Die Falle schnappt zu

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Kollers cleverer Matchplan führt zum Erfolg

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Es war keine dominante Leistung, die dem ÖFB-Team den 1:0-Sieg in Russland brachte.

Dafür aber eine clevere.

Marcel Koller verzichtete gegen die „Sbornaja“ auf spielerischen Glanz, auf wildes Forechecking und exzessiven Ballbesitz-Fußball.

Stattdessen konzentrierte sich seine Mannschaft auf die Fußball-Basics: Aufmerksam im Strafraum verteidigen, Räume zustellen und mit gefährlichen Kontern eiskalt zuschlagen. So kontrollierte man die Russen auch ohne Ball.

Auf die Seite gelenkt

Das machte sich schon in den ersten zehn Minuten bemerkbar. Österreichische Forschheit gepaart mit russischer Verunsicherung führte zu frühen Angriffsmöglichkeiten, die jedoch nur inkonsequent zu Ende gespielt wurden.

Danach verlagerten die Österreicher ihr Pressing etwas weiter nach hinten. In der klassischen 4-4-2-Staffelung attackierte die Koller-Elf erst ab der Mittellinie. Marc Janko und Zlatko Junuzovic versuchten weniger die Innenverteidiger zu attackieren, sondern stattdessen die Passwege ins Zentrum dicht zu machen.

Aufstellungen zu Beginn: Österreich im klassischen 4-2-3-1. Ilsanker spielt ein wenig höher als sein Doppelsechs-Partner Baumgartlinger. Bei gegnerischem Ballbesitz nimmt das ÖFB-Team eine 4-4-2-Formation mit Junuzovic als zweiter Spitze ein. Bei den Russen überrascht Capello mit der Nominierung von Ivanov und einem 4-2-3-1-System statt dem gewohnten 4-1-4-1. 

So wurde das Spiel der Russen geschickt auf die Seiten gelenkt, wo die Österreicher den Ball eroberten oder den nächsten Sicherheitspass der Gastgeber provozierten. "In der ersten Hälfte konnten wir nicht gut spielen, weil wir ständig unter dem Pressing der Österreicher gestanden sind. Sie waren physisch stärker", erklärte Fabio Capello nach dem Spiel.

Seiner Mannschaft blieb oft nichts anderes übrig, als es mit dem hohen Pass nach vorne zu probieren. In der Luft zeigten sich Aleksandar Dragovic und Martin Hinteregger aber durchwegs sicher.

Sicherheitsvariante statt Risiko-Pressing

Natürlich hätte Kollers Team das Pressing auch riskanter angehen können. Die beiden unerfahrenen Innenverteidiger Nikita Chernov und Ivan Novoseltsev hätten sich geradezu dafür angeboten, sie mit Forechecking zu Fehlern zu zwingen. Das hätte den Russen jedoch möglicherweise Räume im Mittelfeld geöffnet.

Deswegen entschied sich Koller für die Sicherheitsvariante: Österreich wartete ab, nutzte damit die limitierten spielerischen Fähigkeiten der Russen aus und im richtigen Moment schnappte die Konter-Falle zu.

In der 33. Minute besorgte Janko mit seinem Fallrückzieher das entscheidende 1:0. Davor war erneut ein Angriff der Russen im kompakten Defensiv-Verbund hängen geblieben. Der anschießende Konter brachte den goldenen Treffer.

Eine entscheidende Rolle bei diesen Gegenangriffen nahm Junuzovic ein. Der Bremer hatte mit 69 Ballkontakten die meisten aller Österreicher. Als Dreh- und Angelpunkt im Konterspiel war er es, der das schnelle Umschalten forcierte. Nicht umsonst leitete er Julian Baumgartlingers Riesen-Chance auf das 2:0 ein.

Capello mit der richtigen Reaktion

Koller's abwartende Spielweise wurde nach der Pause jedoch auf eine Probe gestellt. Schuld daran war sein Gegenüber Capello.

Der russische Teamchef hatte sein Team überraschend in einem 4-2-3-1-System auf das Feld geschickt. Vermutlich, um seinen Spielmacher Roman Shirokov von defensiven Aufgaben zu befreien. So hätte der Routinier - etwas offensiver agierend - als Schaltstelle für die russischen Konter fungieren sollen. 

Das Problem: Weil Österreich so abwartend spielte, kamen die Russen kaum selbst einmal dazu, schnelle Gegenangriffe zu fahren. Deswegen zog Capello Shirokov in der zweiten Hälfte eine Position nach hinten. Auf der Zehnerposition kam dafür Aleksey Miranchuk zu seinem zweiten Nationalteam-Einsatz.

Das Spiel auf der Kippe

Der 19-jährige Lok-Youngster stellte das ÖFB-Team vor einige Probleme. Immer wieder fand er Lücken, in denen er sich für Zuspiele anbieten konnte. Zumal mit Shirokov nun ein Mann die Sechserposition bekleidete, der die Bälle ordentlich verteilte.

Aufstellungen nach der Pause: Miranchuk kommt für Ivanov ins Spiel. Infolgedessen rückt Shirokov eine Position nach hinten.

In dieser Phase stand die Partie auf der Kippe. Miranchuk, Yuri Zhirkov und Oleg Shatov kamen zu guten, aber keinen hundertprozentigen Chancen. Nachdem die Österreicher in der ersten Hälfte einen Spielaufbau durch das Zentrum weitgehend verhindert hatten, sorgten Miranchuk und Shirokov dort nach der Pause für Hochbetrieb.

Das ÖFB-Team brauchte einige Zeit, um sich auf diese neuen Bedingungen einzustellen. Dank konzentrierter Abwehrarbeit innerhalb des Strafraums und einigen geschickten Tempoverschleppungen wurde der Sieg jedoch über die Zeit gebracht. Im Konter hatte Marcel Sabitzer sogar noch eine gute Chance auf das zweite Tor.

Ein Reifeprozess spiegelt sich wider

Russland Österreich
Ballbesitz 56,6% 43,4%
Zweikämpfe 42,4% 57,6%
Torschüsse 13 14
Torschüsse innerhalb Strafraum 10 8
Torschüsse außerhalb Strafraum 3 6
Kopfball-Chancen 5 1
Eckbälle 7 5
Flanken 17 14
Abseits 2 3
Fouls 12 20 

Es war keine dominante Leistung des ÖFB-Teams, aber eine clevere. Dieser Sieg spiegelt auch einen Reifeprozess wider, den die Mannschaft seit der schmerzlichen 1:2-Pleite in Stockholm vor zwei Jahren durchmachte.

Die Österreicher spielen nun zweckorientierter. Drei 1:0-Siege in dieser EM-Qualifikation sind kein Zufall. Sie beruhen auf einem cleveren Machplan, mit Hilfe dessen Kollers Team den Gegner auch ohne eigenen Ballbesitz kontrollieren kann.

Natürlich hätte diese passive Spielweise mit etwas Pech auch zum Ausgleich führen können. Selbst ein Unentschieden wäre für die Tabellensituation jedoch besser gewesen, als gegen die konterstarken Russen naiv ins Verderben zu laufen.

Im nächsten Spiel gegen Moldawien sind aber wieder andere Fähigkeiten gefragt. Vor eigenem Publikum wird man spielerisch dominant auftreten müssen, um den Abwehrriegel, der bereits in Chisinau Probleme bereitete, zu knacken.

Gelingt das und remisiert Russland daheim gegen Schweden, dann hat Österreich das EM-Ticket schon vorzeitig in der Tasche.


Jakob Faber

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