Ist Blatter der heimliche Sieger?

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Der 8. Oktober 2015 wird als historischer Tag in die Sportgeschichte eingehen.

Die Präsidenten der beiden mächtigsten Fußballverbände mussten aufgrund von Suspendierungsverfahren ihre Plätze räumen.

Doch was hat das für Folgen für die Zukunft der FIFA und UEFA? Und welche Akteure profitieren davon? LAOLA1 liefert Antworten:

Was wird ihnen vorgeworfen?

Jahrelang gab es rund um die FIFA Korruptionsvorwürfe, warum werden gerade jetzt die großen Funktionäre gesperrt? Entscheidend dafür waren die Ermittlungen der Schweizer und US-amerikanischen Behörden, die mit den Züricher Verhaftungen beim FIFA-Kongress im Mai einen Umschwung einleiteten. Die dadurch zu Tage geförderten Vorwürfe zwangen nun auch die FIFA-Ethikkommission zum Handeln und deren Vorsitzende hatten den Mut, die folgenreichen Entscheidungen umzusetzen.

Im Mittelpunkt der Aufregung steht eine Zahlung in Höhe von zwei Millionen Franken, die Sepp Blatter rund um die FIFA-Wahl 2011 an Michel Platini überwiesen haben soll. Dessen bisheriger FIFA-Präsidentschaftsmitbewerber Chung Mong-joon wurde wegen Korruptionsvorwürfen im Rahmen der gescheiterten Bewerbung Südkoreas für die WM 2022 für sechs Jahre gesperrt. Im Falle von Blatter und Platini sind die Sperren vorläufig und gelten solange bis das endgültige Urteil feststeht.

Wer ist jetzt FIFA-Präsident?

Schon 2002 versuchte der Kameruner Issa Hayatou mit Hilfe der UEFA FIFA-Präsident zu werden. Er scheiterte bei der Wahl jedoch an Blatter. 13 Jahre später hievt ihn die Suspendierung des großen Patrons aber doch noch ganz nach oben. Als erster Vizepräsident übernimmt der 69-Jährige interimistisch die Amtsgeschäfte, so lange Blatter gesperrt ist. Kehrt der Schweizer gar nicht mehr zurück, bleibt Hayatou bis zur FIFA-Präsidentschaftswahl am 26. Februar im Amt – vorausgesetzt er wird bis dahin nicht selbst suspendiert. Denn auch der Afrikaner, seit 1988 Präsident des Kontinentalverbandes, hat Dreck am Stecken. Laut „ARD“ hat er 2010 für seine Stimme an Katar 1,3 Mio. Euro kassiert. In den 1990er-Jahren soll er Korruptionsgelder für die Vergabe von TV-Rechten kassiert haben.

Wer ist jetzt UEFA-Präsident?

Die Sperre gegen Platini erwischte die UEFA am völlig falschen Fuß. Noch am Donnerstagvormittag wehrte sich der Franzose entschlossen gegen diesbezügliche Gerüchte, bevor diese wenige Stunden später Realität wurden. „Der Held der Fußballstadien darf dort jetzt nicht mehr hin“, sagt FIFA-Experte Thomas Kistner von der „Süddeutschen“. Interimistisch wird dem 60-Jährigen nun zumindest für die Laufzeit der Suspendierung Vizepräsident Angel Maria Villar Llona nachfolgen. Auch der Spanier gilt als äußerst umstritten. Im Zuge der spanisch-portugiesischen Kandidatur für die WM 2018 muss er sich selbst mit Korruptions-Verdächtigungen herumschlagen. Nicht umsonst versuchte er die Veröffentlichung des sogenannten Garcia-Berichts, der sich mit den Vorwürfen rund um die Vergaben für die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 beschäftigt, zu verhindern.

Einst Freunde, mittlerweile Rivalen: Platini und Blatter

Was ist die FIFA-Ethikkommission?

2009 verabschiedete die FIFA ethische Grundsätze. Im ersten Artikel heißt es: „Dieses Reglement findet auf Verhalten Anwendung, das der Integrität und dem Ansehen des Fußballs schadet, insbesondere auf illegales, unmoralisches und unethisches Gebaren.“  Kontrolliert werden diese moralischen Regeln von einer zweigeteilten Kommission, die Juristen aus verschiedenen Ländern umfasst.

Die untersuchende Kammer wird vom Schweizer Anwalt Cornel Borbely geleitet, die rechtssprechende Kammer vom deutschen Richter Hans-Joachim Eckert. In der Vergangenheit musste sich das vom FIFA-Kongress beschickte Gremium immer wieder vorwerfen lassen, besonders intensiv gegen Gegner von Sepp Blatter vorzugehen. Auch diesmal wird angesichts der Sperren von Platini und Chung dieser Verdacht laut – frei nach dem Motto: „Geht Blatter unter, sollen seine Rivalen mit untergehen.“

Blatter als heimlicher Sieger?

„Das sind drei Monate schöne Ferien, die hat er sich verdient.“ Süffisant kommentierte Blatters PR-Berater Klaus Stöhlker die Suspendierung seines Chefs. Tatsächlich trifft den 79-Jährigen die Sperre weniger hart als in etwa Platini oder Chung. „Blatter wird so weitermachen wie bisher“, meint „FIFA Mafia“-Autor Kistner. „Er wird versuchen, die FIFA für die Zeit nach dem 26. Februar aufzustellen. Das hätte er auch gemacht, wenn es einen Freispruch gegeben hätte.“

Aus dem Hintergrund kann Blatter nun also versuchen, jene Funktionäre für die Präsidentschaftswahlen in Stellung zu bringen, die ihm gut gesinnt sind. Einer dieser Männer könnte der Südafrikaner Tokyo Sexwale sein, für den zuletzt auch Blatter-Freund Franz Beckenbauer Werbung machte. Praktischerweise nahm die FIFA-Ethikkommission mit Chung und Platini nun zwei der aussichtsreichsten Konkurrenten des Anti-Apartheid-Aktivisten aus dem Rennen.

Wer kandidiert jetzt noch für die FIFA-Wahl?

Chung, Platini und Prinz Ali bin al-Hussein hießen bis zuletzt die drei ernst zu nehmenden Kandidaten für die FIFA-Präsidentschaftswahlen am 26. Februar. Theoretisch ist eine Bewerbung Platinis weiterhin nicht ausgeschlossen, sofern die Sperre von der Ethikkommission noch aufgehoben wird. Praktisch gilt sie jedoch als wenig wahrscheinlich. So bleibt der jordanische Prinz als einziger Kandidat über.

Bis 26. Oktober können aber noch Bewerbungen abgegeben werden. Dazu braucht es die Unterstützung von zumindest fünf Mitgliedsverbänden. Gut möglich, dass der bereits erwähnte Sexwale in den nächsten Wochen seine Absichten verkündet. Gefordert ist nun aber vor allem die UEFA. Sie muss einen neuen Kandidaten finden, dem eine Reform des gesamten, korrupten Apparates zuzutrauen ist. Mögliche Namen dafür wären in etwa der Niederländer Michael van Praag oder der Deutsche Wolfgang Niersbach.

Ist ein neuer Verband die Lösung?

Gelingt es der UEFA nicht, einen Reformer ins oberste Fußball-Amt zu heben, droht die FIFA so weiter zu machen wie bisher. Die Zukunft des gesamten Weltverbandes steht auf dem Spiel. „Die US-amerikanische Justiz setzt am Ende der Untersuchungen normalerweise ganz harte Geldstrafen. Die FIFA könnte deswegen in die Situation geraten, dass sie den eigenen finanziellen Verpflichtungen gar nicht mehr nachkommen kann“, meint Investigativ-Journalist Kistner. Er hält deswegen die Gründung eines neuen Weltverbandes für „unausweichlich“. In die Tat könnte das zum Beispiel so umgesetzt werden, dass sich die UEFA von der FIFA abspaltet. Kistner sagt: „Im Februar fällt die Entscheidung: Wird sich der Blatterismus fortsetzen oder gelingt es den Europäern, weitreichende Reformen einzuleiten?“

 

Jakob Faber

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