Gregoritsch: "Die Außendarstellung ist verruchter"

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„Ihr kennt mich als impulsiven Trainer. Die letzten drei Jahren waren für mich eine Diplomatenschule.“

Werner Gregoritsch weist darauf hin, wie sehr er sich seit seiner Anstellung beim ÖFB weiterentwickelt habe.

Wenn man so will, ist die Ausbildung noch nicht abgeschlossen. Denn sein Vertrag als Teamchef der U21 wurde vom Fußball-Bund verlängert. Das neue Arbeitspapier gilt bis Ende 2016. Im Falle einer Qualifikation für die EM verlängert es sich automatisch bis zum Ende des Turniers.

„Für mich war es aus sportlicher Sicht eine klare Entscheidung für eine Verlängerung“, betont ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner.

Disziplinäre Verfehlungen

Man kann getrost behaupten, dass die Personalie Werner Gregoritsch polarisiert. Schätzen die einen seine kernige steirische Art und halten ihn für ein Coach mit einem guten Händchen für junge Spieler, ist anderen sein rustikales Auftreten ebenso ein Dorn im Auge wie der Vorwurf, im taktischen Bereich nicht auf der Höhe der Zeit zu agieren. Den Titel „Konzepttrainer“ würde sich Gregoritsch wohl selbst nicht verleihen.

Die bisherigen drei Jahre im Amt geben beiden Lagern Munition. In 26 Partien als U21-Coach wurden nur vier verloren – eine respektable Bilanz. Das Playoff für die EM 2015 wurde dennoch knapp verpasst – unter anderem wegen einer peinlichen 1:3-Heimpleite gegen Albanien.

Im Vorfeld dieser Partie verließen mit Daniel Offenbacher, Christoph Martschinko, Florian Neuhold, Thomas Murg, Andreas Leitner und Kevin Friesenbichler gleich sechs Spieler unerlaubt das Teamquartier und wurden in weiterer Folge suspendiert.

Nicht die einzige disziplinäre Verfehlung, die während der Ära Gregoritsch für Schlagzeilen sorgte. Im September 2013 flogen schon Raphael Holzhauser, Robert Zulj und Marcel Ziegl aus dem Kader.

Versöhnliche Töne

Skandale wie diese nagen unweigerlich auch am Ruf des Verantwortungsträgers. Inzwischen, stellt Gregoritsch klar, ist er mit allen Beteiligten ausgesöhnt. Stichwort Diplomatenschule.

Mit Leitner, Martschinko, Friesenbichler und Murg gehören zumindest die 94er-Jahrgänge des Nachtschwärmer-Sextetts auch der neuen U21-Generation an. Spät aber doch folgte zuletzt auch die Aussöhnung mit Holzhauser, der seinen früheren Mentor vor einigen Wochen telefonisch kontaktierte.

„Er steht voll dazu, dass er einen Blödsinn gemacht hat“, gibt Gregoritsch zu Protokoll und traut dem in die zweite Mannschaft des VfB Stuttgart abgestiegenen Mittelfeldspieler weiterhin eine Nationalteam-Karriere zu. Wichtig sei es nach den jüngsten Rückschlägen nicht liegen zu bleiben.

Generell gibt sich der 56-Jährige beim Blick in den Rückspiegel verständnisvoll: „Für mich waren diese Sachen erledigt, als sich die Spieler entschuldigt haben. Die U21 ist ja auch deswegen so spannend, weil zwischen 18 und 21 für jeden Menschen das schwierigste Alter ist. Davon kann jeder selbst berichten.“

EM-Qualifikation als „Vorgabe“

Von Seiten des ÖFB ist man jedoch bemüht, dass Negativschlagzeilen wie diese nicht mehr vorkommen.

„Wir haben versucht, noch mehr zu optimieren und auch zu verstehen, was in den Spielern vorgegangen ist, dass sie so etwas gemacht haben“, erklärt Ruttensteiner, „auch die Spieler, die sich gegen Albanien nicht richtig verhalten haben, wissen heute, dass sie damit dem österreichischen Fußball sehr geschadet haben. Sie bereuen es und haben sich entschuldigt. Für uns sind die beiden Vorfälle abgehakt, da gibt es keine Ressentiments mehr, aber natürlich gibt es verschärfte Verhaltensrichtlinien, damit das in Zukunft nicht mehr passiert. Das wollen wir mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verhindern.“

In Zukunft will Gregoritsch in seinem „geilen Job“, wie er die Arbeit mit den Junioren-Teamspielern bezeichnet, nur noch auf dem Platz für Schlagzeilen sorgen.

Wenn man die EM so knapp verfehlt habe, sei man noch motivierter, die Qualifikation diesmal zu schaffen. Für Ruttensteiner ist die Teilnahme an der Endrunde 2017 gar „die Vorgabe und eine gewisse Forderung des ÖFB. Wir haben einen starken Jahrgang. Ich bin überzeugt, dass wir mit dieser Mannschaft die Qualifikation schaffen können.“

„Ich bin nur eine Durchgangsstation“

Gleichzeitig gilt es jedoch die Prämisse zu erfüllen, Spieler für das A-Team zu entwickeln. Gregoritsch schwärmt dabei von der Zusammenarbeit mit Teamchef Marcel Koller und betont:

„Es geht nicht alleine um den persönlichen Erfolg. Natürlich will ich Erfolg haben, aber ich möchte für den österreichischen Fußball etwas bewegen. Mir geht es darum, dass jeder meiner Spieler in seiner Karriere 100 Prozent erreicht, und da bin ich nur eine Durchgangsstation.“

Apropos schwärmen: In selbiges gerät der Grazer auch, wenn er von der Eigenständigkeit der jungen Generation spricht. Diese sei durch ihre Engagements bei ausländischen Vereinen beziehungsweise der Arbeit in den Akademien auch außerhalb des Platzes immer besser geschult, etwa in Bezug auf Interview-Techniken.

„Dieser Jahrgang ist noch eine Spur professioneller“, behauptet Gregoritsch und verrät, wie er seine Schützlinge in die Arbeit auf dem Rasen miteinbezieht: „Die Spieler werden von mir demokratisch in die Trainingssteuerung oder das taktische Verhalten miteinbezogen. Sie sind auch bereit, das im Gespräch und auf dem Platz auszuarbeiten. Entscheiden muss ich, weil ich verantwortlich bin. Aber dafür, welches Knowhow die Spieler mitbringen, muss ich den Vereins- und Nachwuchstrainern ein Kompliment aussprechen.“

Die „verruchte“ Außendarstellung

Besonders hervor hebt Gregoritsch die Arbeit von Red Bull Salzburg beziehungswiese dem FC Liefering, was die Absolvierung der Ausbildung innerhalb der Landesgrenzen betrifft:

„Das ist ideal für die U21 und andere Junioren-Nationalteams, weil dort höchstprofessionell gearbeitet wird und wahrscheinlich auch andere Verdienstmöglichkeiten bestehen als bei anderen Vereinen. Deswegen kann man die Spieler in Österreich behalten.“

Schafft Gregoritsch die Qualifikation für die EM, wäre es wohl auch seinem eigenen Image zuträglich. Ihm ist bewusst, dass er „den Ruf eines Peitschenknallers“ genieße, verweist jedoch darauf, dass viele ehemalige Schützlinge nach wie vor den Kontakt mit ihm suchen würden.

„Die Außendarstellung ist verruchter als die innere Darstellung“, glaubt der Coach, der auf Vereinsebene Kapfenberg, den LASK, Mattersburg und den GAK betreut hatte.

Gelitten hat besagter Ruf jedoch auch durch so manche undiplomatische Äußerung – nicht nur in fußballerischem Zusammenhang.

Der Vorwurf der Homophobie

Nie verziehen haben ihm diverse Beobachter etwa seine im Februar 2011 in einem Interview mit der „Kleinen Zeitung“ getätigten Aussagen zum Thema Homosexualität. Unter dem Hinweis, konservativ erzogen worden zu sein, meinte er:

„Ich bin ein sexuell freizügiger Mensch gewesen – in meiner Jugend dem weiblichen Geschlecht nicht abgeneigt, seit 20 Jahren nur noch meiner Frau verbunden. Für mich wäre so etwas undenkbar. Für mich selbst ist es etwas Unnatürliches. Aber ich akzeptiere diese Menschen, wenn sie es ohne Zwang machen. Mir selbst ist es nicht angenehm. Für einen Spieler wäre es sehr schwierig. Ich kann mir vorstellen, was in fremden Stadien passiert, wenn sich jemand outen würde.“

Als öffentliche Person im 21. Jahrhundert Homosexualität als „etwas Unnatürliches“ zu bezeichnen, zeugte – sehr vorsichtig formuliert - nicht gerade von Sensibilität. Der Vorwurf der Homophobie ließ Gregoritsch seither nie los, auch nicht im Rahmen der Bekanntgabe seiner Vertragsverlängerung.

„Es ist falsch rübergekommen“

Die Welt und die Menschen hätten sich in den bald vier Jahren seit dem Interview verändert, konstatierte der ausgebildete Pädagoge, gab sich ein wenig reumütig und begründete seine ursprüngliche Ablehnung von Schwulen mit Erfahrungen im Jugendalter:

„Dass ich in dieser Causa sehr feinfühlig war, liegt daran, dass ich in meiner Jugend zwei Mal bedrängt wurde, wo ich das nicht haben wollte. Da kann ich mich jetzt outen. Wenn du das erlebst, denkst du über diese Sache anders. Aber ich kann auch sagen, dass ich bereits seit zwei Jahren Freunde habe, die homosexuell sind. Für mich ist das überhaupt kein Thema mehr, weil ich aus dieser Situation gelernt habe. Es ist falsch rübergekommen, aber ich habe damit überhaupt kein Problem.“

Ein schwieriges Thema, bei dem jedoch auch keine Diplomatenschule helfen würde, sondern nur tatsächliche Weiterentwicklung.

Peter Altmann

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