"Beim Homeless World Cup geht es um viel mehr"

Aufmacherbild

Kicken - für viele von uns ein Spaß und Hobby.

Kicken - für einige wenige das Tor zu Ruhm und Reichtum.

Kicken - für eine bessere Zukunft, das ist das Ziel des Homeless World Cups.

63 Teams aus 49 Nationen und über 500 Spieler nehmen heuer wieder an jener Idee teil, die ihren Ursprung in Österreich hatte und 2003 erstmals in Graz ins Leben gerufen wurde.

Bereits zum 12. Mal nimmt eine österreichische Delegation am sportlichen Vergleich mit Menschen, die ähnliche Schicksale erlitten haben, teil. Kein Dach über dem Kopf, Alkohol oder Drogen sind nur einige davon.

Dieses Jahr findet das sozial-integrative Turnier vom 19. bis 26. Oktober am Plaza de la Constitucion in Santiago de Chile statt.

Prilasnig hat sich Homeless-World-Cup-Team verschrieben

"Der Homeless World Cup liegt dem ÖFB besonders am Herzen. Es ist ein Vorzeigeprojekt geworden, das eindrucksvoll zeigt, in welchen Bereichen des Lebens der Fußball eine Perspektive öffnen und positive Veränderungsprozesse einleiten kann. Damit unterstreicht er die soziale Verantwortung, die wir alle gemeinsam zu tragen haben", merkte ÖFB-Präsident Leo Windtner bei der offiziellen Verabschiedung an.

Bereits 2004 hat der ehemalige ÖFB-Teamspieler Gilbert Prilasnig die Schirmherrschaft für das rot-weiß-rote Homeless-World-Cup-Team übernommen und geht seitdem in seiner Rolle, ehrenamtlich zu seiner Tätigkeit als Nachwuchsleiter bei Sturm Graz, auf.

Unter der Führung des 41-Jährigen sollen auf die schiefe Bahn geratene Jugendliche durch den Sport zum Umdenken bewegt werden und den Schritt in eine bessere Zukunft starten.

Im Gespräch mit LAOLA1 gewährt Prilasnig Einblicke in seine Arbeit mit dem Homeless-World-Cup-Team und spricht über die Aussichten bei der WM, die soziale Verantwortung und seine Passion, anderen helfen zu wollen.

LAOLA1: Geld regiert mittlerweile den Fußball. Welche Passion muss man mitbringen, um nun bereits seit 2004 ehrenamtlich als Teamchef des Homeless Wold Cup Nationalteams zu fungieren?

Gilbert Prilasnig: Das ist eine gute Frage! Ich habe mir anfangs gedacht, dass ich so oft gefragt werde, ob ich da oder dort was spenden kann. Beim Projekt, das Homeless World Cup Team zu betreuen, gibt es aber die Möglichkeit für mich, wirklich direkt mit Menschen zu tun zu haben. Vielleicht kann ich dem einen oder anderen im Leben weiterhelfen. Das ist anfangs sicher eine der Haupt-Motivationen gewesen.

LAOLA1: Nach welchen Kriterien geht man vor und wählt die Spieler Jahr für Jahr für dieses soziale Projekt aus?

Prilasnig: Die Kriterien sind im Großen und Ganzen vom Homeless World Cup Reglement vorgegeben. Die Spieler müssen bestimmte Kriterien erfüllen, um überhaupt spielberechtigt zu sein. Diese Kriterien sind aber nicht besonders erfreulich. Wenn wir mehr Bewerber oder Spieler, die in Frage kommen, haben, als wir mitnehmen können – es sind ja nur acht - , versuchen wir natürlich in erster Linie nach sportlichen Kriterien auszuwählen. Es ist ein Fußballturnier, also sollen auch diejenigen, die besser spielen können, die Möglichkeit haben, daran teilzunehmen. Sie sollen durch ihre Fähigkeiten und nicht durch andere Kriterien beurteilt werden. Das tun wir nicht.

LAOLA1: Wie groß ist die Herausforderung, ein Team mit so vielen unterschiedlichen Charakteren und Schicksalen zu handeln?

Prilasnig: Gemeinsam mit meinem Trainer Klaus Fuchs sind wir jetzt schon seit 2004 dabei und haben auch schon einiges an Erfahrung gesammelt, so dass wir das jedes Jahr recht gut schaffen. Ich hoffe natürlich, dass es so bleibt. Ein klein wenig versuchen wir schon in der Vorentscheidung bzw. Zusammenstellung des Teams darauf Rücksicht zu nehmen, dass wir dann zehn Tage lang jede Minute zusammen sind, in denen wir auch große emotionale Momente erleben und sehr viele Spannungen entstehen können. Deshalb versuchen wir schon in der Vorauswahl ein wenig darauf zu achten, welche Spieler das wahrscheinlich wegstecken bzw. verarbeiten können und welche das eine oder andere Jahr noch brauchen würden, um dann vielleicht dabei sein zu können.

LAOLA1: Fußball ist für viele die schönste Nebensache der Welt. Für diese Spieler geht es aber definitiv um mehr.

Prilasnig: Wenn ich nach dem Einsatz und der Motivation urteile, welche die Spieler in jedem Training und bei jedem Spiel sowieso mitbringen, ist es offensichtlich wesentlich mehr. Die Jungs erhoffen sich durch die Teilnahme am Turnier, dass sie dadurch ihr Leben besser in den Griff bekommen. Wie das dann schlussendlich funktioniert, ist für viele im Vorfeld unklar. Im Laufe des Turniers und das danach verarbeitete Erlebnis denke ich, dass sich sehr viele neue Horizonte eröffnen. Wir haben da schon einige sehr schöne Beispiele miterleben dürfen, wie sich durch den Homeless World Cup das Leben eines einzelnen Akteurs nachhaltig verbessert hat. Das ist Motivation genug für mich, weiterzumachen.

LAOLA1: Hat die Tätigkeit ihre Persönlichkeit in irgendeiner Art und Weise verändert, wenn man ständig mit Schicksalen dieser Art konfrontiert wird?

Prilasnig: Das kann ich jetzt schwer beurteilen, ich denke aber schon. Was mir vor allem hilft, ist, dass ich ja weiterhin im Profifußball tätig bin, auch wenn es „nur“ die Nachwuchsabteilung des Profi-Klubs Sturm Graz ist. Es hilft mir sehr, das Leben rund um den Profifußball wieder aus einer anderen Perspektive zu sehen. Ich denke, dass das sehr befruchtend ist. Einerseits für meine berufliche Tätigkeit, andererseits bringe ich durch meine langjährige Beschäftigung im Fußball immer wieder neue Ideen für die Arbeit beim Homeless World Cup mit.

LAOLA1: Wie ist das Niveau beim Homeless World Cup zu bewerten, wenn man von den Erfahrungen aus dem Profi-Fußball ausgeht?

Prilasnig: Es ist sicher so, dass das Niveau von Jahr zu Jahr gestiegen ist. Wenn ich vergleiche, wie es 2004 in Göteborg bei unserer ersten Teilnahme war und wie es jetzt schon ist, ist das sportliche Niveau fast exponentiell angestiegen. Ich finde das auch gut so, es ist ein richtiges Fußball-Turnier geworden. Es ist für jeden Spieler eine große Herausforderung, dabei zu sein. Wir haben uns auch entschlossen, den Weg zu gehen, möglichst vorne mitspielen zu können. Da muss man schon das Niveau haben, um zumindest bei einem unterklassigen Verein mitspielen zu können. Wir haben auch einige Spieler, die Vereinsfußball spielen, ansonsten hätten wir nicht die Möglichkeit in die Top 10 zu kommen, was in den vergangenen zwei Jahren gelungen ist.

LAOLA1: Die Zielsetzung, bei 48 Teilnehmern schlussendlich abermals in den Top 10 zu landen, bleibt somit gleich?

Prilasnig: Wenn ich die Spieler richtig einschätze und sich das Niveau nicht wieder unerwarteter Weise sehr steigert, dann ist ein Top-10-Platz wieder absolut realistisch. Aber das hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Letztes Jahr war es genau der zehnte Platz. Wenn wir es wiederholen könnten, wäre es schön. Wenn nicht, wäre es auch kein Beinbruch.


Das Gespräch führte Alexander Karper

Zum Seitenanfang» 0 Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen