"Ich stehe nicht im Vordergrund"

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Hermann Stadler ist mit seinem Jahrgang 1996 bei der nächsten Endrunde. Nach der U17-EM und der U17-WM startet das Team in die U19-EM in Griechenland (6.-9. Juli).

Dort treffen die ÖFB-Talente auf Frankreich (6.7., 20 Uhr), Griechenland (9.7., 21 Uhr) und die Ukraine (12.7., 20 Uhr).

„Schön, dass wir uns qualifiziert haben, entscheidend und viel, viel wichtiger ist aber, wie viele Spieler es ganz nach oben schaffen“, sagt der U19-Teamchef im LAOLA1-Interview.

Der 54-Jährige spricht über den Spielstil seiner erfolgreichen Truppe, die Transfers seiner Schützlinge und die Anfragen von Vereinen.

LAOLA1: Dieser Jahrgang hat sich für jede Endrunde qualifiziert. Kann man von einer goldenen Generation sprechen?

Hermann Stadler: Nein. Es gehört auch viel Glück dazu, wir waren jedes Mal sehr knapp dran, auszuscheiden. Man merkt aber, dass die Mannschaft mit jedem Erreichen eines Ziels selbstsicherer und homogener geworden ist.

LAOLA1: Haben Sie, als sie den Jahrgang damals gesichtet haben, erwartet, dass so viel möglich ist?

Stadler: Ich hatte davor Jahrgang 1992 – für mich ein extrem guter Jahrgang. Um ein paar Beispiele zu nennen: David Alaba, Marco Djuricin, Florian Kainz, Martin Hinteregger, Daniel Offenbacher, Simon Piesinger, Tobias Kainz, Patrick Farkas. Mir würden noch einige mehr einfallen. Wir haben den späteren U17-Europameister Deutschland und den späteren U17-Weltmeister Schweiz in Freundschaftsspielen geschlagen. Mit diesem Jahrgang haben wir aber keine einzige Endrunde erreicht, weil uns in den entscheidenden Spielen das nötige Spielglück gefehlt hat. Ich hatte Zweifel, ob mein nächster Jahrgang dieses Niveau halten kann. Aber wir hatten bei der Sichtung eine extrem gute Trefferquote. Eines muss ich aber auch sagen: Schön, dass wir uns qualifiziert haben, entscheidend und viel, viel wichtiger ist aber, wie viele Spieler es ganz nach oben schaffen. Mit Valentino Lazaro hat es einer schon geschafft.

LAOLA1: Vom ersten Kader, der die U17-EM-Quali gespielt hat, sind diesmal acht Spieler dabei, drei auf Abruf, Dominik Baumgartner ist verletzt und Lazaro schon bei A-Team. Es sind also wenige auf der Strecke geblieben.

Stadler: Das ist ein Zeichen dafür, dass wir am Anfang ein gutes Auge für die richtigen Spieler hatten.

LAOLA1: Im Kader gibt es eine große Gruppe von Austria- und eine große Gruppe von Red-Bull-Spielern. Ein Vorteil?

Stadler: Sicher! Die Spieler von einem Verein sind von Haus aus Freunde und besser eingespielt. Da ist es leichter, etwas einzustudieren. Einerseits ist es Zufall, andererseits auch wieder logisch, weil diese beiden Akademien – gemeinsam mit Rapid und Sturm – führend sind.

LAOLA1: Kann man sagen, dass Sie die Mannschaft im Laufe der Jahre immer mehr auf Angriffspressing umgestellt haben?

Stadler: Wir haben versucht, den Trend der Zeit mitzugehen. Wir wollen dominant auftreten, spielbestimmend sein und nicht nur abwarten. Wir haben so viel Selbstvertrauen, dass wir uns zu Beginn den Spiels nicht zurückziehen müssen, sondern unsere Stärken einbringen wollen. Wir wollen in erster Linie offensiv spielen. Ob es jetzt Angriffspressing oder Mittelfeldpressing ist - wir wollen den Ball so schnell wie möglich zurückerobern und dann lange kontrollieren.

LAOLA1: Die Ausbildung bei Red Bull und der Austria begünstigt diesen Stil.

Stadler: Richtig. Bei Red Bull ist es ganz krass und bei der Austria ist es nicht viel anders.

"Mir taugt es beim ÖFB extrem"

LAOLA1: Sechs Spieler aus dem Kader haben im Sommer den Verein gewechselt. Sind Sie zufrieden mit diesen Transfers?

Stadler: Es ist ein Weg der kleinen Schritte. Ein Lukas Tursch muss nicht vom SV Horn zu Bayern München gehen – er ist zu Austria Lustenau gegangen, wenn er dort ein gutes Jahr spielt, kann er weiter nach oben kommen. Sascha Horvath war bei der Austria nicht mehr glücklich, also ist er zu Sturm gegangen – top. Manuel Haas wollte Liefering nicht weiter binden, jetzt kann er hoffentlich bei Kapfenberg Spielpraxis sammeln. Für Daniel Ripic und Stefan Peric hat es aus verschiedenen Gründen in Salzburg nicht mehr gepasst, sie spielen jetzt in der dritten Liga bei den Stuttgart-Amateuren – dort können sie überzeugen. Alle stehen am Scheideweg. Wenn sie sich bei ihren neuen Klubs etablieren und Leistungen bringen, ist ein U19-Teamspieler in Österreich, Deutschland und der Schweiz immer interessant.

LAOLA1: Sie finden den Wechsel von Horvath zu Sturm also gut?

Stadler: Er hat eine neue Herausforderung gebraucht, weil er bei der Austria nicht mehr glücklich war. Sturm ist eine Top-Adresse, gehört zu den vier besten Vereinen Österreichs. Wenn dich als 18-Jähriger ein Trainer von so einem Verein holt, ist das top. Noch dazu hat Franco Foda genügend Erfahrung, setzt auf die Jungen und kann super mit ihnen arbeiten. Horvath passt super zu Sturm.

LAOLA1: Ist es nicht ein Nachteil für diese Spieler, dass sie wegen der U19-EM die Vorbereitung bei ihren Klubs verpassen?

Stadler: Ich sehe das nicht als Nachteil. Die Jungs spielen bei uns ihre drei, vier Partien, können sich präsentieren und kommen dann zurück. Die Spieler können mit einer breiten Brust zu ihren Klubs kommen. Die Vereins-Trainer verfolgen das U19-Team ja auch. Auf diesem Weg möchte ich mich auf bei allen Trainern für die gute Zusammenarbeit bedanken, es gab keine Probleme bei den Abstellungen.

LAOLA1: Wie hat Sie die Arbeit mit diesem Jahrgang verändert?

Stadler: Wichtig sind die Spieler, nicht wir Trainer. Ich stehe nicht im Vordergrund, ich stehe im zweiten Glied. Meine Aufgabe ist es, die Spieler sportlich und menschlich so weiterzuentwickeln, dass es so viele wie möglich ins A-Team schaffen. Als Trainer lerne ich freilich mit jedem Erreichen einer Endrunde dazu – ich habe dort den Vergleich mit anderen Trainern, sehe wie sie sich präsentieren, welche Philosophie sie haben. Von der Herangehensweise ist es etwas ganz anderes, ob man eine EM und WM spielt oder ein Freundschaftsspiel vor der Haustüre. Je mehr Endrundenspiele ich als Trainer habe, umso mehr entwickle ich mich.

LAOLA1: Hat es in letzter Zeit keinen Bundesliga-Klub gegeben, der sich gedacht hat: „Der Hermann Stadler schafft jede Quali, warum rufen wir den nicht an?“

Stadler: Es ist ja nicht so, dass ich keine Anfragen reinkriege. Ich habe aber keine ernsthaften Gespräche geführt. Mir taugt es beim ÖFB extrem, ich bin nicht auf der Suche nach etwas anderem, höre mir aber gerne alles an. Ich arbeite gerne mit pubertierenden Burschen, die nach oben wollen. Es ist cool, zu sehen, wie sie sich entwickeln. Wenn dann Spieler aus meinen vorigen Jahrgängen bei Bundesliga-Spielen zu mir kommen und mit mir reden, motiviert mich das extrem.

LAOLA1: Und der nächste Jahrgang wartet schon wieder auf Sie.

Stadler: Genau, die 2000er. Es wird eine Herausforderung, diesen Jahrgang zu toppen. Die U17-EM 2016 in Kroatien und die U17-WM 2017 in Indien sind die nächsten Ziele. Jetzt liegt der Fokus aber auf der U19-EM.

Das Gespräch führte Harald Prantl

LAOLA1: Sprechen wir über die Gegner. Was kann Frankreich?

Stadler: Ich habe neun Spiele gesehen. Bei den ersten acht Partien habe ich mir gedacht: ‚Die sind in allen Belangen top, haben keinen Schwachpunkt!‘ Sie haben viele Tore geschossen und nur zwei Gegentore kassiert. Dann habe ich das Video von ihrem Spiel gegen Spanien gesehen. Da haben sie eine über die Mütze gekriegt. Die sind also auch anfällig. Aber für mich ist das der Favorit in der Gruppe.

LAOLA1: Wie sieht es mit der Ukraine aus?

Stadler: Viele unterschätzen sie. Ein Team, das lauf- und zweikampfstark ist. Die fighten bis zur letzten Sekunde, geben nie ein Spiel verloren. Ein gefestigte Mannschaft, die ganz schwierig zum Spielen ist. Da müssen wir höllisch aufpassen. Besonders aufgefallen ist mit Maryan Shved – ein trickreicher Außenspieler.

LAOLA1: Gastgeber Griechenland hat kein einziges Testspiel verloren.

Stadler: Das stimmt. Eine spielerisch sehr gute Mannschaft. Egal, ob sie angepresst werden oder nicht, die suchen immer die spielerische Lösung. Wunderbar anzusehen. Mal sehen, wie sie mit dem Druck des Heimpublikums umgehen werden. Ihr großer Vorteil ist, dass sie die Hitze gewöhnt sind.

LAOLA1: Mit welchem Ziel gehen Sie ins Turnier?

Stadler: Wir schauen von Spiel zu Spiel. Natürlich wollen wir so weit wie möglich kommen. Wir lehnen uns nicht zurück, nur weil wir dabei sind. Wir wollen nach jedem Spiel sagen können, dass wir alles gegeben haben. Wir müssen vor jedem Gegner Respekt haben.

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