Schiri-Boss Sedlacek spricht über "Causa Ruiss"

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Der ehemalige Erste-Liga-Schiedsrichter Harald Ruiss wurde am Freitag von einem ÖFB-Disziplinarausschuss mit einer Strafe von 200 Euro belegt und erhielt eine Sperre von vier Monaten, nachdem er im Mai einen achtseitigen Brief an die österreichische Medienlandschaft geschrieben hatte.

In diesem kritisierte Ruiss das Schiedsrichterwesen und einige Funktionäre. Namentlich nannte er Johann Hantschk, den Vorsitzenden des Elite-Komitees, und Schiedsrichtermanager Fritz Stuchlik.

Im Interview mit LAOLA1 zeigte der 31-Jährige Unverständnis für dieses Urteil und kündigte einen Protest an. „Wenn ich es nicht täte, wäre das wie ein Schuldeingeständnis. Ich stehe zu den Dingen, die ich geschrieben habe!“, meinte der Wiener.

LAOLA1 befragte nun Robert Sedlacek, Wiener Verbandspräsident und Schiedsrichter-Boss Österreichs, nach seiner Meinung zur „Causa Ruiss“.

 

LAOLA1: Sie waren bei der Ruiss-Verhandlung vergangene Woche anwesend. Halten Sie das Urteil für gerecht?

Robert Sedlacek: Ich war nur als Ankläger dort. Ich war nicht in der Disziplinarkommission und hatte mit der Urteilsfindung und Verhandlung an sich nichts zu tun. Persönlich glaube ich, dass das Urteil für den Angeklagten sehr akzeptabel ist.

LAOLA1: Also sind auch Sie der Meinung, dass Herr Ruiss für seine Kritik bestraft werden sollte?

Sedlacek: Ich musste die Anklage vertreten. Es gibt in diesem Brief Punkte, die man so nicht öffentlich darbringen kann. Das ist meine persönliche Meinung. Das Strafmaß hätte auch höher ausfallen können und ich glaube, dass es sehr akzeptabel ausgefallen ist.

LAOLA1: Also ist die Strafe gerecht, weil er damit an die Öffentlichkeit gegangen ist?

Sedlacek: Nein, grundsätzlich ist Kritik immer etwas Positives. Aber er hat die Kritik in seinen acht Seiten überzogen. Das kann ein Arbeitnehmer bei seinem Arbeitgeber nicht so machen und auch ein Schiedsrichter kann das nicht auf diese Art machen.

LAOLA1: Glauben Sie, dass Herr Ruiss etwas bewirkt hätte, wenn er die Kritikpunkte intern angesprochen hätte?

Sedlacek: So wie überall, gibt es mit der Zeit verschiedenste Veränderungen. Ich bin ja Präsident im Wiener Fußballverband und auch hier werden viele Dinge anders gemacht, als noch vor 20 Jahren. Und dieser Entwicklungsprozess ist nicht abgeschlossen. Intern bedeutet für mich nicht, dass man nur an eine Person schreibt. In diesem Fall hätte er an den Herrn Hantschk, an die Schiedsrichterkommission, an den ÖFB, an den Landesverband oder Ähnliches schreiben können. Das wäre für mich der erste Schritt. Wenn er dann der Meinung ist, dass ihn dort keiner hören will, oder die Leute dort weltfremd sind, dann muss er sich etwas anderes überlegen. Ich habe auch bei einem Kaffee damals persönlich mit ihm darüber gesprochen und gesagt, dass Kritik okay sei, aber in dieser Form hätte ich sie nicht geäußert.

Auch Thomas Prammer urteilte über Ruiss

LAOLA1: Im Disziplinarausschuss saßen unter anderem Günter Benkö, der auch Mitglied des von Ruiss kritisierten Elite-Komitees ist, und Thomas Prammer, der aktiver BL-Schiedsrichter ist. Warum dürfen diese Herren über Harald Ruiss urteilen?

Sedlacek: Dieses Gremium wurde vom ÖFB zusammengesetzt. Ich glaube, dass ein aktiver Schiedsrichter dabei war, um die Schiedsrichter zu vertreten. Und Herr Benkö hat sich ja nach diesem offenen Brief gar nicht so negativ über Herrn Ruiss geäußert.

LAOLA1: Ist es nicht seltsam, dass Herr Benkö seine Meinung vor der Verhandlung geändert hat?

Sedlacek: Er hat gesagt, dass Herr Ruiss in einigen Punkten Recht hat. Das kann aber durchaus auch heißen, dass er in anderen Punkten nicht der gleichen Meinung ist. Und schlussendlich gibt es dafür jetzt eben eine Sperre.

LAOLA1: Ab wann ist diese Sperre von vier Monaten gültig?

Sedlacek: Eine Sperre ist immer ab dem Suspendierungstag gültig. Das war irgendwann Ende Mai. Er kann also in einem Monat wieder Spiele leiten.

LAOLA1: Was können Sie mit dem Vorwurf der Unprofessionalität im Schiedsrichterwesen anfangen?

Sedlacek: Ich fange mit diesem Vorwurf derzeit gar nichts an. Hinter jeder Kritik steht immer ein bisschen etwas Wahres. Ich gestehe das auch dem Herrn Ruiss zu. In den Monaten seit seinem Ausscheiden aus der Bundesliga hat sich auch schon einiges getan. Und es wird sich im kommenden Jahr noch mehr verändern, da die Kommissionen des ÖFB neu aufgestellt werden. Dann wird es auch wieder neue Personen geben, da einige altersbedingt ausscheiden. Viele Kritikpunkte werden auch massiv eingearbeitet in unsere Konzepte. Vielleicht wäre aber einiges auch sowieso passiert.

LAOLA1: Also zeigt die Kritik des Herrn Ruiss Wirkung?

Sedlacek: Man kann jetzt leicht sagen, dass sich etwas verändert, weil Herr Ruiss etwas gesagt hat. Man kann aber auch sagen, dass er viele Punkte gar nicht ansprechen hätte müssen, da sich in diesen Bereichen ohnehin etwas geändert hätte. Im Lauf der Zeit verändern sich Dinge eben. Aber Unprofessionalität ist sicher ein ganz falscher Ausdruck. Nur ist bei uns auch nicht so viel Geld vorhanden, wie in anderen Verbänden oder Ländern, dass wir uns Masseure leisten könnten. In anderen Ländern sind die Zuschauerzahlen viel größer und Vereine können für ihre Kader viel Geld ausgeben. Das ist bei uns nicht so einfach. Aber es war zum Beispiel ein großer Wunsch der Erste-Liga-Schiedsrichter, dass auch diese mit Headsets ausgestattet werden. Das wurde heuer umgesetzt. Das ist nicht billig und bisher war das Budget dafür nicht da.

Sedlacek beendete 2000 seine Laufbahn als aktiver Schiedsrichter

LAOLA1: Warum können dann Verhandlungen wie jene des Herrn Ruiss in einer Hotelsuite abgewickelt werden?

Sedlacek: Das ist ganz normal. Das Hilton Danube ist ja ein Partnerhotel des ÖFB. Das Stadion liegt nahe und es gibt dort große Sitzungsräume. Es finden dort fast wöchentlich Sitzungen des ÖFB statt.

LAOLA1: Ruiss hat auch kritisiert, dass Fritz Stuchlik gleichzeitig aktiver BL-Schiedsrichter und Schiedsrichter-Manager war. Wie würden Sie diese Konstellation beurteilen?

Sedlacek: Es war jahrelang so. Es stimmt schon, dass es immer, wenn jemand auf zwei Seiten tätig ist, für diese Person gewisse Vorteile gibt. Fritz Stuchlik ist ein erfahrener Mann in vielen Bereichen und für die Zukunft eine wichtige Person für uns. Ich gebe Ihnen aber Recht, der Manager oder Administrator ist nicht da um zu sagen, wie viele Runden ein Schiedsrichter beim Training laufen soll. Dafür sind die Komitee-Mitglieder zuständig.

LAOLA1: Herr Ruiss hat auch beklagt, dass er bereits im Frühjahr von seinem Abstieg erfahren hat, obwohl die Saison noch nicht beendet war und daher auch noch nicht fix sein konnte, dass er Letzter in der Rangliste sein würde. Ist das nicht eigenartig?

Sedlacek: Ihn hat es zumindest gestört. Viele Schiedsrichter sind komplizierte Menschen. Das ist jetzt gar nicht negativ gemeint, ich war ja selbst Bundesliga-Schiedsrichter. Aber wie bei Spitzensportlern ist es auch bei einem Top-Schiri so, dass er etwas Besonderes haben muss, was sonst niemand hat. Man muss in Zukunft vermutlich jeden für sich betreuen und coachen, um das Optimum herauszuholen, dann fühlt sich hoffentlich auch niemand ungerecht behandelt. Das ist eine Lehre, die wir aus der ganzen Sache ziehen.

LAOLA1: Im Zuge der Olympischen Spiele kamen einige Diskussionen über das Funktionärswesen in Österreich auf. Glauben Sie, dass viele Funktionäre in Österreich mit Kritik nicht umgehen können?

Sedlacek: Olympia liegt weit außerhalb meiner Zuständigkeit. Man muss aber immer zwischen bezahlten Funktionären im Profisport und ehrenamtlichen Funktionären bis in die untersten Klassen unterscheiden.

LAOLA1: Ruiss wurde nach seiner Kritik nun bestraft, auch Dinko Jukic wurden Konsequenzen für seine Aussagen angedroht. Darf man in Österreich keine Kritik äußern?

Sedlacek: Doch, ich persönlich bin Kritik gegenüber sehr offen. Bei mir kann jeder Verein, jeder Funktionär, jeder Schiedsrichter Kritik üben. Ich erwarte aber auch, dass man zuerst zu mir kommt. Wenn jemand sich gleich als erstes an die Politik, die Presse oder das Internet wendet, dann bin ich damit nicht einverstanden. Wenn jemand nach einem Gespräch mit mir nicht glücklich ist, dann muss ich akzeptieren, wenn er auf andere Art und Weise versucht, sein Ziel zu erreichen. Ich habe ja auch mit dem Herrn Ruiss als Wiener Verbandspräsident gesprochen, da er ein Wiener Schiedsrichter ist.

LAOLA1: Wir danken für das Gespräch!

 

Rainer Liebich

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