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Die kleinen Ligen leiden unter der WM in Katar

Premier League, deutsche Bundesliga, Primera Division, Serie A, Ligue 1, … - die wichtigsten und wirtschaftlich bedeutendsten Landesmeisterschaften auf dem Globus, so ganz und gar nicht zu vergleichen mit dem Bewerb, der hierzulande ausgetragen wird. Und doch mischt ein Mann an höchster Ligen-Schnittstelle mit, der neuneinhalb Jahre lang Vorstand der Österreichischen Bundesliga war.

Georg Pangl agiert seit gut einem Jahr als Generalsekretär der European Professional Football Leagues (EPFL) und vertritt in dieser Funktion 31 europäische Profi-Ligen und deren Interessen gegenüber Klubs und Verbänden. Darunter die genannten Elite-Ligen, aber auch viele kleine, die ihm besonders am Herzen liegen.

Im Gespräch mit LAOLA1 erklärt der 49-jährige Burgenländer sein Aufgabengebiet, gibt Einblicke, wie man zu einem solchen Job kommt und erklärt, warum viele Ligen mit der Winter-WM in Katar 2022 und deren Umständen unzufrieden ist.

LAOLA1: Herr Pangl, was macht die EPFL eigentlich?

Georg Pangl: Wir sind eine Vereinigung starker Akteure, das kann man sich vorstellen, wenn hier die Premier League, DFL, La Liga etc. vertreten sind. Vor zehn Jahren hat man erkannt, damals schon mit der österreichischen Liga als Gründungsmitglied, dass es an der Zeit ist, ein Sprachrohr zu bilden, das die Interessen der Ligen, insbesondere auch der kleineren, geschlossen gegenüber der FIFA, UEFA, ECA (Anm.: European Club Association) und auch gegenüber der EU vertritt. Wir sind auch eine Plattform des Wissensaustauschs unter den Ligen geworden. Jede Liga kann mit Problemen zu uns kommen, wir diskutieren sie und suchen nach Lösungsmöglichkeiten. Wir bieten auch Fortbildung und Hilfestellung für die Ligen an, wie beispielsweise beim Thema Wettbetrug und Spielmanipulation oder zuletzt der Frage der Finanzierung von Polizei-Einsätzen, wie sie in Deutschland aufgekommen ist.

LAOLA1: Vom Vorstand der Österreichischen Bundesliga zum Verantwortlichen für 31 Profi-Ligen, das klingt nicht gerade nach einem Rückschritt.

Pangl: Ich hatte nie einen Karriereplan. Meine Tätigkeiten beim ÖFB, bei der UEFA und der Bundesliga habe ich jeden Tag mit großer Freude ausgeübt. Manche haben Zweifel daran, aber als ich meine Vorstandstätigkeit bei der Bundesliga beendet habe, hatte ich absolut nichts in Aussicht, außer Unsicherheit und das Vertrauen, dass sich irgendwann etwas Gutes ergeben wird. Und dann hat sich relativ bald dieses Fenster aufgetan.

LAOLA1: Wie kommt man zu so einem Job?

Pangl: Nach dem Ausscheiden bei der Bundesliga kam die Phase, in der man sich eigentlich zuhause auf den Garten freut, die Kinder zur Schule fahren kann und dergleichen zu tun hat. Doch dann kam plötzlich der Anruf eines Headhunters aus England.

 „Hey George, this is Paul, I’m a headhunter from London“, hallte es aus dem Telefon, Ich erkannte aber an seinem Akzent, dass er nicht aus London kommen konnte.
„Ja, du hast ein gutes Ohr, ich bin ursprünglich aus Liverpool.“
- Roter oder Blauer?
„Everton forever.“
- Mein Freund, als ich jünger war, war ich Grün-Weißer und ihr habt uns den größten Erfolg der Vereinsgeschichte (Anm.: Rapid unterlag 1985 Everton im Finale des Europapokals der Pokalsieger) vermasselt. Was willst du?
„Oh yeah, Hans Krankl was a great player.“

Er erklärte mir, dass ich ihm als potenzieller Kandidat für diesen Job empfohlen wurde und lud mich zu einem Hearing nach Heathrow ein. Es kommt natürlich ein großer Kreis für so einen Posten in Frage, meine Vorerfahrungen kamen mir aber zugute. Auch das abschließende Gespräch mit Chairman Frédéric Thiriez (Anm.: Präsident der französischen Ligue de football professionnel LFP) in Paris lief positiv. Ich bin da ganz locker hineingegangen und dachte mir, wenn das gut läuft, habe ich einen tollen Job, wenn nicht, bleibt mir eben noch ein wenig mehr Zeit mit der Familie - und es hat funktioniert.

LAOLA1: Zurück zum Sportlichen. Die Verlegung der WM 2022 in Katar in den Winter ruft viel Unverständnis hervor. Wie sehen Sie das Thema?

Pangl: Meiner Meinung nach muss nichts so bleiben, wie es ist, nur weil es immer so war. Aber in diesem Fall sehe ich das schon so – die Fußball-WM ist grundsätzlich ein Sommer-Event. Auch Katar war zunächst für den Sommer ausgeschrieben, obwohl man wusste, dass man dort im Sommer nicht spielen kann. Ich will nicht von Korruption sprechen, weil auch ich keine Beweise habe. Fakt ist aber, dass der Vergabeprozess nicht transparent und ordnungsgemäß abgelaufen ist. Es wurde hier nicht im Sinne des Fußballs entschieden, auch wenn Katar nichts dafür kann, da muss man schon klipp und klar auf die FIFA zeigen.

LAOLA1: Wie steht die EPFL zum Wintertermin?

Pangl: Wir als Ligen sind davon am stärksten betroffen, denn den Nationalverbänden ist es relativ egal, wann gespielt wird. Wir haben gemeinsam mit der ECA versucht, den Alternativvorschlag einzubringen, Ende April, Anfang Mai zu spielen. Bei entsprechend späten Beginnzeiten wäre die Hitze auch nicht schlimmer gewesen als teilweise in Brasilien. Wir haben professionelle Studien bei MeteoSwiss in Auftrag gegeben und das alles wissenschaftlich belegt. Der Schaden für die Ligen im Gesamten wäre deutlich geringer gewesen, als eine Sommerpause zu haben und dann noch einmal sechs Wochen im Winter. Da wird ein zweites Fenster geöffnet, in dem die Klubs ihre Spieler natürlich weiterbezahlen müssen.

LAOLA1: Kürzlich konnte sich die ECA als Interessenvertretung der Klubs mit der FIFA auf eine Erhöhung der Abstellgebühren für Nationalspieler einigen. Ist das Thema damit gegessen?

Pangl: Es ist zwar löblich, dass sich die großen Klubs mit der FIFA geeinigt haben, aber auch die mittleren und kleineren Ligen und Klubs müssen ihren Spielbetrieb finanzieren. Auch sie müssen berücksichtigt werden, ansonsten ist das nicht fair. Die Verbände, bis nach Fidschi, beziehen aus den milliardenschweren Töpfen der FIFA Förderungen, die Klubs werden für zwei WMs mit fast 400 Millionen Euro entschädigt, die Ligen bekommen derzeit aber nichts – und das obwohl der FIFA alleine von der WM in Brasilien 1,5 Milliarden netto übrig geblieben sind. Während die Top-Klubs für große Teile ihres Kaders Abstellgebühren erhalten, wird in Österreich beispielsweise kaum ein Klub von diesen Geldern profitieren. Dennoch ist die Liga gezwungen zu pausieren und die Klubs müssen ihren gesamten Kader weiter bezahlen.

LAOLA1: Welche Schritte sind nun geplant, um den betroffenen Klubs und Ligen zu helfen?

Pangl: In der Hauptversammlung der EPFL wird immer auch der Schritt einer Klage miteinbezogen, vor allem die spanische Liga unter Führung des Juristen Javier Tebas Medrano ist sehr enttäuscht und strebt diese Richtung an. Man muss aber auch sehen, dass die Ligen in der umfangreichen Task Force zur Terminfindung vertreten waren. Zu Beginn war Katar immer ein Sommer-Event mit Kühlsystemen, scheibchenweise hat man sich dann davon wegbewegt. Plötzlich endete man im November, Dezember und einige, die anfangs dagegen waren, sind umgefallen und waren plötzlich dafür. Die japanische J-League und die nordamerikanische MLS haben zu uns beispielsweise gesagt, der Termin sei für sie ein Desaster. In der Abstimmung haben sie dann schweigend zugestimmt. Es war zu erwarten, dass der Wintertermin kommt, aber die FIFA hat diesen gegen den Willen der EPFL durchgesetzt, daher erklärt sich auch die Enttäuschung und der Frust. Wir wurden hier veräppelt, nicht ernst genommen, einfach überstimmt. Meine Philosphie ist aber eher, zu verhandeln. Ich bemühe mich weiter um Gespräche mit Jerome Valcke (Anm.: FIFA-Generalsekrektär) und Sepp Blatter, um eine Lösung zu finden, mit der wir alle leben können.

LAOLA1: Wie erklären Sie sich solche Umfaller? Hätten Sie sich hier mehr Einigkeit unter den Ligen gewünscht?

Pangl: Die EPFL, sprich die europäischen Ligen, waren sich einig und haben diese Einigkeit zum Ausdruck gebracht. Bei den wenigen bedeutenden Ligen der restlichen Kontinente fühlte man sich möglicherweise zu sehr auf sich alleine gestellt, um gegen den eigenen Verband und die FIFA aufzutreten. Wir haben auch daraus gelernt und Ende April in London zu einem weltweiten Ligen-Teffen geladen, um den Bedarf einer Ligenvereinigung über Europa hinausgehend zu evaluieren. 

LAOLA1: Leise, aber doch fällt auch immer wieder das Wort Boykott, der Vorsitzende der Deutschen Fußball Liga (DFL) Christian Seifert hat etwa gefordert, darüber nachzudenken. Sehen Sie das als realistisches Szenario?

Pangl: Ich will an dieser Stelle nichts ausschließen. Man wird sehen, ob man als Liga diese Stärke hat, sich indirekt gegen seine Top-Klubs zu positionieren, die sich mit Katar 2022 arrangiert bzw. der FIFA geeinigt haben. Zudem geht es da auch in den rechtlichen Bereich, inwiefern man Abstellungen überhaupt untersagen kann.

LAOLA1: Die Klubs wurden mit höheren Abstellgebühren besänftigt und damit ruhiggestellt, die EPFL bemüht sich darum, finanziell entschädigt zu werden. Es wirkt so, als müsse man sich von der FIFA alles gefallen lassen und am Ende geht es ohnehin wieder nur um das liebe Geld – ein Grundprobelm, das uns vermutlich überhaupt eine WM in Katar eingebrockt hat.

Pangl: Es mündet leider darin, dass es am Ende wirklich wieder nur ums Geld geht, das stimmt. Andere Bewerber wie England, Australien, Amerika – und das waren tolle Bewerbungen – sind bei dieser Wahl gescheitert, aus welchen Gründen auch immer. Und dann tritt nach der Vergabe ein Prozess ein, der uns zu dem führt, wo wir heute stehen, das war absolut nicht ok. Aber wenn letztendlich alle für eine Winter-WM in Katar sind, nur die Ligen, noch bevor es ums Geld geht, dagegen, dann bleibt einem lediglich, sich zumindest um Schadensbegrenzung zu bemühen.

LAOLA1: Wagen wir einen kleinen Exkurs in die österreichische Bundesliga. Mit dem gewonnen Abstand, wie beurteilen Sie den Status Quo und ihre Attraktivität?

Pangl: Auf der einen Seite muss man sagen, man sollte die Liga nicht klein reden. Es gibt auch in Spanien nur eine Hand voll Top-Klubs, wenn der Letzte gegen den Vorletzten spielt, dann ist das auch in La Liga nicht sonderlich interessant. Mittelmäßige Partien sehen in Deutschland vor 50.000 eben besser aus, als vor 872 in Grödig. Wenn man die 7.000 Fans beim Regionalligaspiel zwischen dem Sportklub und der Vienna sieht, wird man natürlich an alte Zeiten erinnert, aber man muss mit der Realität leben. Es gibt Gründe, warum große, namhafte Klubs wie der GAK und andere heruntergewirtschaftet wurden und Vereine wie Altach, Grödig und Co. mit kontinuierlicher Arbeit nach oben gekommen sind. Man sieht was möglich ist und was man erreichen kann. Andererseits muss man aufpassen, dass uns nicht andere, vermeintlich kleinere Ligen überholen. Wenn man sieht, was andernorts für Stadien gebaut und wie die Klubs geführt werden, ist das schon eine Gefahr. 

LAOLA1: Gibt es Ligen, von denen man lernen kann und wie sieht es mit dem Image der österreichischen Liga aus?

Pangl: Wir haben ein paar Top-Klubs, daneben wird auch an kleineren Standorten gute Arbeit geleistet. Die Schweizer waren lange auf Augenhöhe, haben uns in den letzten Jahren aber vorgezeigt, wie es geht. Die Nationalteams qualifizieren sich regelmäßig für Turniere und der FC Basel setzt international nachhaltige Duftmarken. Was das Image angeht muss man sagen, Themen wie etwa zuletzt die Grödiger Platzmisere sind natürlich nicht förderlich für die Liga. Damit fügt man sich einen selbstverschuldeten Imageschaden zu. Man kann sich als Liga jahrelang abmühen und arbeiten mit Sponsoren, Marketing etc., wenn man solche Bilder hat, dann macht man viel zunichte.

LAOLA1: Ist die Inkonsequenz nicht ein Problem in Österreich? Gerade bei der Infrastruktur wird beispielsweise oft mit Ausnahmeregelungen und Kulanz gearbeitet.

Pangl: Als Liga tut man sich natürlich schwer, weil die Regeln am Ende doch die Klubs machen. Man würde sich als Verein ja irgendwo selbst ausschließen, wenn man etwas fordert, was der eigene Klub nicht erfüllt. Und es stellt sich auch die Frage: Wenn man die Latte ganz hoch legt, wer packt sie dann überhaupt noch?


Das Gespräch führte Christoph Kristandl 

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