"Habe die falschesten Menschen der Welt gesehen"

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„Ich denke, ich habe mich persönlich sehr weiterentwickelt. Wie soll ich sagen? Ich habe die falschesten Menschen auf dieser Welt gesehen, da reift man sicher.“

Yasin Pehlivan wirkt entspannt, aufgeräumt, lächelt viel. Diesen atmosphärischen Kontext sollte man vorausschicken, weil er nur bedingt zum eher von Frust geprägten Inhalt diverser Aussagen in diesem Bericht passt.

Es ist wohl eine Art Mix aus Galgenhumor beziehungsweise Erleichterung, wieder in Österreich und speziell beim Nationalteam zu sein, die den 26-Jährigen relativ befreit von seinen Erlebnissen in vier Jahren Türkei erzählen lässt.

Und die waren bekanntlich mehrheitlich negativ.

„Ich hatte genug“

So ist er etwa gerade mit Kayseri Erciyesspor abgestiegen. Trotzdem war der Wechsel zum Nachzügler im vergangenen Winter noch eines der positiveren Kapitel, quasi eine Art Rettungsanker.

„Genau so kann man es sagen. Ich wollte unbedingt spielen, sie wollten mich unbedingt verpflichten, also habe ich eigentlich gar nicht überlegt und bin sofort hingegangen. Ich habe nicht einmal auf die Tabelle geschaut. Ich hatte eineinhalb Jahre kein Spiel. Ich hatte genug“, schildert der Wiener sein Motiv, sich mitten in den Kampf um den Klassenerhalt zu stürzen.

Viele Siege durfte Pehlivan in diesem Frühjahr nicht feiern, genau gesagt deren zwei in 15 Einsätzen. Das Gefühl, wieder regelmäßig auf dem Platz zu stehen, war dennoch ein befreiendes.

Bei Bursaspor war ihm dieses Feeling abhandengekommen. Und zwar völlig. Kein Einsatz in der Herbst-Saison. In der Spielzeit davor durfte er auch nur elf Mal in der Meisterschaft ran, und das überwiegend als Joker.

Keine Chance unter Christoph Daum

Die Übersiedlung nach Bursa war ohnehin der Fehlgriff schlechthin. Trainer Hikmet Kahraman, der ihn schon bei Gaziantepspor betreut hatte, lotste ihn zum Traditionsverein. Statt neu durchzustarten, erwies sich dieser Wechsel als ultimative Karriere-Bremse.

„Bei Gaziantep ist es mir eigentlich eineinhalb Jahre lang gut gegangen. Dann war ich verletzt, das Geld wurde auch nicht mehr bezahlt, also habe ich geklagt und meinen Vertrag gekündigt. Mein Ex-Trainer ist zu Bursaspor gegangen und wollte mich unbedingt haben. Nach einer Woche wurde er allerdings gekündigt. Dann ist Christoph Daum gekommen und ich habe keine Chance unter ihm bekommen.“

Den Hinweis, dass der deutsche Star-Trainer nur gut über ihn reden würde, quittiert Pehlivan mit einem herzlichen Lachen: „Er redet vielleicht gut, aber mit mir hat er kein Wort geredet. Ich habe grundlos nicht gespielt. Ich weiß nicht warum. Ich habe in Bursa eineinhalb Jahre auf meine Chance gewartet und sie nicht bekommen. Gesagt hat mir keiner etwas. Dann habe ich mir gedacht, so geht es nicht weiter.“

„Und dann bin ich sofort weg aus der Türkei“

Deshalb der vielleicht etwas überstürzte Wechsel zu Erciyesspor. Aber die Wunde, seinem Beruf nicht nachgehen zu können und in den vielleicht besten Karriere-Jahren meist auf der Tribüne zu sitzen, war zu tief.

„Das ist so schlimm, das kann man nicht erklären! Außerdem bist du weg von deiner Familie und deinen Freunden, bist in der Türkei, hast keine Freunde. Glücklicherweise hatte ich meine Frau bei mir. In der Türkei ist es anders, das muss man erleben, das ist nicht so wie in Wien. Hier respektieren sie dich und du hast vielleicht auch Spaß, wenn du nicht spielst. Aber dort ist es arg. Wenn du nicht spielst, gehst du einfach nur trainieren, keiner schaut dich an, und dann gehst du wieder nach Hause“, schildert der defensive Mittelfeldspieler.

„Österreich ist zurzeit kein Thema. Ich will mich in Europa richtig durchsetzen. Ich weiß, was ich kann“, sagt der Mittelfeld-Stratege im Brustton der Überzeugung.

In Vergessenheit geraten

Der Hype als Shootingstar zu seiner Rapid-Zeit, der auch schnell den Sprung ins Nationalteam geschafft hat, ist in seiner Heimat ein wenig in Vergessenheit geraten. Genau wie der Umstand, dass er immerhin bereits 17 Mal für Österreich gespielt hat.

Ein bisschen vergessen fühlt sich Pehlivan vielleicht, böse ist er jedoch niemandem, dass er aus dem Rampenlicht verschwunden ist: „Es ist eine komische Situation, man kann meine Spiele in Österreich ja nicht anschauen. Könnte man meine Spiele sehen, wäre ich nicht so in Vergessenheit geraten und wäre mehr in den Medien.“

Die erstmalige Einberufung ins Nationalteam seit knapp zwei Jahren kam so gesehen zu einem extrem günstigen Zeitpunkt. Pehlivan ist hoch motiviert, sein Können unter Beweis zu stellen und so vielleicht Interesse anderer Vereine zu generieren.

„Ich habe Europa vermisst“

Dass die verletzungsbedingten Ausfälle von David Alaba, Christoph Leitgeb und Veli Kavlak sein ÖFB-Comeback ermöglichten, liegt auf der Hand. Aber wenn sich die unverhoffte Chance schon bietet, möchte er Marcel Koller auch so überzeugen, dass er in Russland auflaufen darf:

„Sicher macht man sich Hoffnungen, dass man spielt. Ich bin dem Teamchef auch sehr dankbar, dass er mir wieder die Chance gibt. Ich werde in dieser Woche bis zum Russland-Spiel alles geben.“

Aber auch ohne Einsatz genießt Pehlivan die Zeit im ÖFB-Camp tendenziell. Er weiß zu schätzen, dass es die Menschen hier gut mit ihm meinen.

„Ich bin glücklich, wieder hier zu sein. Ich habe Europa vermisst.“

Peter Altmann

Dass er türkische Wurzeln habe, sei nicht wirklich eine Hilfe gewesen. Pehlivan ist in Wien aufgewachsen, hatte entsprechende Anpassungsprobleme: „Die Kultur, das Leben abseits des Platzes – alles ist ganz anders. Meine Wurzeln sind in der Türkei, aber meine Verwandten leben in Samsun. Ich hatte dort keinen. Ich habe mir das anders vorgestellt und mir am Anfang schwer getan.“

Dass er trotzdem zwei Wechsel innerhalb der Türkei getätigt hat, begründet der frühere Rapidler damit, dass er bei Bursaspor durchstarten wollte: „Eigentlich war das ein Schritt nach vorne. Bursa ist ein sehr, sehr guter Verein in der Türkei. Ich habe mir gedacht, jetzt wird es sehr gut und ich kann mir noch größere Ziele setzen, von Bursa aus komme ich nach Europa. Aber nach dem, was ich dort erlebt habe, habe ich mir gedacht, ich gehe noch kurz zu Erciyesspor und dann bin ich sofort weg aus der Türkei. Mein Ziel ist jetzt einfach, dass ich dort rauskomme.“

Keine Schnellschüsse mehr

Als problematisch könnte sich erweisen, dass Pehlivan noch für zwei Jahre unter Vertrag steht und keine Ausstiegsklausel besitzt: „Aber ich habe schon mit ihnen geredet und gesagt, dass ich es unbedingt machen möchte, falls ich in Europa etwas habe.“

Anfragen würde es bereits geben, unmittelbar bevor stünde ein Transfer aus gutem Grund jedoch nicht: „Ich werde mir erst alles anhören und anschauen. Ich werde diesmal nicht so schnell entscheiden wie damals.“

Wunschdestination gibt es keine, nur eines schließt Pehlivan kategorisch aus – eine Rückkehr nach Österreich. Zu groß ist der Ehrgeiz, es allen, die ihn bereits abgeschrieben haben, zu zeigen und mit etwas Verspätung doch noch eine erfolgreiche Legionärs-Karriere hinzulegen.

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