Der Vormarsch der jungen Keeper

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Als Edwin van der Sar 2011 das Champions-League-Finale bestritt, war er 40 Jahre und sieben Monate alt.

Ein Jahr später hütet bei Manchester United ein Mann das Tor, der mit 21 Jahren locker der Sohn des langen Holländers sein könnte, David de Gea.

Der bei den „Red Devils“ vollzogene Wechsel mutet radikal an, ist aber sinnbildlich für die Entwicklung im modernen Fußball.

Immer mehr Vereine vertrauen auf die Jugend zwischen den Pfosten. Das viel rezitierte „beste Tormann-Alter“, das irgendwo zwischen 30 und 35 liegen soll, scheint seine Relevanz zunehmend zu verlieren.

„Erfahrung immer noch wichtig“

Ist die Erfahrung, die im fortschreitenden Alter zwangsläufig vorhanden ist, also zu vernachlässigen?

„Die Erfahrung ist das i-Tüpfelchen. Ein Junger wird es gegenüber dem Routinier immer sehr schwer haben. Auch wenn der Junge schneller ist, der Erfahrene steht schon dort“ widerspricht ÖFB-Tormanntrainer Otto Konrad klar.

„Die Frage ist, was macht dich zu einem erfahrenen Torhüter: Eine wichtige Rolle für Junge spielt hier, sich so schnell wie möglich an den Profikader zu adaptieren“, relativiert Hans Leitert, ehemaliger Torhüter bei der Wiener Austria und nunmehriger Leiter der Goalie-Ausbildung bei Red Bull, und fügt hinzu: „Entscheidend ist, dass sich ein Verein zum jungen Torhüter bekennt.“

Deutschland als Vorreiter

Derartige Bekenntnisse gab es in der jüngsten Vergangenheit auffallend oft in der deutschen Bundesliga, wie auch Leitert betont: „Zwei Vereine haben vor einigen Jahren riskiert, Schalke mit Manuel Neuer und Leverkusen mit Rene Adler. Der vielleicht zufällige Versuch ging positiv aus und da gibt es nun den Nachahmungseffekt. Mehrere Vereine haben gesagt, das probieren wir auch.“

Mittlerweile erfreut sich Deutschland über eine Generation junger Tormänner, der im Fahrtwind der beiden „Pioniere“ unter anderem Lars Unnerstall (21/Schalke), Oliver Baumann (22/Freiburg) Ron-Robert Zieler (23/Hannover), Kevin Trapp (21/Lautern, nun Eintracht), Bernd Leno (20/Leverkusen) oder Marc-Andre ter Stegen(19/Gladbach) angehören.

Dass diese Entwicklung dem Zufall geschuldet ist, kann Leitert zufolge ausgeschlossen werden: „Ich bin davon überzeugt, dass es auf einen bewussten Ausbildungsprozess zurückzuführen ist.“

Österreich zieht nach

Untermauert wird diese These von Konrad. „Im Tormann-Spiel und in der Ausbildung sowie Training hat sich sehr viel verändert. Wenn heute einer sagt, es ist nichts anderes als vor 15 oder 20 Jahren, teile ich nicht die Meinung mit ihm – und das ist nett ausgedrückt“, schildert der ehemalige Salzburg-Keeper die Entwicklung seiner früheren Profession.

Dass sich mit Lukas Königshofer (23) und Heinz Lindner (21) auch im aktuellen Teamkader zwei Beispiele befinden, ist als Zeichen dafür zu sehen, dass Österreich dem Trend aus seinem nördlichen Nachbarland folgt.

Nicht zu vergessen Jörg Siebenhandl, der mit seinen 22 Jahren in 34 Saisonspielen für den SC Wiener Neustadt das Toreschießen der Gegner zu unterbinden versuchte.

Der eingeschlagene Weg bringt demnach sichtbare Erfolge.

Torhüter als Fußballer

Die grundlegendste Veränderung im Torwartspiel und folgedessen auch im Training beschreibt Konrads Vorgänger Franz Wohlfahrt kurz: „Für uns Ausbildner liegt der Fokus darin, Torhüter in ihrer Entwicklung – da fangen wir ganz unten an – dort hinzubringen, dass sie Fußball spielen.“

Eine Charakteristik moderner Taktik-Systeme ist die Einbindung des Keepers in den Spielaufbau. Nicht selten wird der Mann zwischen den Pfosten als neuer Libero bezeichnet, der mit seinen Pässen Takt und Marschrichtung der Partie vorgeben kann.

„Bis zum Alter von zehn Jahren sieht der Lehrplan die Spieler auf jeder Position vor. Es sollte keinen fixen Torhüter geben. Man ist zu der Zeit in der besten Entwicklungsphase, lernt das Koordinative“, gibt Wohlfahrt einen Einblick, wie junge Torhüter auf ihre kommenden Aufgaben vorbereitet werden sollen.

Der Vorteil der Jungen

Um die taktischen Anforderungen zu erfüllen, bedienen sich Trainer vermehrt den immer besser geschulten Jungen, deren fußballerischen Fähigkeiten der Erfahrung vorgezogen werden.

Dass sich auch gestandene Keeper an die Evolution anpassen müssen, bestätigt der vielleicht Beste seines Fachs, Iker Casillas abschließend: „Es hat sich einiges verändert. Du musst nicht mehr nur mit den Händen gut zu sein, sondern auch mit den Füßen.“

Seine erste Saison als Nummer eins beendete der aktuelle Welttorhüter übrigens im Jahr 2000.

Als 19-Jähriger.


Christian Eberle

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