Gludovatz: "Da muss man eben mehr Zeit opfern"

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Rund drei Wochen bleiben der österreichischen U20-Auswahl noch bis zum ersten WM-Auftritt in Kolumbien.

Dort soll die Mannschaft von Andreas Heraf einen ähnlichen Erfolgslauf hinlegen wie jene von Paul Gludovatz vor vier Jahren in Kanada.

Im Gespräch mit der APA erzählte der nunmehrige Ried-Coach von seinen Erinnerungen an den vierten WM-Platz in Nordamerika, von den möglichen Gründen für die Abstellungsproblematik und von den Abstimmungsproblemen zwischen Liga-Trainern und A-Team-Betreuerstab.

Frage: Wie bewerten Sie den Erfolg bei der U20-WM in Kanada vier Jahre danach?

Gludovatz: Es war eine wunderbare Erfahrung. Ich habe sehr schöne Erinnerungen mitgenommen, die nichts mit dem Fußball zu tun haben. Es tut zwar noch ein bisschen weh, dass wir nicht das Finale erreicht haben. Aber die Sympathien, die übergeschwappt sind, waren ein Wahnsinn. Ich werde heute noch oft darauf angesprochen. Ich freue mich auch, dass es viele aus der damaligen Mannschaft geschafft haben. Der Erfolg klingt stark nach und hat vielen eine gute Karriere ermöglicht.

Frage: Warum ist es nach Kanada nicht zum erhofften Fußball-Boom in Österreich gekommen?

Gludovatz: Die Realität ist nach wie vor, dass eine Nachwuchs-Nationalmannschaft niemals einen Flächenbrand auslösen kann, sondern nur das A-Team.

Frage: Welche Tipps würden Sie Andreas Heraf für die U20-WM geben?

Gludovatz: Keine. Jeder geht seinen eigenen Weg. Ich werde niemandem Ratschläge erteilen.

Frage: Wie schätzen Sie die massiven Abstellungsprobleme ein, mit denen Heraf zu kämpfen hat?

Gludovatz: Ich war vor der WM in Kanada immer vor Ort und habe bei jedem Trainer mit Demut regelmäßig um die Spieler gebeten. Da muss man eben mehr Zeit opfern, so etwas kann man nicht vom Büro aus erledigen. Ich habe zigtausende Kilometer abgespult, da war viel Mühsal dabei.

Frage: Wie auch immer die Mannschaft in Kolumbien aussehen wird - was trauen Sie der ÖFB-Auswahl bei der WM zu?

Gludovatz: Ich gehe davon aus, dass wir uns für das Achtelfinale qualifizieren, und dann ist alles möglich.

Frage: Inwieweit ist das jetzige Team mit der Mannschaft von 2007 vergleichbar?

Gludovatz: Nur sehr schwer. Jetzt spielen mehr in den Kampfmannschaften und auch im Ausland, als das 2007 der Fall war. Die Voraussetzungen sind jetzt besser, auch weil der ÖFB im Vorfeld mehr als 2007 investiert hat. Viele Spieler der derzeitigen kenne ich schon und habe sie zum Großteil für den U16-Toto-Cup zusammengestellt. Mit meiner Erfahrung und mit dieser Mannschaft hätte ich es sicher auch bis nach Kolumbien geschafft und würde dort für Furore sorgen.

Frage: Verspüren Sie gerade vor so einem Großereignis Wehmut, dass sie in der Bundesliga und nicht mehr im ÖFB-Nachwuchs arbeiten?

Gludovatz: Überhaupt nicht - alles zu seiner Zeit.

Frage: Bedeutete die U20-WM 2007 nicht nur für die Spieler, sondern auch für Sie ein Sprungbrett? Schließlich bekamen Sie ein Jahr danach in Ried einen Bundesliga-Trainerjob.

Gludovatz: Auch nach Kanada haben alle geglaubt, ich kann nur im Nachwuchsbereich arbeiten. Ich war als Nachwuchs-Trainer stigmatisiert. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ich den Ried-Job auch ohne die U20-WM bekommen hätte. Ich bin ja erst ein Jahr später nach Ried gegangen, außerdem gab es überhaupt keine Angebote von anderen Vereinen.

Frage: Warum wird in Österreich das Amt eines Nachwuchstrainers weit geringer geschätzt als jenes eines Profi-Betreuers?

Gludovatz: Da handelt es sich um einen Denkfehler. Ich würde jedem Trainer raten, im Nachwuchs zu beginnen, denn dort kann man noch Fehler machen. Für mich zum Beispiel ist es im Erwachsenen-Fußball leichter als im Nachwuchs-Fußball. Vielleicht scheuen deswegen viele diese Arbeit, weil sie wissen, dass sie viel aufreibender ist.

Frage: Was halten Sie von den aktuellen ÖFB-Nachwuchskonzepten?

Gludovatz: Die Konzepte sind nur so gut, wie man sie umsetzt. Man muss sie in die Köpfe der Klubtrainer reinbekommen, damit sie umgesetzt werden können. Viele Trainer sind zur Umsetzung nicht bereit. Dass so wie in der Schweiz an einem Strang gezogen wird, so weit sind wir noch lange nicht. Ich habe damals vor Ort mit eigenen Augen gesehen, wie Roy Hodgson in der Schweiz alles in einem einheitlichen System durchgestylt hat, das wäre bei uns nicht möglich. Die Schweizer haben Erfolge nicht nur wegen ihrer Secondos, sondern weil sie ihre Programme umsetzen und nicht nur darüber referieren.

Frage: Würde man so wie damals in der Schweiz auch in Österreich einen namhaften ausländischen Teamchef benötigen, um diese Reformen durchzuziehen?

Gludovatz: Ich glaube nicht, dass so etwas an Namen gebunden ist, sondern an die Bereitschaft aller Beteiligten, mitziehen zu wollen. Und diese Bereitschaft ist beim Großteil der Liga-Trainer sicher gegeben.

Frage: Dazu braucht es aber eine gute Zusammenarbeit zwischen A-Team-Betreuerstab und Liga-Trainern - wie ist es darum bestellt?

Gludovatz: Die Kontakte zwischen ÖFB und Bundesliga-Trainern sind Alibi. Anrufe allein genügen nicht. Sie müssen eben täglich unterwegs sein und nicht nur ein paar Spiele besuchen. Sie müssen mehr Trainings besuchen, ihre Teamspieler auch im Training anschauen, mit den Vereinstrainern reden, einfach das Feld mehr beackern - aber das betrifft nicht nur den jetzigen Teamchef, sondern auch seine Vorgänger. Die A-Team-Betreuer schauen sich die Spieler an und nehmen sie fürs Nationalteam, aber sie reden nicht über die Struktur. Doch wir als Kleine dürfen uns keinen einzigen Fehler erlauben. Wir müssen in jedem Bereich topp arbeiten, um ein gewisses Level zu erreichen.

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