Platini: Von Blatters Ziehsohn zu dessen Erzrivalen

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Michel Platini spielt auf Zeit.

Eigentlich hatten in diesem Jahr viele mit seiner Kandidatur für die FIFA-Präsidentschaft gerechnet, aber warum etwas riskieren? Gegen Joseph Blatter hätte sich der Franzose einer Kampfabstimmung stellen müssen.

„Er weiß, dass er verlieren würde. Deswegen erspart er sich die Kandidatur. Er will sich nicht beschädigen“, weiß Thomas Kistner, Autor des Bestsellers „Fifa-Mafia“.

Also wird sich Platini beim UEFA-Kongress in Wien als Präsident des europäischen Verbandes für vier weitere Jahre bestätigen lassen.

Zeit, um FIFA-Präsident zu werden, wird dem 59-Jährigen noch genug bleiben.

Platini zu feige für die FIFA-Kandidatur?

Den Vorwurf der Heuchelei muss sich Platini dennoch gefallen lassen. In Interviews drängt er publikumswirksam auf einen Wandel im Weltverband.

Gleichzeitig verweigert jedoch gerade er, der mit Abstand die besten Chancen auf einen Sieg gegen Blatter hätte, die Kandidatur. Ist Platini also einfach zu feige, um gegen seinen ehemaligen Ziehvater anzutreten?

„Im Prinzip ja“, meint Kistner. „Aber ich denke, er weiß, dass er selbst sehr angreifbar ist. Deswegen will er sich diese Debatte ersparen“, spielt der deutsche Journalist auf die blinden Flecken in Platinis Vita an.

Kistner fügt hinzu: „Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass es für ihn eine Horrorvorstellung ist, durch die ganze Welt reisen zu müssen. Er ist nicht der Verfechter des finalen Arbeitseifers. Ich kann mir vorstellen, dass für ihn die Ideallösung ein FIFA-Präsident unter seiner Führung ist.“

Hilfe für Blatter

Platini weiß ganz genau, wie Sportpolitik gemacht wird. Schließlich hat er beim Besten gelernt, bei Blatter höchstpersönlich. Alles begann 1998, als Platini, Vizepräsident des Organisationskomitees für die WM in Frankreich, den damaligen FIFA-Generalsekretär bei der Präsidentenwahl gegen Lennart Johansson unterstützte.

Blatter bedankte sich artig, nachdem er die Abstimmung mit zweifelhaften Mitteln (in der Nacht vor der Wahl sollen Kuverts mit Bestechungsgeld an diverse afrikanische Delegierten verteilt worden sein) gewonnen hatte. Als persönlicher Berater des neuen FIFA-Präsidenten bekam Platini ein eigenes Büro in Paris.

Der ewige FIFA-Funktionär hatte mit dem ehemaligen Weltklasse-Fußballer von Beginn an Großes vor. Er wollte Platini an die Spitze des europäischen Verbandes hieven. „Blatters Lebensproblem ist immer die UEFA gewesen“, erklärt Kistner. Deswegen plante er, einen Mann seines Vertrauens zum UEFA-Präsidenten zu machen.

Der Ziehsohn nabelt sich ab

2007 landeten Blatter und Platini den großen Coup. In einer Kampfabstimmung setzte sich der Franzose gegen Johansson durch.

„Da war der Weg für Blatter klar: Jetzt hat er den mächtigsten Verband, die einzigen Oppositionellen, im Griff. Aber dann fängt sein Ziehsohn an, sich abzunabeln. Das Leben wäre so schön für Sepp, wenn es nicht diese Querschüsse gäbe“, schmunzelt Kistner, der für die „Süddeutsche Zeitung“ vom UEFA-Kongress in Wien berichtet.

Seit Platinis Wahl zum UEFA-Präsidenten emanzipierte er sich Stück für Stück von seinem Mentor. Von seinen Anhängern wird er mittlerweile als Erneuerer gefeiert.

Schließlich wurden unter seiner Riege einige innovativen Entscheidungen getroffen – so zum Beispiel die Aufstockung der Europameisterschaften von 16 auf 24 Teilnehmer, die Änderung des Qualifikationsmodus zur Champions League oder die europaweit ausgetragene EURO 2020.

Auch Platini soll Dreck am Stecken haben

Ist der stets locker auftretende Platini also tatsächlich der anständige Gegenentwurf zum bösen Blatter? Mitnichten. Kistner meint: „Ich finde, man sollte die Probleme nach der Prioritätenliste abarbeiten. Blatter ist bei weitem das größere Problem, als Platini. Man darf aber nicht vergessen, bei wem Platini gelernt hat. Er kennt die Blatter-Kultur und wenn man die ein oder andere Sache sieht, die in seiner Amtstzeit gelaufen ist, dann macht sich das bemerkbar.“

Der Bestseller-Autor spielt damit nicht nur auf die Ungereimtheiten bei der Vergabe der Europameisterschaften 2012 an. Vor allem Platinis Stimme für die WM-Kandidatur Katars ließ den „Sunnyboy“ im schiefen Licht erscheinen. Weil sein Sohn Laurent einige Wochen nach der Wahl zum Europa-Chef von Qatar Sports Investments (unter anderem Besitzer von Paris St. Germain) bestellt wurde, hatte er mit Korruptionsvorwürfen zu kämpfen.

Auch wirtschaftspolitisch soll Platinis Katar-Befürwortung ein guter Deal für Frankreich gewesen sein. Doch der UEFA-Präsident verteidigt sich: „Ich habe eine Weltenregion gewählt, die noch nie die WM hatte. Das war meine Philosophie – und nicht, weil ich mit Nicolas Sarkozy (damals französischer Staatspräsident, Anm.) ein Mittagessen hatte.“

Kritische Fragen zu seinen Verwicklungen mit Katar werden Platini bei seiner Wiederwahl in Wien wohl kaum gestellt werden. Im Falle einer Kandidatur gegen Blatter wäre das jedoch nicht auszuschließen gewesen.

Auch deswegen übt sich der „Fußball-Romantiker“ in Geduld. Um FIFA-Präsident zu werden, hat er noch genug Zeit.

 

Jakob Faber

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