Ein Taktik-Trend: Der falsche Mittelstürmer

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Lionel Messi ist einer, Wayne Rooney kann es auch spielen und Francesco Totti war sowieso der Erste.

Der falsche Neuner, die falsche Neun oder der falsche Mittelstürmer.

Wie immer man diese Position bezeichnen möchte, sie ist ein hochaktueller Trend im modernen Fußball. Nicht umsonst zählt mit dem FC Barcelona das momentan beste Team der Welt zu einem Verfechter der "false nine".

Doch was macht eine falsche Neun überhaupt aus und warum spielt Barca damit so erfolgreich?

Die Vorstufe der Entwicklung: die hängende Spitze

Am Anfang war die hängende Spitze. Und mit Matthias Sindelar prägte ein Österreicher diese Position als einer der Ersten.

Der grandiose Mittelstürmer des legendären ÖFB-Wunderteams verwirrte die gegnerischen Abwehrspieler, indem er sich oft zurückfallen ließ, um seine Stürmerkollegen (damals spielte man mit fünf Angreifern) einzusetzen (siehe Geschichte der Fußball-Taktik).

Heutzutage ist eine hängende Spitze nichts Außergewöhnliches mehr. Viele Teams spielen neben dem klassischen Mittelstürmer mit einem zurückgezogenen Angreifer, der als Verbindungsmann zwischen Mittelfeld und Angriff fungiert.

So füllte Wayne Rooney diesen Part in der letzten Saison erfolgreich für Manchester United aus. Der Engländer holte sich oft schon weit hinten im Mittelfeld die Bälle, um seinen Sturmpartner Javier Hernandez oder einen der Flügelspieler einzusetzen.

Wie funktioniert die falsche Neun?

Es ist die Ironie der Taktik-Geschichte, dass ausgerechnet der FC Barcelona United im Champions-League-Finale der letzten Saison so deutlich mit 3:1 besiegte. Denn mit den Katalanen setzte sich jenes Team durch, das mit der nächsten Entwicklungsstufe der von den Engländern praktizierten hängenden Spitze operiert: der falschen Neun.

Im Gegensatz zur klassischen Solospitze (siehe Grafik: schwarzes Team) lässt sich Lionel Messi als nominell zentrale Spitze im Spielaufbau zurückfallen (siehe rotes Team). Das Sturmzentrum ist damit im ersten Moment unbesetzt.

Dadurch ergeben sich zwei Vorteile: Einerseits stellt der Argentinier dadurch im so wichtigen zentralen Mittelfeld eine Überzahlsituation her, indem er sich als zusätzliche Passoption für das typische Barca-Kurzpassspiel anbietet.

Andererseits lockt Messi damit jedoch auch seine nominellen Gegenspieler, die Innenverteidiger, aus ihren Positionen. Versuchen die Abwehrspieler nämlich die Überzahl zu verhindern, indem sie mit Messi mitgehen, so entstehen Löcher in der Viererkette. Diese werden schamlos von den beiden Flügelstürmern oder einem aus der Tiefe kommenden Spieler (z.B. Iniesta) genützt.

Totti war der Erste

Doch Pep Guardiola ist nicht der erste Trainer, der sich die Vorteile einer falschen Neun zu Nutze macht.

In der Saison 2006/07 zwangen Verletzungen Luciano Spalletti dazu, seine Nummer zehn Francesco Totti als Solospitze aufzustellen. Also machte der damalige Roma-Coach aus der Not eine Tugend: Totti ließ sich immer wieder zurückfallen, damit seine Mitspieler in die von ihm aufgerissenen Räume im Sturmzentrum abwechselnd hineinstoßen konnten.

Das von Experten 4-6-0 getaufte System verhalf Totti letzten Endes zum Gewinn des Goldenen Schuhs und der Roma zum Cup-Sieg.

Infolgedessen wurden auch andere Trainer auf diese neue taktische Entwicklung aufmerksam. Neben Barcelona spielten unter anderem schon beide Klubs aus Manchester mit einer falschen Neun. Roberto Mancini nützte bei Manchester City Carlos Tevez des öfteren als spielmachende Solospitze. Zudem vertraute auch Alex Ferguson in den vergangen drei Jahren immer wieder auf einen falschen Mittelstürmer. Mit Rooney hat er in seinem Kader einen geeigneten Mann dafür.

Das Risiko der falschen Neun

Wie oben bereits erläutert, setzte der Schotte in der vergangen Saison jedoch wieder auf die „normale“ hängende Spitze. Das hat seine Gründe, ist die Rolle des falschen Neuners doch mit einer Menge Risiko verbunden.  

Erstens braucht es dafür den richtigen Spieler. Typen, wie Messi oder Totti, die sowohl das Auge für den entscheidenden Pass haben als auch echte Torjäger sind, findet man nicht an jeder Ecke.

Zweitens kann natürlich auch das unbesetzte Sturmzentrum zu Problemen führen. Hohe Bälle, wie sie gerne auf einen „Brecher“-Angreifer gespielt werden, fallen damit als Angriffsoption weg.

Und drittens muss eine Mannschaft dafür perfekt eingespielt sein. Bei der Copa America blieben Versuche, Messi im argentinischen Nationaldress als falschen Mittelstürmer zu installieren, erfolglos. In Barcelona ist dagegen die gesamte Spielanlage auf ihn ausgerichtet.

Was bringt die Zukunft?

Während die falsche Neun in Österreich noch ein unbeschriebenes Blatt ist, könnte sie auf internationaler Ebene zu einem neuen Taktik-Trend werden.

Zumindest bei der Roma ist man in der neuen Saison unter Neo-Coach Luis Enrique zur falschen Neun zurückgekehrt.

Kein Wunder, trainierte der im Sommer neu gekommene Trainer doch bis vor kurzem noch die zweite Mannschaft des FC Barcelona.

Jakob Faber

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