Alarmstufe Rot: Russisches Chaos 3 Jahre vor der WM

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Wenn Russland am Sonntag das ÖFB-Team empfängt, sind es noch exakt drei Jahre bis zum Eröffnungsspiel der Fußball-WM 2018.

Die Vorbereitungen auf die erstmalige Endrunde im größten Land der Welt laufen auf Hochtouren. Dabei gibt es jedoch eine Fülle an Problemen – sowohl aus sportlicher, als auch aus organisatorischer und politischer Sicht.

LAOLA1 wirft einen Blick auf das russische Chaos drei Jahre vor der WM:

 

MACHTKÄMPFE AN DER VERBANDSSPITZE

Tolstykh scheiterte als Verbandsboss

Schulden, Rassismus und einen teuren Teamchef, den niemand will - Russlands Fußball-Verband steckt in der Krise. Präsident Nikolai Tolstykh musste deswegen am 31. Mai den Hut nehmen. Der ehemalige Dynamo-Moskau-Profi wird hauptverantwortlich gemacht für das 24 Millionen Euro große Defizit, das auf dem RFU lastet. Im Jänner stand die Konföderation kurz vor dem Bankrott. Erst ein Kredit von Arsenal-Miteigentümer Alisher Usmanov sicherte die Zahlungsfähigkeit. Großen Anteil am Schuldenloch hat Fabio Capellos lukrativer Teamchef-Vertrag, den Tolstykh im Jänner 2014 erneuerte. Sieben Millionen Euro soll der teuerste Teamchef der Welt pro Jahr verdienen. Laut Tolstykh selbst macht sein Gehalt 20 Prozent des Gesamtbudgets aus.

Den nunmehr ehemaligen RFU-Präsidenten als alleinigen Sündenbock für die Misere abzustempeln, würde jedoch zu weit gehen. Bereits seit Jahren ist der russische Verband von Korruption und Misswirtschaft geprägt. Tolstykhs Absetzung gingen Grabenkämpfe diverser Oligarchen voraus. Interimistisch hat nun der 88-jährige Ex-RFU-Boss Nikita Simonyan die Leitung über. Als Favorit auf die Nachfolge gilt Sportminister Vitaly Mutko, der zwischen 2005 und 2009 schon einmal RFU-Präsident war. Der Putin-Schützling soll als starker Mann drei Jahre vor der WM Ruhe in den Verband bringen. Gut möglich, dass dann auch Staatsgelder für die Verbandsschulden herhalten müssen.

 

WO SIND DIE JUNGEN TALENTE?

Eines der wenigen Talente: Golovin

Die Situation erinnert ein wenig an das ÖFB-Team vor der Heim-Europameisterschaft 2008. Um eine schlagkräftige Mannschaft aufzubauen, versuchte Josef Hickersberger damals schon frühzeitig auf junge Talente zu setzten. So absolvierte Martin Harnik seinen ersten Länderspieleinsatz am 22. August 2007 noch vor seinem Debüt in der deutschen Bundesliga für Werder Bremen. Dasselbe Schicksal erlebte am Sonntag Nikita Chernov: Obwohl noch ohne Pflichtspiel für ZSKA Moskau, stand der 19-jährige Innenverteidiger im Test gegen Weißrussland in der russischen Startelf. Mit Aleksandr Golovin und Aleksey Miranchuk, die sich beide über ein Tor freuen durften, verhalf Capello zwei weiteren Jungspunden zu ihrer Team-Premiere.

Wenn sie schon nicht bei ihren Klubs zu regelmäßigen Einsätzen kommen, so gibt ihnen nun zumindest der Teamchef die Chance, sich zu etablieren. Erst 2013 durfte sich Russland über den Titel bei der U17-Europameisterschaft freuen. Um diese Generation nicht zu verlieren, muss sie nun gefördert werden. Hoffnung kommt zudem aus Spanien. Dort gibt es nicht nur mit dem zuletzt von Real an Villarreal verliehen Denis Cheryshev (24) einen Perspektiv-Spieler für 2018, sondern mit Amir Natkho auch ein 18-jähriges Talent im Barca-Nachwuchs.

 

SPORTLICHE KRISE

Capello hat es als Teamchef wahrlich nicht leicht. Nicht nur, dass ihm aufgrund von Vertragsquerelen seine beiden Assistenz-Trainer Christian Panucci und Massimo Neri abhandengekommen sind – auch das Spielermaterial, das ihm zur Verfügung steht, lassen das offizielle Ziel eines Semifinal-Platzes bei der WM 2018 utopisch erscheinen. Die Stützen der Mannschaft, wie Innenverteidiger Vasili Berezutski (32), Ballverteiler Roman Shirokov (33) oder Flügelspieler Yuri Zhirkov (31), haben ihren Zenit bereits überschritten. In ihrem Schatten verstecken sich ehemalige Talente, die in ihrer Entwicklung stagnieren, weil sie das gemachte Nest der russischen Liga gegenüber Erfahrungen im Ausland bevorzugen.

Beispielhaft dafür steht Alan Dzagoev. Vor Jahren galt der 24-Jährige als einer der gefragtesten europäischen Jung-Profis. Mittlerweile verdient der Offensiv-Akteur bei seinem Heimatklub ZSKA Moskau zwar gutes Geld, doch aus einem Wunderkind wurde ein „behäbiger Durchschnittsfußballer“ (O-Ton Russland-Kenner Gerhard Hitzel im LAOLA1-Interview), der in Nobel-Strip-Clubs mit wilden Party-Nächten für Schlagzeilen sorgt. Unter den zehn Top-Scorern der Premier Liga befindet sich kein einziger Russe. Die finanzkräftigen Oligarchen, die hinter den Top-Vereinen stehen, investieren ihre Millionen in Legionäre und jene russischen Profis, die mit den Ausländern mithalten können. Die Entwicklung von jungen Spielern bleibt dabei auf der Strecke. Das könnte Russland bei der WM 2018 teuer zu stehen kommen.

 

RASSISMUS IN DEN STADIEN

Die Fans machen Probleme

2009 feierten Spartak-Moskau-Fans den 120. Geburtstag Adolf Hitlers mit einem Hakenkreuzbanner und der Aufschrift „Herzlichen Glückwunsch, Opa“. Diese Aktion war kein Einzelfall. Russlands Fußball hat ein Rassismus-Problem (LAOLA1-Story). Landscrona, der größte Fanklub von Zenit St. Petersburg, sprach sich 2012 in einem Manifest gegen homosexuelle und dunkelhäutige Spieler beim aktuellen Meister aus. ZSKA Moskau musste in der letzten CL-Saison ein Spiel gegen die Bayern aufgrund rassistischer Fangesänge vor leeren Rängen bestreiten.

Der Fremdenhass ist in Putins Reich allgegenwärtig, nicht nur in den Fußballstadien, sondern auch im täglichen Leben. Gewaltsame Überfälle auf Migranten sind keine Seltenheit. „Wenn wir uns bei der WM nicht sicher fühlen, kommen wir nicht nach Russland“, drohte ManCity-Profi Yaya Toure nach dem Duell mit ZSKA, bei dem auch er Opfer rassistischer Sprechchöre wurde, mit einem WM-Boykott der Elfenbeinküste. Erst zögerlich reagierten die russischen Fußball-Funktionäre auf das Problem. Spartak drohte seinen Fans mit einer Schadenersatzklage, sollten sie weiterhin Hakenkreuzflaggen hochhalten. ZSKA-Spieler plädieren in Internet-Videos gegen die fremdenfeindlichen Fangesänge. Wie ernst gemeint die Maßnahmen sind, bleibt abzuwarten.

 

AUSBEUTUNG VON ARBEITSKRÄFTEN

Die Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen in Katar stehen im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Ausbeuterische Zustände herrschen aber auch in Russland. Dort geht es den Bauarbeitern zwar besser als im Wüsten-Emirat, doch vor allem Gastarbeiter aus Tadschikistan oder Usbekistan müssen unter unwürdigen Bedingungen schuften. Teilweise leben die Arbeitsmigranten zu acht in einem 15 Quadratmeter großen Container-Zimmer.

Zudem führte die russische Regierung ein eigenes FIFA-Gesetz ein, das laut Gewerkschafts-Angaben die russischen Arbeitsrechte außer Kraft setzt. Demnach dürfen die Arbeitnehmer für WM-Projekte zu Nachtschichten, Überstunden und Wochenendarbeit verpflichtet werden.

BOYKOTT?

Aushöhlung der Arbeitsrechte, Rassismus in den Stadien und eine WM-Vergabe mit Korruptionsgeruch. Gründe für einen Boykott der Weltmeisterschaft in Russland gäbe es viele. Ob es aber wirklich zu einem solchen kommt, hängt vor allem von der geopolitischen Situation ab. „Wenn sich der Ukraine-Konflikt in den nächsten drei Jahren zuspitzt, dann wird die gesellschaftliche Debatte darüber so enorm sein, dass niemand an einem Boykott vorbeikommt. Und dann gibt es einen Dominoeffekt. Wenn ein Land die WM boykottiert, dann fallen andere mit um“, meinte FIFA-Experte Thomas Kistner im LAOLA1-Interview. Drei Jahre vor dem Eröffnungsspiel stehen also noch immer viele Fragezeichen hinter der WM in Russland. Erwartet uns ein riesiges Fußballfest oder eine Schein-Weltmeisterschaft ohne westliche Staaten? Alles ist möglich.

 

Jakob Faber.

Diese könnten nötig sein, damit die Stadien rechtzeitig fertig werden. In Kaliningrad und Jekaterinburg hinken die Verantwortlichen dem Zeitplan hinterher. Aufgrund der Rubel-Krise werden die beiden dortigen Arenen nur 35.000 statt der ursprünglich geplanten 45.000 Sitzplätzen beherbergen. Überhaupt explodieren die Kosten für die Stadien. Schätzungen gehen davon aus, dass Russland die WM insgesamt 40 Milliarden Euro kosten wird – das wäre doppelt so viel wie Brasilien für die WM 2014 ausgegeben hat.

 

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