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Weiter, immer weiter!

Ich gestehe freimütig, dass mich sportlicher Erfolg neben völlig berechtigter Freude und Euphorie stets auch ein wenig in Alarmbereitschaft versetzt.

In Zeiten des Erfolgs werden bekanntlich gerne die größten Fehler gemacht. Das muss man gerade gegenüber gelernten Fußball-Österreichern vermutlich nicht näher ausführen.

Die aktuelle Generation an ÖFB-Kickern samt ihrem Betreuerstab verdient jedoch inzwischen einen Freispruch von diesen Zweifeln.

Die Zielsicherheit, mit der sich diese Mannschaft mittlerweile selbst einschätzen kann (auch durch Marcel Kollers Hilfe), ihr realistisches Gespür für die eigene Leistungsstärke, ihr Selbstverständnis in der Umsetzung – das ist schon alles sehr bestechend. Vor allem da der Grat zur Selbstüberschätzung bekanntlich ein schmaler ist.

Vor der Reise nach Moskau sprach Julian Baumgartlinger, eigentlich mehr für noble Zurückhaltung als für Kampfansagen bekannt, davon, dort „hinzufahren und zu gewinnen“. Eine Vorgabe, die selbstbewusst und präzise umgesetzt wurde.

Dass Koller die Leitlinien der Kommunikation nach außen vorgibt, ist kein Geheimnis. Man kann den Schweizer mit vielem in Verbindung bringen, aber sicher nicht mit Großkotzigkeit. Deshalb sind Aussagen wie jene von Baumgartlinger als nächster Schritt in der eigenen Bewusstseinsbildung zu sehen.

Kollege Martin Blumenau schrieb in seiner Matchanalyse davon, „einen kleinen Bruder des Deutschland-Gens“ zu kreieren. Besser kann man den Spagat zwischen bedingungslosem Glauben in die eigenen Stärke und ebenso bedingungslosem Wahren des Fokus kaum beschreiben. DFB-like eben.

Um Missverständnisse auszuschließen: Österreich ist natürlich keineswegs auf einer Stufe mit Nationen wie Deutschland anzusiedeln, gerade in der aktuellen Qualifikation lief auch vieles günstig für die ÖFB-Elf. Das weiß man intern auch ganz genau.

Dies soll jedoch die Entwicklung nicht schmälern. Blickt man einige Jahre zurück, macht der Vergleich sicher. Dennoch, und ich habe es vor einigen Wochen in anderem Zusammenhang erwähnt, da geht noch mehr. Vor allem wenn man über den Tellerrand der EURO 2016 hinausblickt.

So sehr sich die aktuelle sportliche ÖFB-Crew eingangs erwähnten Freispruch verdient und man auf kontinuierliche Weiterentwicklung hoffen kann, so sehr ist das ganze Fußball-Land gefordert, auf den aktuellen Erfolgen aufzubauen.

Der Masterplan, mit dem man vor gut einem Jahrzehnt angetreten ist und den Aufschwung eingeläutet hat, muss weiter verfeinert werden. Die Liga muss in punkto Ausbildung und vor allem frühere Chancen für wirklich junge Spieler noch mehr in die Pflicht genommen werden – hier gibt es noch einiges an Verbesserungspotenzial.

Für weitere Fortschritte braucht man Ziele. Eines wäre zum Beispiel: Noch mehr Spieler zu absoluten Topklubs zu bringen. Ja, man kann auch ohne David Alaba gewinnen, und vielleicht folgt dem „Solisten“ bald Aleksandar Dragovic ins Konzert der ganz Großen.

Dennoch lebt diese Mannschaft derzeit extrem von ihrer Homogenität, Kompaktheit, taktischen Klugheit und vor allem lange vermisster und auf Nationalteam-Ebene schwierig zu erreichender Eingespieltheit.

An individueller Klasse geht natürlich noch mehr. Das geht freilich nicht von heute auf morgen, aber es muss das nächste Ziel sein, nachdem man jenes einer hohen Legionärs-Dichte und einer beachtlichen Anzahl von Stammspielern in Topligen inzwischen erreicht hat. Auch davon war man vor einigen Jahren noch meilenweit entfernt.

Derzeit hat das Nationalteam eine gute Altersstruktur, die meisten Kadermitglieder werden auch in der kommenden WM-Qualifikation noch an Bord sein. Der 30. Geburtstag liegt für einige jedoch nicht in allzu ferner Zukunft, wenn sie ihn nicht schon gefeiert haben. Das geht schneller, als man glaubt.

Früher oder später braucht es gut ausgebildeten – und im Idealfall noch besseren – Ersatz, wie dies etwa in der Innenverteidigung, wo Martin Hinteregger und Kevin Wimmer für Routinier Emanuel Pogatetz aufgerückt sind, bereits gelungen ist.

Und wann sollte man darauf hinweisen, wenn nicht im Moment des tendenziell größten ÖFB-Erfolgs in diesem Jahrtausend, wenn eine zufriedene Zwischenbilanz, aber keine Selbstzufriedenheit angebracht ist?

Kurzum: Weiter, immer weiter!

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