"Der Weg ist für uns noch nicht zu Ende"

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„Ich war da, ich war dort, ich war überall“, erzählt Julian Baumgartlinger.

Der Mainz-Legionär spricht nicht von seiner Omnipräsenz auf dem Platz, sondern den Feierlichkeiten in der Friends Arena nach der mit dem 4:1-Triumph gegen Schweden fixierten EM-Qualifikation.

„Ein bisschen geflasht waren wir, glaube ich, alle“, berichtet der Salzburger.

Geflasht ja, aber zwicken musste man keinen ÖFB-Kicker. Der Traum ist Realität, und dessen ist man sich auch weitestgehend bewusst.

Kein Genuss bei der Heim-EURO

„Der Weg hat ja schon länger in diese Richtung gedeutet“, verdeutlicht Baumgartlinger, „aber man muss es immer erst einmal durchziehen. Das haben wir gemacht, so überzeugt und fokussiert. Es fühlt sich toll an, ein Teil des Ganzen zu sein. Aber der Weg ist für uns noch nicht zu Ende.“

Die Betonung liegt auf dem letzten Satz. Selbstzufriedenheit mit dem Erreichten darf, soll und wird nicht aufkommen. Die „ÖFB-Familie“ hat nämlich noch einiges vor.

Auch aufgrund seiner bewährten Personalpolitik des Vertrauens. Diese wurde schon oft erörtert, kommt aber in Momenten des Freudentaumels wie in Stockholm besonders zum Tragen.

„Unsere Geschichten gehen weiter. Da kann man so viele Leute rauspicken, die immer wieder in der Kritik gestanden sind und trotzdem ihren Mann gestanden haben“, sagt Marc Janko, der nach der Nichtnominierung für den Heim-Event 2008 nun doch noch die Chance auf seine ganz eigene EM-Story bekommt.

Almer genießt still – aus gutem Grund

Mit diesem Zitat könnte er nach langen Phasen der Vereinsprobleme auch sich meinen, konkret bezieht er sich jedoch auf Tormann Robert Almer: „Gerade er, dessen Einberufung am Anfang vom einen oder anderen Journalisten kritisiert wurde, schreibt so eine Geschichte wie den Torrekord. Das freut mich wahnsinnig für ihn, er hat sich das verdient, ist ein absoluter Toptorhüter und hat das trotz mangelnder Spielpraxis immer wieder bewiesen.“

Almer gehörte zu den stilleren Genießern der EM-Party. Er lehnte es auch ab, seine Paraden gegen die Skandinavier in den Mittelpunkt zu rücken.

Bevor wir in die Zukunft blicken, müssen wir das Rad der Zeit jedoch gut sieben Jahre zurückdrehen. Fehlende Turniererfahrung ist im Hinblick auf die EM in Frankreich immer wieder ein Thema. Mit Martin Harnik, Sebastian Prödl, Christian Fuchs, György Garics, Ramazan Özcan und Christoph Leitgeb verfügen jedoch immerhin sechs aktuelle Teamspieler seit 2008 über selbige.

„Ein paar von uns waren schon bei der Heim-EURO dabei, die meisten waren noch sehr jung. Ich glaube, dass wir es gar nicht genossen haben, so ein großes Turnier zu spielen, weil wir es damals mehr oder weniger geschenkt bekommen haben. Inzwischen wissen wir, welch harte Arbeit dahintersteckt und können uns sehr, sehr auf diesen Moment freuen“, betont Harnik.

„Es hat lange gebraucht, bis wir hierhergekommen sind“

Die vielzitierte lange Reise bis nach Frankreich hat bei vielen Kadermitgliedern ihre Wirkung nicht verfehlt. Sie schafft Bewusstsein und Motivation zugleich.

„Es hat lange gebraucht, bis wir hierhergekommen sind. Ich bin jetzt bald ein Jahrzehnt dabei. Ich komme mir schon alt vor. Es ist eigentlich unglaublich, was in den letzten Jahren geschehen ist. Seit Marcel Koller angefangen hat, zeigt die Kurve ständig nach oben“, erklärt Fuchs.

Diese Bescheidenheit habe einen simplen Grund: „Ich weiß selbst aus der Vergangenheit, wie schnell es im Fußball geht, wie schnell man ins Hintertreffen gerät. Von dem her genieße ich diese Momente, aber ich weiß auch, dass man für diese Momente sehr hart arbeiten muss.“

Auch er habe in der Phase, in der er in Deutschland nicht gespielt hat, hart an seiner Weiterentwicklung gearbeitet. Nun stehen die Chancen nicht schlecht, dass er sich bei einem großen Turnier mit den Besten Europas messen darf: „Wir brauchen sicher noch ein bisschen, um zu realisieren, wie groß so ein Event ist.“

„Noch nicht am Ende unserer Entwicklung“

Die Qualifikation dafür sei jedenfalls für jedes Kadermitglied „ein einschneidendes Erlebnis“. Auf der anderen Seite geht die Mission EURO jetzt erst so richtig los.

„Jeder ist schon so fixiert auf diesen Event nächstes Jahr, dass ich mir keine Sorgen mache, dass wir in einen Schlendrian reinkommen würden“, ist sich Almer sicher.

Sieben Pflichtspiele in Folge gewonnen, sechs Auswärtssiege en suite. Auch wenn Zlatan Ibrahimovic die Torsperre des ÖFB-Goalies durchbrochen hat, bleibt das Nationalteam auf Rekordjagd – und interessiert sich zumindest in der Öffentlichkeit nur am Rande dafür.

„Die Rekorde sind wirklich nicht wichtig“, stellt Harnik klar, „ich denke, das war nur eine Frage der Zeit. Wenn man die Entwicklung dieser Mannschaft verfolgt hat, war klar, dass sie zu wirklich großen Dingen fähig ist. Aber ich hoffe, dass wir auch weiterhin Rekorde knacken werden und bin mir auch sicher, dass wir es tun werden, weil wir noch nicht am Ende unserer Entwicklung sind.“

Koller gibt taktische Optionen vor

„Man kann noch in allen Bereichen arbeiten“, sieht auch Almer Steigerungspotenzial und nennt wie zahlreiche seiner Kollegen die Chancenverwertung: „Wir hätten auch in Schweden mehr Tore machen können. Aber wir haben in der ganzen Quali viele Chancen liegengelassen. Das beste Beispiel ist für mich Montenegro zu Hause, wo man das Spiel schon vorher entscheiden kann, und dann habe ich zum Schluss noch einen Ball zu halten.“

Den hat auch Harnik nicht vergessen: „Vor zwei Jahren hat uns die zweite Halbzeit ein bisschen gefehlt. Wir hatten damals auch eine super erste Halbzeit gespielt, meiner Meinung nach besser als diesmal. Nach der Pause haben wir uns jedoch den Schneid abkaufen lassen. Diesmal war es anders. Ich bin selbst beeindruckt von dem Ergebnis, hätte ein engeres Spiel erwartet. Das 4:1 war sogar in der Höhe verdient.“

Verdient wie das Ticket nach Frankreich. Nun gilt es, auch in den beiden für die Qualifikation bedeutungslosen Partien in Montenegro und gegen Liechtenstein die Spannung hochzuhalten. „Wir werden alles dafür tun, um in einen guten Lostopf zu kommen. Außerdem muss jeder Rückschlag, der zu vermeiden ist, vermieden werden“, fordert Harnik.

„Ich bin noch nicht zufrieden“

Auch laut Baumgartlinger müsse man im Hinblick auf die EURO voll auf Kurs bleiben: „Wenn wir jetzt nicht fortführen wollen würden, was wir jetzt machen, wären wir selber schuld. Unser Selbstvertrauen und die Art, wie wir Fußball spielen, sind für jeden Gegner unangenehm. Da müssen wir draufbleiben – nicht nur in der Vorbereitung, sondern auch bei der EM.“

Der eine oder andere hat schon EM-Erfahrung, der Mittelfeld-Motor gehört zur Mehrheit jener, die in Frankreich Neuland betreten werden.

Umso größer ist die Vorfreude, schließlich wolle jeder solch einen Event im Steckbrief haben, wie er wohl stellvertretend für viele Kollegen zu Protokoll gibt:

„Diese Qualifikation ist für mich bis jetzt der größte Erfolg. Bei einem Turnier dabei zu sein, ist für jeden ein Ziel. Wenn ich meine Karriere abgeschlossen hätte und ich wäre bei keinem Großereignis dabei gewesen, hätte etwas gefehlt. Jetzt sind wir dahin gekommen, aber das heißt noch nicht, dass ich zufrieden bin.“

Keine Frage: Diese ÖFB-Generation hat noch mehr vor.


Peter Altmann

Wobei die Reife der Mannschaft inzwischen bemerkenswert ist. In vielerlei Hinsicht. Beispiel Solna. Laut Baumgartlinger sei man zu Beginn zu tief gestanden und deshalb unter schwedischen Druck geraten: „Das haben wir Gott sei Dank relativ schnell abgestellt. Wir haben es bemerkt und sofort selbst reagiert, sind ein bisschen höher gestanden und ab diesen Zeitpunkt ist es besser für uns gelaufen.“

Dafür habe man genügend Führungsspieler auf dem Platz, die das miteinander absprechen. Die nötigen Tools dafür gibt der Teamchef mit auf den Weg.

Baumgartlinger: „Das ist auch einer dieser Entwicklungsschritte im taktischen Bereich. Marcel Koller gibt uns nicht nur eine Sache vor, sondern Optionen, sodass wir sagen: Wenn wir uns nicht danach fühlen, können wir das ändern. Dann entscheiden wir das entweder selbst oder er gibt uns ein Signal. Es ist gut, diese Variabilität während eines Spiels zu haben, oder wie in Stockholm sogar schon nach zehn Minuten. Wir merken das sofort.“

„Jeder Rückschlag, der zu vermeiden ist, muss vermieden werden“

In der Umsetzung überrascht man sich manchmal selbst, zumindest ein wenig. Wie bei diesem 4:1. „Die Art und Weise war schon beeindruckend. Das haben wir uns zwar zugetraut, aber das muss man erst einmal auf den Platz bringen und umsetzen“, verdeutlicht der 27-Jährige.

In den vergangenen zwei Jahren habe man wesentlich an Sicherheit und Selbstvertrauen gewonnen, meint Baumgartlinger und bezieht sich auf den an selber Stelle geplatzten WM-Traum.

Was

Wie, Wo, Wann

EM-Endrunde

  1. Juni bis 10. Juli 2016 in Frankreich

Orte

Bordeaux, Lens, Lille, Lyon, Marseille, Nizza, Paris, St. Denis, Etienne, Toulouse

Teilnehmer

erstmals 24 (bislang fix: FRA, ENG, CZE, ISL, <span style=\'color: #ff0000;\'>AUT)

Auslosung

  1. Dezember 2015 in Paris

Gruppen

6 zu je 4 Teams

Aufsteiger

Beide Gruppenersten plus die vier besten Dritten

K.o.-Runde

Achtelfinale startet ab 25.6.

Tickets

Sind für die Fans der Teilnehmer nach der Auslosung wieder erhältlich

EM-Quali Rest

9.10. MNE (a), 12.10. LIE (h)

Test

Mitte November in Österreich (wohl gegen die Schweiz)

TR-Lehrgang

21.3.-29.3. - zwei Tests möglich

Bundesliga

Start 2016: Frühjahrsstart: 6.2. statt 13.2., MS-Ende am 15.5. statt 26.5.

Cup-Finale

21./22.5. statt 29.5.

EM-Vorbereitung

Ende Mai, Abstellungspflicht: 30.5.

EM-Kader

Bekanntgabe des 23-Mann-Kaders am 31. Mai

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