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"Sturm wird in dieser Saison wieder Meister"

Ivica Osim hat seiner zweiten Heimat Österreich einen Besuch abgestattet.

Die 70-jährige Trainer-Legende aus Sarajevo ist zwar nach seinem 2007 erlittenen schweren Schlaganfall schonungsbedürftig, war aber am Dienstag gemeinsam mit seinem früheren Schützling Ivica Vastic beim Wiener Bürgermeister Michael Häupl und bei einer Podiumsdiskussion in Wien-Hernals zu Gast.

Am Mittwochabend steht dann ein Besuch beim Cupmatch seines langjährigen Clubs Sturm Graz gegen die Admira auf dem Programm.

In seiner Heimat Bosnien-Herzegowina will man Osim sogar für den Friedensnobelpreis vorschlagen, schließlich geht sein Job als oberster Boss und Diplomat des alles andere als geeinten Fußball-Verbandes weit über die Bereiche des Sports hinaus.

Im Interview mit der APA zeigte sich Osim nicht nur fit, sondern auch bestens informiert über den österreichischen Fußball.

Frage: Zunächst das Wichtigste, wie steht es um Ihre Gesundheit?

Ivica Osim: Nach meinem Schlaganfall bin ich schon vor Sankt Petrus gestanden. Aber ich hatte Glück, er wollte mich noch nicht und hat mich zurückgeschickt. Ich bin schwer krank und habe manchmal Schwierigkeiten mit dem Reden. Wenn ich über Fußball spreche, fällt es mir leichter, das verlängert mein Leben.

Frage: Hat Ihnen der Meistertitel Ihrer Ex-Mannschaft Sturm Graz Freude bereitet?

Osim: Für mich war dieser Titel logisch. Sturm hat Ideen, ein Ziel und eine eingespielte Mannschaft. Sie verändern nicht so viel wie die anderen. Sturm arbeitet wir früher.

Frage: Ist dieser Erfolg wiederholbar?

Osim: Warum nicht? Sturm wird in dieser Saison wieder Meister. Mit dem Essen kommt der Appetit. Sturm spielt den schönsten Fußball Österreichs, sehr beweglich und modern. Sie haben Charme und dominieren fußballerisch schon seit drei, vier Jahren. Die Spieler haben Lust, Fußball zu spielen und nicht nur zu grätschen. Die Konkurrenten haben den Druck. Sie müssen Meister werden, wissen aber nicht, wie man das macht.

Frage: Sehen Sie also Franco Foda als würdigen Nachfolger von Ihnen?

Osim: Foda ist sehr ambitioniert. Sein Ziel ist wahrscheinlich die deutsche Bundesliga. Und er weiß, dass er dieses Ziel nur durch Erfolge mit Sturm erreichen kann. Sturm ist ein Maßstab, wie man arbeiten kann.

Frage: Ansonsten fehlt diese Konstanz im österreichischen Fußball?

Osim: Austria und Salzburg haben sehr viel Geld aus dem Fenster geworfen, da hätte mehr herausschauen müssen. Josef Hickersberger hat bei Rapid und mit dem Nationalteam gezeigt, dass ein Trainer etwas bewirken kann, wenn er länger bleiben kann. Sein Meistertitel mit Rapid war ein Vorbild. Und die Nationalmannschaft hat unter Hickersberger vor allem bei der Heim-EM 2008 sehr korrekt und elegant gespielt. Österreich war spielerisch besser als Kroatien. Aber dann musste Hickersberger gehen und alles wurde zerstört. Und jetzt ist auch Didi Constantini weg und es gibt wieder einen Neuanfang. Das kostet wieder Zeit und Nerven, denn der neue Teamchef (Marcel Koller, Anm.) hat sicher neue Ideen und möchte einiges verändern.

Frage: Leidet der heimische Fußball unter Realitätsfremde?

Osim: Ambitionen sind schön, Träumen ist erlaubt. Die österreichische Mannschaft hat Geschichte, aber man muss objektiv bleiben. Das Problem liegt in den Köpfen der Österreicher, denn sie leben in den alten Zeiten. Krankl und Cordoba, das ist lange vorbei. Die österreichische Fußball-Nation ist leider geschädigt. Man sollte daran denken, dass man eine neue Geschichte schreiben muss. Und Österreich kann das.

Frage: Wie kann diese Geschichte eine Erfolgsstory werden?

Osim: Über Nacht geht das nicht. Österreich muss wissen, was man will und was man objektiv schaffen kann. Man muss ein Konzept und Geduld haben, und viel arbeiten. Und nicht andere Nationen wie Deutschland, die Schweiz oder Slowenien imitieren. Die Ausnahme wäre der FC Barcelona, aber das ist unmöglich. Barcelona ist wahrscheinlich das beste fußballerische Kollektiv aller Zeiten. Österreich muss seinen eigenen Stil finden. Ich kenne die jungen Spieler, es gibt viel Material und Qualität in Österreich. Daraus muss eine Mannschaft gebildet werden. Man muss die jungen Spieler zum richtigen Zeitpunkt lancieren und darf nicht zu viel über ihre Qualitäten sprechen. Wenn man sie zu Stars macht, leben die jungen Leute schwer damit.

Frage: Verdirbt das viele Geld den Fußball?

Osim: Die Fußballer sind heutzutage leider zu Waren geworden, fast wie Sklaven. Aber auch aus Sklaven kann man eine funktionierende Gruppe formen.

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