präsentiert. Es ist kein unwichtiges Signal, diese Entscheidung nach zwei Siegen zu treffen, damit nicht der Eindruck entstehen kann, der 41-Jährige wäre ein billiges Bauernopfer aufgrund der sportlichen Talfahrt. Diese Aktion war vielmehr – ergebnisunabhängig – schon länger geplant und auch überfällig.

Ich wiederhole mich: In Wahrheit hätte man Tumani nie und nimmer in die Geschäftsführung berufen dürfen. Aber dazu später mehr. Vorher ein nicht unwichtiger Exkurs zum Thema Kommunikation beim SK Sturm.

Intensiveren Beobachtern des Vereins kostete die offizielle Begründung des Tumani-Abschieds durchaus ein Schmunzeln. In der durchaus geschickt formulierten Presseaussendung heißt es im Wortlaut:

„Schon in den vergangenen Tagen, wurden in mehreren Terminen der Gremien mit der sportlichen Leitung, die Zielsetzungen und Zukunftsperspektiven abgeglichen und analysiert. In ausführlichen Gesprächen wurde gemeinsam und einvernehmlich entschieden, getrennte Wege zu gehen. Grund für die vorzeitige Trennung sind Differenzen in der Auffassung der zukünftigen, sportlichen Ausrichtung des SK Puntigamer Sturm Graz.“

Im heutigen PR-Zeitalter muss man es wohl so ausdrücken, das gebietet die Höflichkeit – die wahren Gedanken der Entscheidungsträger und vieler Mitarbeiter wären tendenziell auch nicht druckreif.

Man möge aber bitte dennoch zwischen den Zeilen lesen. Denn bei aller Liebe: Differenzen in der Auffassung der zukünftigen, sportlichen Ausrichtung? Mit einem hochrangingen Mitarbeiter der erst Mitte September – nach einem langwierigen Bewerbungsprozess – bestellt wurde? Ja genau…

Öffentliche Kommunikation weicht nunmal bisweilen von der Wahrheit ab, das ist kein Alleinstellungsmerkmal Sturms. Mehr Schein als Sein eben. Dennoch seien zwei unmittelbar mit dieser Causa zusammenhängende Beispiele aus Graz in Erinnerung gerufen:

Tumanis Vorgänger Paul Gludovatz war nach seinem Schwächeanfall offiziell immer noch im Krankenstand, während hinter den Kulissen längst an der Trennung gebastelt wurde. Gludovatz wäre durchaus wieder einsatzfähig gewesen, wenn man ihn hätte behalten wollen.

Sein Interims-Nachfolger, Geschäftsführer Wirtschaft Christopher Houben, wiederum war laut offizieller Vereinskommunikation in der zweiten August-Hälfte offiziell auf Urlaub, als er längst seine Kündigung eingereicht hatte.

Diese Fakten bleiben insofern wichtig, als sie im September unmittelbar in der Bestellung jener Geschäftsführung mündeten, der Tumani angehört hat.

Der Charakter des damaligen Co-Trainers war allseits bekannt, ergo ahnten nicht wenige, wie diese Episode enden würde – und behielten damit Recht.

Deswegen ein weiteres Mal die Frage: Warum, wieso, weshalb, weswegen wurde Tumani in die Geschäftsführung berufen, wenn es nicht galt, in einer Husch-Pfusch-Lösung, den nicht mehr geheimzuhaltenden Abgang von Houben zu kaschieren, um nicht ganz ohne Geschäftsführer dazustehen?

Rund um diese Bestellung gibt es unter der Hand durchaus unterschiedliche Versionen. Mit Ruhm bekleckert haben sich Jauk und viele andere Entscheidungsträger, die sich gemütlich hinter dem Präsidenten verstecken können, jedenfalls nicht.

Weitere Fragen: Wenn Tumani im aufwändigen und enorm zeitraubenden Bewerbungsprozess wirklich der beste Kandidat war, wie schlecht waren dann die anderen?

Musste Tumanis Pendant, Geschäftsführerin Wirtschaft Daniela Tscherk, ebenfalls durch einen ähnlichen Bewerbungsprozess? Oder Generalmanager Gerhard Goldbrich?

Oder war Goldbrich, der nun die sportlichen Agenden übernimmt, von vornherein ein eilig installierter Plan B, weil auch hochrangige Entscheidungsträger ahnten, dass das mit Tumani nicht gut gehen würde?

Hoffentlich nicht. Wenn doch, dann herzliche Gratulation zu dieser „Geldverbrennung“, dann hätte man sich Tumanis Beförderung und Gehaltserhöhung im Vergleich zu seinem Co-Trainer-Lohn gleich sparen können.

Am 19. September, dem Tag der Bestellung dieser nun wieder einmal veränderten Geschäftsführung, bezeichnete ich Präsident Christian Jauk als „roten Faden“ im Grazer Chaos. Liest man sich diese Zeilen mit dem Abstand eines halben Jahres durch, hat sich nur Unwesentliches geändert.

Dennoch besteht Hoffnung: Die Entscheidung an Trainer Peter Hyballa festzuhalten, aber das Duo „Hymani“ zu sprengen, könnte sich als richtig erweisen. Es ist zumindest einen Versuch wert, zu ergründen, ob sich die atmosphärischen Missverständnisse mit dem Coach beseitigen lassen, wenn sein „Zwilling“ nicht mehr präsent ist.

Und durchaus spannend ist die Entscheidung, rund um Roland Goriupp ein Team aufzubauen, das der Geschäftsführung zuarbeitet. Der frühere Sturm-Goalie war übrigens schon vor einem Jahr ein Kandidat auf den Posten des Geschäftsführers Sport.

Damals setzte man mit Gludovatz an der Seite von Fußball-Rookie Houben jedoch auf Routine und griff daneben. Indem man Goriupp nun doch einbindet und aufbaut, schließt sich der Kreis.

Jauk ist in der öffentlichen Darstellung geschickt genug, um auch die aktuellen Turbulenzen unbeschadet zu überstehen. Die lokalen Medien beschützen ihn und wissen sicher warum.

Die aktuelle Umstrukturierung sollte jedoch – nun aber wirklich - hinhauen, um nicht endgültig zum Elfmeter-Killer in eigener Sache zu werden…

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