Finale? "Spricht nichts dagegen!"

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Auf der Anzeige-Tafel, die der vierte Offizielle in die Höhe streckt, leuchtet die grüne 11. 

Es ist die Rücken-Nummer von Sinan Bytyqi, der eigentlich gar nicht zum Einsatz kommen sollte...

"...aber wir haben risikiert", begründete U19-Teamchef Andreas Heraf die Einwechslung des ManCity-Legionärs nach der 1:0-Pausenführung Portugals. Zu verlockend war die Chance, dem EM-Favoriten den Gruppen-Sieg doch noch wegzuschnappen.

Der Wechsel gab der Mannschaft unmittelbar einen Schub, der sich bereits nach wenigen Sekunden im Ausgleichs-Treffer von Florian Grillitsch niederschlug (46.). 

Spätestens jetzt hatten auch die letzten Zweifler in der Pancho Arena, dem Schmuck-Kästchen der Ferenc-Puskas-Akademie in Felscut, gemerkt, dass der ÖFB-Auswahl der Ausgang dieser Begegnung, trotz der fixen Halbfinal-Teilnahme, alles andere als egal war.

"Unser Spiel ist einfach gestrickt"

Warum man das zunächst hätte glauben können?

Heraf veränderte seine Start-Elf im Vergleich zum 3:0 über Israel an nicht weniger als sechs Positionen, verordnete neben Kapitän Francesco Lovric und Keeper Ivan Lucic auch Daniel Rosenbichler, Sascha Horvath, Peter Michorl und eben Bytyqi zunächst eine Pause.

"Es geht nur um Regeneration", erklärte der Teamchef später die Schonung jener Spieler, die im bisherigen Turnierverlauf mitunter die meisten Minuten abgespult hatten. 

Doch nicht erst nach der Einwechslung von Bytyqi und Horvath hatte man die Iberer gefordert. Mit Ausnahme der Minuten 30 bis 45 kam der Favorit auch zuvor nur selten zur Entfaltung. Die Mannschaft wirkte trotz der Umstellungen harmonisch. "Weil unser Spiel sehr einfach gestrickt ist, jeder weiß, was er zu tun hat", begründete Heraf.

Heraf schonte sechs Stamm-Kräfte

Zweite Garde überzeugte

So zum Beispiel Mittelfeld-Mann Konrad Laimer. Waren ihm gegen Ungarn (12 Minuten) und Israel (6) nur Kurz-Auftritt vergönnt, überzeugte er gegen Portugal über die volle Spielzeit.

"Der Trainer hat mir die Chance gegeben und ich habe mich voll reingehauen", konnte der Lieferinger, der bereits dem Profi-Kader von Red Bull Salzburg angehört, seine Zufriedenheit nicht verbergen.

Oder Alexander Joppich, der Backup auf der Außenverteidiger-Position, der bei seinem zweiten EM-Auftritt erneut fehlerlos agierte. "Es war immer schon so, dass ich in jedem Spiel voll da bin. Dazu kommt der Zusammenhalt, die Unterstützung der anderen", erklärte er seine Leistung.

"Ich beschäftige mich mit dem Gegner, denke an mögliche Spiel-Szenen und höre Musik. Diesmal war es Eminem", verriet Joppich sein Pre-Game-Ritual.

Zufriedenheit statt Trauer

Dass es gegen Portugal am Ende nicht zum (Gruppen-)Sieg reichte, lag zum einen an der Abgeklärtheit des Gegners, der, trotz österreichischer Überlegenheit nach dem Seitenwechsel, eben doch noch traf.

Zum anderen an der Chancen-Verwertung der ÖFB-Elf. Das sagt zumindest Markus Blutsch, der beim Stand von 1:1 die "weit offene lange Ecke" nicht genau genug anvisiert (52.). "Den muss ich machen!"

Der Teamchef trauerte weder dieser Szene, noch dem Sieg lange nach. "Wenn man mit einer Niederlage leben kann, dann mit dieser." Mit dem Gesehenen war Heraf mehr als zufrieden.

Wermutstropfen

Auch bei Blutsch überwog das Positive: "Wir haben gemerkt, dass wir international auf einem Top-Niveau sind", sagte der LASKler, "wir können jedes Team schlagen". Diesen Status habe man sich hart erarbeitet.

Einziger Wermutstropfen könnte die Verletzung von Innenverteidiger Lukas Gugganig sein, der in der Pause mit Achillessehnen-Problemen ausgewechselt werden musste. "Eine reine Vorsichtsmaßnahme, am Montag bin ich fit!", versicherte der Betroffene vor dem "größten Highlight" seiner Karriere, dem EM-Halbfinale gegen Deutschland (Montag, 18 Uhr).

Die nächste Mammut-Aufgabe. Doch die Mannschaft sei in jedem Fall reif dafür, betonte der baumlange Defensiv-Mann mit Nachdruck. "Es spricht nichts dagegen, dass wir es ins Finale schaffen."

Finale vor dem Finale

Davon ist auch Heraf überzeugt.

Für den 46-Jährigen ist aber bereits jetzt Endspiel-Zeit. "Für andere kommt jetzt das Semi-Finale, für uns ist es das Finale und wenn wir das gewinnen, dann haben wir zufälligerweise noch ein zweites Finale."

Der Teamchef sieht gegen den großen Nachbarn nicht unbedingt Taktik oder spielerische Klasse als entscheidende Faktoren. Es gehe darum, das fittere Team zu sein. Deshalb: "Heute Eistonne, morgen Fahrrad fahren." 

Und Video-Studium. Mit drei DVD’s bereitet sich der ÖFB-Nachwuchs auf die Vorschluss-Runde vor. Doch schon vor der Begutachtung der bisherigen DFB-Auftritte ist dem Coach klar, dass sich Deutschland und Portugal auf Augenhöhe bewegen. Mit Letzteren hatte man soeben mehr als mitgehalten. 

"Jetzt ist alles drin", sagt Heraf.

 

Aus Felcsut berichtet Kevin Bell

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