"Das ist der Fußball, das ist das Tagesgeschäft"

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Bei einem Seitenblick nach Neuseeland werden bei Rubin Okotie derzeit viele Erinnerungen wach.

Vor acht Jahren gehörte er zu den U20-Helden, die den vierten WM-Platz aus Kanada mit nach Hause brachten. Die ÖFB-Nachfolge-Generation fiebert derzeit ihrem Achtelfinale entgegen.

„Ich gratuliere den Jungs! Das Achtelfinale ist ein Riesen-Erfolg. Wenn du einen machbaren Gegner kriegst, bist du im Viertelfinale und dann ist vieles möglich. Ich hoffe, dass da noch etwas geht“, drückt der Stürmer der Elf von Teamchef Andreas Heraf die Daumen.

Okotie weiß nur zu gut, welch Türöffner solch ein Turnier-Erfolg für die Karriere sein kann: „Ich bin als unbekannter Spieler der Wiener Austria zur WM gefahren, war ein ganz normaler Amateurspieler, wie es zig andere auch gibt, habe in der zweithöchsten Liga in Österreich gespielt. Bei der WM bist du auf einmal im Schaufenster. Es war damals eine Riesen-Euphorie, viele Leute haben die Spiele gesehen. Nach der Rückkehr wurde ich von Fans und Medien ganz anders wahrgenommen. Vorher war ich zwar ein Talent, habe aber keine Chance bei den Profis bekommen. Die WM war ein Push. Dieser Anstoß war natürlich extrem wichtig.“

„Ich war schon extrem ungeduldig“

Die mediale Lobby für die besten Kadermitglieder war 2007 enorm, es wurde ein genaueres Auge auf ihre Einsatzzeiten geworfen. Das Thema, wie früh Nachwuchskräfte eine Chance bei den Profis bekommen, ist keines der Vergangenheit, sondern durchaus auch eines der Gegenwart.

Rubin Okotie spielte sich bei der U20-WM 2007 in den Vordergrund

Die Vereinssituation von so manchem aktuellen U20-WM-Kicker entspricht nicht gerade einem Idealzustand. Okotie kennt dieses Gefühl, fühlte er sich doch damals mit 20 längst reif für den Schritt in die Bundesliga:

„Ich war schon extrem ungeduldig. Es war eine Phase, in der die Austria viele Stürmer geholt hat und nie darauf geschaut hat, ob wir Jungen eine Chance kriegen. Da hat man sich natürlich geärgert, warum bestimmte Spieler verpflichtet wurden. Nach der WM habe ich dann langsam die Chance bekommen. Ich denke, dass die Jungs auch locker in der höchsten Liga spielen könnten und hoffe, dass sie nach der WM die Chance bei ihren Vereinen kriegen.“

Okotie, der am Samstag seinen 28. Geburtstag feiert, hat damals seine Chance genutzt und sich im Profigeschäft etabliert, wenngleich seine bisherige Laufbahn bekanntlich einer Hochschaubahn glich. Auch in der abgelaufenen Saison wechselten sich Höhen und Tiefen munter ab.

Verständnis für pfeifende Fans

Der sportlichen Talfahrt mit 1860 München stand im Herbst das persönliche Hoch gegenüber. Mit zwölf Treffern war er so etwas wie die Lebensversicherung der „Löwen“, und auch im Nationalteam hinterließ er mit seinen Goldtoren gegen Montenegro und Russland deutliche Spuren.

Das Frühjahr bot ein konträres Bild. Das Elfmeter-Tor gegen Heidenheim Anfang Februar sollte sein letzter Treffer bleiben, zwischenzeitlich durchkreuzte eine Knieverletzung seinen Rhythmus. Nach seinem Comeback lief der Wiener seiner Form hinterher.

Zumindest schaffte 1860 in der Relegation gegen Holstein Kiel den Klassenerhalt, wobei Okotie bei seiner Auswechslung von den Fans ausgepfiffen wurde.

„Das ist der Fußball, das ist das Tagesgeschäft. Die Fans haben natürlich große Erwartungen in mich gesetzt und in den schweren Spielen der Relegation natürlich erwartet, dass ich den Verein rette und der Spieler bin, der den Unterschied macht. Das konnte ich leider nicht machen, wenn ich nicht so gut spiele. Ich verstehe natürlich die Enttäuschung der Fans, vor allem wenn du 0:1 in Rückstand liegst und kurz vor dem Abstieg bist. Da bin ich ihnen auch nicht böse“, zeigt sich der Angreifer verständnisvoll.

„Da geht es um Existenzen“

Dass der Kredit, den er sich im Herbst erspielt haben müsste, offenkundig schnell verbraucht war, wundert ihn so gesehen nicht: „Man könnte nach einer Verletzung mehr Verständnis haben, aber nicht in so einer Situation, wo es um Leben und Tod geht. Da geht es einfach um Existenzen. Da denkt man sich: ‚Der hat nicht gut gespielt!‘ Die kennen vielleicht auch nicht die Gründe warum und wieso.“

Was seine eigene Performance nach seinem Comeback anbelangt, zeigt sich Okotie auch durchaus selbstkritisch: „Ich war acht Wochen weg und bin mitten in den Abstiegskampf zurückgekommen. Das war nicht so leicht, weil es eine ganz andere Drucksituation ist. Du musst sofort funktionieren und versuchen, deine Topleistung abzurufen. Das ist mir nicht so gelungen, wie ich mir das vorgestellt habe oder wie es sich auch der Verein vorgestellt hat.“

Besagte Drucksituation war für den ÖFB-Legionär Neuland. Martin Harnik erzählte, dass er nach dem erfolgreich absolvierten Abstiegskampf mit Stuttgart eine gewisse Müdigkeit verspürte.

„Es ist nicht nur körperlich anstrengend, sondern vor allem mental. Es ist eine Drucksituation, die ich vorher noch nicht gekannt habe. Das laugt einen schon aus“, kann Okotie das Gefühl nachvollziehen, vor allem weil der bayrische Traditionsverein den „Kampf“ um den Klassenerhalt sehr wörtlich nehmen musste:

„Die letzten Spiele hatten nichts mehr mit Fußball zu tun, das war einfach nur noch Kampf und irgendwie schauen, dass man Punkte macht. Das war wirklich brutaler Abstiegskampf, das war nur noch eine mentale Geschichte.“

Liegt Okoties Zukunft in München?

Da die „Löwen“ diese Prüfung erfolgreich bestanden haben, dürfte Okotie weiterhin in München bleiben. „Ich habe noch Vertrag und gehe davon aus“, erklärt der Goalgetter, der erst nach dem Russland-Spiel im Urlaub an die kommende Saison denken will: „Ich muss das alles erst verarbeiten, abschalten und dann über die Zukunft nachdenken. Jetzt irgendetwas zu sagen, wäre viel zu früh.“

Dass er mit seinem Lauf im Herbst das Interesse anderer Vereine geweckt hat, ist nicht unwahrscheinlich. Sollte seine Zukunft jedoch bei 1860 liegen, weiß Okotie, welche Lehren man aus der abgelaufenen Spielzeit ziehen muss:

„Wir brauchen jetzt Kontinuität. Es war wirklich eine anstrengende Saison. Wir hatten drei Trainer, drei Kapitäne, drei Tormänner, haben 34 Spieler eingesetzt. Man konnte sich nie einstellen, nie einen Rhythmus finden. Gerade diese Spielzeit hat gezeigt, dass Mannschaften, die über einen längeren Zeitraum Kontinuität und einfach einen Kern hatten, oben mitgespielt haben. Es wird wichtig, dass wir die Fehler analysieren – und davon haben wir einige gemacht, sowohl wir Spieler als auch alle anderen. Daraus müssen wir die Lehren ziehen und dann einen wirklich geradlinigen Weg gehen, der erfolgreich sein kann.“

„Hier spielt man richtig Fußball“

In Moskau will Okotie mit den ÖFB-Kollegen an seine Erfolge aus dem Herbst anknüpfen. Auch wenn zuletzt Flaute herrschte, traut er sich wie im Heimspiel gegen Russland zu, wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu stehen: „Wenn man sich das als Profi nicht zutraut, ist man eh fehl am Platz.“

Seinen Treffer gegen die „Sbornaja“ hat er sich schon das eine oder andere Mal zu Gemüte geführt: „Natürlich schaut man sich ab und zu Tore an, aber nicht nur meine Tore, sondern auch die von anderen Spielern. Das mache ich gerne, um zu visualisieren.“

Und im Gegensatz zu 1860 kann er beim ÖFB-Team im Fall eines Einsatzes wohl auch auf mehr brauchbare Bälle hoffen: „Dort hatten wir zuletzt im Existenzkampf kaum Torchancen und Torschüsse. Im Nationalteam ist es etwas ganz anderes, hier spielt man richtig Fußball.“

Peter Altmann

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