"Wir sollten Frauen und Männer nicht vergleichen"

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Russland.

So heißt die letzte Hürde, die genommen werden muss, damit Österreich Geschichte schreibt: Das Frauen-Nationalteam würde sich bei einem Weiterkommen erstmals für eine EM qualifizieren.

Am Sonntag gastieren die Russinnen, Nummer 20 der Welt und bislang drei Mal bei Endrunden dabei, im Playoff-Hinspiel in St. Pölten. Am Donnerstag fällt dann in Rostow die Entscheidung um ein Ticket für Schweden, dort steigt das Turnier im Juli 2013.

Österreichs Damen (Nr. 36) haben zuletzt einen kleinen Boom ausgelöst. Nach dem begeisternden 3:1 gegen Dänemark, das in der Gruppenphase ansonsten keine Punkte abgab und keine Treffer bekam, träumen die ÖFB-Kickerinnnen um Laura Feiersinger von der nächsten großen Sensation.

Das ist bei Teamchef Dominik Thalhammer nicht anders. "Wir wollen aus diesem Traum nicht aufwachen", schildert der 42-Jährige.

Der ehemalige Admira- und Sportklub-Trainer ist seit April 2011 Coach der Frauen. Im Gespräch mit LAOLA1 spricht der Teamchef über die Entwicklung und müßige Vergleiche.

LAOLA1: Sie waren am Dienstag Augenzeuge des 4:0 der ÖFB-Herren gegen Kasachstan. Deckt sich das mit Ihrem Wunschergebnis für Sonntag?

Dominik Thalhammer: Die Ausgangsposition ist sicherlich eine andere. Russland ist klarer Favorit, liegt in der Weltrangliste auf Rang 20 und dementsprechend wird es sicherlich enger zugehen. Wir stellen uns auch kein Resultat vor, wir versuchen das Optimum herauszuholen und das hängt natürlich auch stark vom Spielverlauf ab.

LAOLA1: Wie sehr träumen Sie von der erstmaligen EM-Teilnahme des ÖFB-Frauen-Nationalteams?

Thalhammer: Der Traum ist auf alle Fälle da. Wir haben uns vor eineinhalb Jahren die Vision gesetzt, zu einer EM zu fahren. Dass es jetzt schon so früh klappen könnte, ist umso besser. Natürlich wollen wir aus diesem Traum nicht so schnell erwachen. Aber die Realität ist, dass es eine sehr schwierige Aufgabe ist. Wir würden bei einer Teilnahme zu den Top 12 in Europa gehören. Wir können aufgrund des bisher Erreichten gelassen in dieses Duell gehen, denn auch wenn wir es nicht schaffen sollten, bleibt zurück, dass wir Werbung für den Frauen-Fußball gemacht haben, sich das Team weiterentwickelt hat und das Zuschauerinteresse extrem gestiegen ist. Vor eineinhalb Jahren haben wir noch vor 600 Zuschauern in Vöcklabruck gespielt, nun vor knapp 3000 in St. Pölten. Es bleibt einfach auch viel Positives zurück, wenn wir es nicht schaffen sollten. Aber wir wollen sehr gerne nach Schweden, denn es hätte für die Entwicklung des Frauen-Fußballs große Auswirkungen.

LAOLA1: Was tun Sie abseits des Feldes für die Weiterentwicklung des Frauen-Fußballs?

Thalhammer: Wir sind dabei, eine Konzeption zu erarbeiten, die sich auf die nächsten fünf bis sechs Jahre bezieht. Ich sage, in diesem Zeitraum sollte es uns gelingen, unter die Top 20 der Welt zu gelangen. Damit in Verbindung stehen natürlich regelmäßige Qualifikationen für solche großen Wettbewerbe.

LAOLA1: Es gibt immer wieder den Vergleich mit dem Herren-Fußball. Ist Ihr Team ob der Playoff-Situation auch tatsächlich weiter?

Thalhammer: Nein, das kann man nicht so sehen. Zumal bei den Herren generell die Dichte viel größer ist. Bei den Duellen der ersten 100 oder 120 sind viele enge Ergebnisse dabei, zum Teil Überraschungen. Bei den Frauen ist das nicht der Fall, vor allem wenn es um die absolute Weltspitze Deutschland und USA geht. Da sind wir sicher nicht so nahe dran, wie die Herren am DFB-Team.

LAOLA1: Eine Parallele ist aber sicherlich die Tatsache, dass bei Herren wie bei Frauen mehr Legionäre im Team spielen als früher. Werden heimische Fußballerinnen heutzutage mehr geschätzt?

Thalhammer: Das kommt sicherlich mit den Erfolgen einher, aber es ist einfach wie bei den Herren. Die deutsche Liga ist eine sehr starke und die Spielerinnen werden dort mehr gefordert als in Österreich. Es hängt auch zum Teil mit der Professionalisierung hierzulande zusammen, die bei den Herren gegeben ist und bei den Frauen nicht. Die Mädchen haben im Ausland sicherlich eine höhere Trainingshäufigkeit.

LAOLA1: Wie gut ist der ÖFB hinsichtlich Frauen-Fußball aufgestellt? Läuft das so genannte Werk’l?

Thalhammer: Es beginnt zu laufen, das sieht man auch in den letzten Jahren. Dahingehend war auch die Eröffnung des nationalen Zentrums in St. Pölten ein riesiger Schritt. Diese Einrichtung, wo die U17- und U19-Nationalmannschaften täglich trainieren, ist eine, die uns mittelfristig für das A-Team helfen wird. Da werden Spielerinnen von der Basis her schon sehr gut ausgebildet.

LAOLA1: Sie waren unter anderem Admira- und Sportklub-Trainer. Warum sind Sie zu den Frauen gewechselt?

Thalhammer: Ich habe damals vom Sportdirektor das Angebot bekommen. Ich habe es mir überlegt, musste mich aber damit auch erst einmal auseinandersetzen, da ich ehrlich gesagt selbst wenig Einblick hatte. Aber es war einfach sehr spannend, die Installierung des nationalen Zentrums, der Akademie und dort als sportlicher Leiter zu fungieren. Beim Aufbau tätig zu sein sowie die Nationalmannschaft zu trainieren, das war einfach eine riesige Herausforderung für mich. Die habe ich angenommen.

LAOLA1: Wie unterscheidet sich das Trainieren von Frauen und Männern?

Thalhammer: Für mich gibt es im mentalen und taktischen Bereich hier keine Unterschiede. Es ist einfach so, dass die Unterschiede im Bereich der Athletik liegen. Aufgrund dessen wird eben oft verglichen. Diesen Ansatz finde ich aber auch nicht richtig. Ich finde es etwa nicht gut, wenn es zu Diskussionen wie jene um Lindsey Vonn, die eine Herren-Abfahrt absolvieren will, kommt. Das soll man nicht machen. Wie der Frauen-Skisport ist auch der Frauen-Fußball als eigenständige Sportart zu sehen. Es bringen alle in ihren Bereichen Top-Leistungen und deswegen sollte man auch nicht Spiele von Männer- gegen Frauen-Teams machen. Ein Sechstligist könnte ein Frauen-Nationalteam schlagen, das wäre jetzt vielleicht auch keine große Überraschung. Dennoch sollte man es nicht vergleichen, denn Lindsey Vonn würde auf der Streif wohl auch hinterherfahren. Das ist nun einmal so. Das muss man auch so nehmen, wie es ist.

LAOLA1: Abseits der athletischen Aspekte, fallen Ihnen besondere kognitive Unterschiede auf? Verstehen Frauen zum Beispiel schneller?

Thalhammer: Ich denke, Frauen sind in erster Linie sehr umsetzungswillig. Sie lechzen etwa nach taktischen Inputs, sonst würde ich aber keine großen Unterschiede sehen. Vielleicht ist der Gerechtigkeitssinn mehr ausgeprägt, das kann aber auch in der Kürze der Zeit nur eine Erfahrung sein, die ich mitgenommen habe.

LAOLA1: Sind Sie im Umgang mit Frauen anders als bei den Herren oder bleibt Spieler einfach Spieler?

Thalhammer: Ich habe schon bei den Herren gemerkt, dass man nicht alle mental gleich behandeln kann. Es gibt in einer Mannschaft viele Charaktere und jeder Spieler braucht eine andere Ansprache. Das ist bei Frauen nicht anders.

LAOLA1: Wenn wir noch einmal auf Wertschätzung zurückkommen: Welche erfahren Sie als Trainer innerhalb der österreichischen Szene?

Thalhammer: Die Erfolge führen natürlich dazu, dass Respekt und Anerkennung da sind. Ich denke in meinem ersten halben Jahr wurde das Ganze noch weniger wahrgenommen, aber jetzt vor einem Playoff-Duell in der EM-Quali gibt es sehr viele Trainer aus der Herren-Fußball-Welt, die uns einfach gratulieren. Ich denke, dass es auch einige ehrlich meinen, sonst würden sie es nicht machen. In ÖFB-Kreisen, etwa seitens Marcel Kollers, ist sehr viel Anerkennung da. Wir sind gemeinsam in Trainersitzungen, erörterten etwa zuletzt taktische Themen der Frauen-Nationalmannschaft, sprachen auch über Russland. So erfährt der ÖFB-Frauen-Fußball sehr viel Anerkennung.

LAOLA1: Am Dienstag hat David Alaba bei den Herren den Unterschied gemacht. Ist Laura Feiersinger, die ebenfalls bei Bayern spielt, bei Ihnen die Person, die diese Rolle einnehmen kann?

Thalhammer: Sie hat natürlich zuletzt gegen Dänemark eine sensationelle Leistung gebracht, ist an die elf Kilometer gelaufen und war ähnlich wie David Alaba am Dienstag viel unterwegs. Klar ist aber auch, dass eine Laura Feiersinger alleine nicht reichen wird. Wir brauchen eine geschlossene Mannschafts-Leistung.

 

Das Gespräch führte Bernhard Kastler

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