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Zeitlupe Altmann

 

Man kennt sich - die "Haberer" und ihre Seilschaften

Marcel Koller verfügt über einen eigenen Facebook-Auftritt und lässt ihn derzeit beinahe im Stundentakt aktualisieren, von einer Homepage ganz zu schweigen.

Sein Vorgänger als ÖFB-Teamchef beschwerte sich schon am Tag seines Amtsantritts über die „Playstation-Generation“, die sich mit ihren Laptops auf ihre Zimmer zurückziehen würde.

Nun mag diese Einschätzung nicht grundsätzlich falsch sein, bezüglich des sportlichen Erfolgs ist sie sowieso wurscht. Man muss jedoch nicht immer die unmittelbare fußballerische Arbeit hernehmen, um zu verdeutlichen, wer mit der Zeit geht.

Fakt ist: Nicht nur im Grunde genommen leben wir im 21. Jahrhundert. Mit allen Vor- und Nachteilen.

So charmant es sein mag, im Fußball der 70er oder 80er sozialisiert worden zu sein, die heutige Spielergeneration holt man mit den „Gschichtln“ von damals ebenso wenig ab wie mit den Methoden von anno dazumals.

Nun hat der österreichische Fußball viele Probleme – eines davon ist jedoch besonders bitter: Wichtige Opinion Leader haben erstens den Schritt ins neue Jahrtausend nie vollzogen, halten dafür jedoch geradezu in Nibelungentreue an ihrer Freunderlwirtschaft fest.

Selten wurde dies so deutlich wie in den zwei Tagen seit der Bestellung von Koller zum neuen Teamchef. Jemanden, der noch keine Sekunde lang sein Können unter Beweis stellen durfte, derart zu verunglimpfen, ist einfach nur entlarvend.

Aber drehen wir den Spieß einmal um. Es ist zwar zu pauschal, die komplette 78er-Generation in einen Topf zu werfen, aber sie steht nun einmal sinnbildlich für eine gewisse Geisteshaltung und äußert sich dieser Tage besonders lautstark.

Warum kräht denn kein Hahn mehr nach einem Vertreter dieser Epoche? Warum müssen sie sich damit begnügen, als gut bezahlte Experten zu agieren? Warum haben so wenige von ihnen ihre glorreiche Spielerkarriere in eine ansatzweise gleichwertige als Trainer ummünzen können?

Anders gefragt: Warum hat beispielsweise ein Hans Krankl immer nur davon geträumt, den FC Barcelona zu trainieren, während er nicht einmal von einem spanischen Abstiegskandidaten kontaktiert worden wäre? Was würde Lionel Messi denken, wenn er ihm von einem "irreregulären Ungeheuer mit der Nummer 9" erzählt? Erfüllt der „Goleador“ im Jahr 2011 noch die internationalen Anforderungen an einen Trainer? Hat er sie je erfüllt? Brächte der begnadete Motivator überhaupt die Motivation für stundenlange Videoanalysen mit?

Der Verdacht, dass Legende sein und eine eh nicht selbst verfasste Kolumne durchzutelefonieren gemütlicher ist, liegt nahe.

Herbert Prohaska kann man zu Gute halten, wenigstens von sich aus die Zeichen der Zeit erkannt und eine Rückkehr in diesen anfordernden Job ausgeschlossen zu haben.

Dass ausgerechnet von ihm, der kritische Worte (gerade gegenüber heimischen Teamchefs) für gewöhnlich bedächtig wählt, eine derart scharfe Reaktion auf Kollers Engagement kommt, überrascht jedoch nur auf den ersten Blick.

Dies ist ein Vorbote auf die Blattlinie, die die „Krone“ (und nicht nur sie) bezüglich des neuen Teamchefs fahren wird.

Das Selbstverständnis dieses Mediums ist es, wichtige Personalentscheidungen in diesem Land mitzubestimmen. Dies funktioniert bisweilen nach wie vor bestens, wenn man einen Seitenblick in Richtung Politik riskiert.

Wunschkandidat des Blattes war mit Andreas Herzog ein Mitglied der jungen Trainer-Generation, aber auch für „Alt-78er“ Kurt Jara hat man sich erstaunlich ins Zeug gelegt. Dass Generaldirektor Alfred Ludwig seit Jahren als dessen größter ÖFB-interner Fürsprecher gilt und dieser einst selbst für das Partner-Medium „Krone“ gearbeitet hat, sei nur am Rande erwähnt.

Drei Mal darf man zudem raten, warum sich der zuständige Nationalteam-Redakteur bis zuletzt schützend vor Didi Constantini gestellt hat, obwohl dessen Arbeit objektiv kaum mehr zu verteidigen war. Frei nach dem Motto: Was kann denn ein Teamchef dafür?

Nun, all die genannten Herren haben einen Vorteil: Man kennt sich. Und das seit Jahrzehnten. Ein Schelm, wer jetzt an die so untrennbar mit dem heimischen Fußball verbundenen Worte „Haberer“ oder gar „Seilschaft“ denkt. Eine Hand wäscht die andere. Der Austro-Kick steht nicht grundlos da, wo er steht.

Koller ist kein Mitglied des innersten, rot-weiß-roten Fußball-Zirkels. Manche sehen genau darin eine Chance. Für manche ist es eine Gefahr.

Es wäre jedoch unehrenhaft, die Gefahr ausschließlich darin zu sehen, plötzlich nicht mehr „gleicher“ als alle anderen behandelt zu werden…

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