"Die Ziellinie ist nahe, jetzt wollen wir drübergehen"

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In der Sekunde des Schlusspfiffs fielen einige ÖFB-Teamspieler wie vom Blitz getroffen zu Boden.

Auch aus Glück über die Heldentat des 1:0-Siegs in Russland, aber vor allem aus purer Erschöpfung.

Noch einmal alles raushauen vor dem Urlaub. Wer sich mehr quält, wird diese Partie gewinnen – die Motivations-Rhetorik von Teamchef Marcel Koller im Vorfeld des Schlagers in Moskau hatte ihre Wirkung nicht verfehlt.

„Noch nie so tot am Platz gelegen“

„Das sagt man vor einem Spiel oft und hofft, dass es nicht so schlimm wird“, lachte Julian Baumgartlinger und versicherte glaubhaft, dass es in der Hitze der Otkrytije Arena schlimmer als erhofft war:

„Ich kann mich an kein Spiel erinnern, nach dem ich so tot am Platz gelegen bin. Normal habe ich am Schluss immer noch ein paar Körner, aber diesmal war es völlige Erschöpfung – und zu gleichen Teilen Erleichterung.“

Auch Marko Arnautovic hatte „alle Zustände. Ich hatte überall, an jedem Körperteil, wo man es nur haben kann, Krämpfe. Aber gut, damit mussten wir rechnen. Gott sei Dank haben wir das durchgestanden. Ich bin extrem happy, dass wir die drei Punkte erreicht haben.“

„Das Trittbrett für den TGV erklommen“

Drei Punkte, die den Gang zum Reisebüro, um den Trip zur EURO 2016 in Frankreich zu planen, nicht zu einem unverhältnismäßig großen Wagnis machen – vier weitere Zähler aus den vier ausstehenden Qualifikations-Begegnungen und Österreich ist erstmals seit der WM 1998 aus eigener Kraft für einen Großevent qualifiziert.

Angesichts noch ausstehender Heimspiele gegen Moldawien und Liechtenstein ist die Wahrscheinlichkeit, das Ticket zu lösen, sehr hoch. Während die ÖFB-Kicker sich und ihrer Sprachregelung weitestgehend treu blieben und sich diesbezüglich noch in Zurückhaltung übten, wurde ihr oberster Chef schon konkreter.

„Wir haben das Trittbrett für den TGV erklommen“, sah sich ÖFB-Präsident Leo Windtner schon als angehender Passagier des französischen Hochgeschwindigkeits-Zuges und jubelte: „Das war eine Sternstunde für den österreichischen Fußball. Man muss sich vorstellen, vor mehr als 50 Jahren haben wir das letzte Mal in Russland gewonnen – damals in einem legendären Match, in dem Gernot Fraydl einen Elfmeter gehalten hat.“

Konkret war dies 1961. Die Möglichkeit, dass sich Zeitzeugen in gut 50 Jahren noch an Marc Jankos Geniestreich erinnern werden, ist durchaus gegeben.

 

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Posted by Aleksandar Dragović on Sonntag, 14. Juni 2015

„Mein wichtigstes Tor im Nationalteam“

Sein Fallrückzieher-Tor in Minute 33 sorgte letztlich für die erste Heimniederlage der „Sbornaja“ nach 21 Länderspielen und war gleichzeitig der 21. A-Team-Treffer des sich derzeit auf Vereinssuche befindlichen Goalgetters.

Auch sein schönster? „Auf jeden Fall der wichtigste, wenn man in so einem Spiel so ein Tor macht“, freute sich der 31-Jährige, strich jedoch die Mannschaftsleistung hervor: „Ich möchte mein Tor nicht zu sehr in den Mittelpunkt rücken. Ich denke, jeder von den Jungs hat einen Riesenanteil an diesem Sieg. Wir haben bei extrem schwierigen Bedingungen alles reingeworfen. Auf dem Feld war drückende Hitze, es ist kein Luftzug gegangen, man hat sich extrem überwinden müssen.“

Der Bremen-Legionär teilte das auf ihn einprasselnde Lob jedoch mit seinen Kollegen: „Ich habe direkt gut ins Spiel reingefunden, die Sicherheit war gleich da. Aber meine Mitspieler suchen mich auch. Im Spiel ist es für mich umso schöner, weil ich weiß, dass die Wege, die ich mache, einen Sinn haben, weil ich den Ball auch bekomme und dann eben Aktionen habe, wo ich mich drehen oder Doppelpässe spielen kann, einfach im Spiel drinnen bin. Wenn das der Fall ist, kann ich meine Leistung auch abrufen.“

Beinahe entschuldigend meinte er: „Leider habe ich es nicht 90 Minuten durchziehen können, weil die Kräfte doch geschwunden sind.“

Baumgartlinger steht zu seiner Entscheidung

Nach der Pause galt es eine Drangperiode der Russen zu überstehen. In dieser Phase hielt Torhüter Robert Almer mit der einen oder anderen Glanzparade den Sieg fest.

„Sie hatten ein paar Chancen, aber ich hatte nie das Gefühl, dass sie uns ein Tor machen können. Wir waren von der Qualität her besser, deswegen war der Sieg auch verdient“, stellte Junuzovic unmissverständlich klar.

Wobei Österreich gar nicht mehr in die Lage hätte kommen dürfen, noch um die drei Punkte zittern zu müssen. Joker Marcel Sabitzer hätte bei seiner Großchance alles klar machen können. Vor allem richtet sich diese Feststellung aber natürlich in Richtung Baumgartlinger, der unmittelbar nach dem Führungstreffer hätte nachlegen müssen, als er alleine auf Goalie Igor Akinfeev zulief.

Das gelang der ÖFB-Elf von Spielbeginn an. Vor allem in der ersten Halbzeit dominierte Rot-Weiß-Rot den Gastgeber.

„Wir genießen diesen Moment. Ich glaube, so eine Situation hat es noch selten gegeben, dass wir in einem Auswärtsspiel in einem Land, das um ein Vielfaches größer ist und das Favorit war, von der Qualität her einfach besser sind“, betonte Zlatko Junuzovic.

Junuzovic-Dank an die Kollegen

Und dies war kein subjektiver Eindruck. Auch Russlands Trainer-Star Fabio Capello musste eingestehen, dass seine Schützlinge mit der Spielgeschwindigkeit der Österreicher nicht mitgekommen sind: „Es ist kein Zufall, dass Österreich Tabellenführer ist, leider sind unsere Spieler nicht an so ein Tempo gewöhnt. In der russischen Liga wird langsamer gespielt, auf europäischem Niveau geht es anders zu.“

Sätze wie diese hörte man im vergangenen Jahrzehnt oftmals aus österreichischen Mündern. Gerade Junuzovic lieferte eine famose Leistung ab, strotzte vor Spielfreude und Zweikampfstärke und ließ seine Gegenspieler immer wieder schlecht aussehen.

„Es ist sehr schnell gegangen, Akinfeev ist sehr flott auf mich herausgekommen. Ich bin eigentlich nach wie vor zufrieden mit meiner Entscheidung, den Ball zu chippen, aber leider hat die Richtung nicht perfekt gepasst. Vorbeilaufen wäre auch möglich gewesen, aber das ist vielleicht der fehlenden Erfahrung geschuldet, dass ich noch nicht so oft alleine auf den Tormann zugelaufen bin. Aber ich bin froh, dass ich in so eine Position gekommen bin. Es ist mein Ziel, das öfter zu machen“, möchte der zentrale Mittelfeldspieler an seinem Torriecher feilen.

„Fußball-Geschichte kann man noch nicht sagen“

Dass er an vorderster Front aufgetaucht ist, lag auch am Matchplan. „Wir haben natürlich unsere Lehren aus dem Hinspiel gezogen. Wir haben das mit der Raumaufteilung im Spielaufbau und im eigenen Ballbesitz sehr gut gemacht, auch weil wir hin und wieder mal rochiert haben. ‚Ilse‘, ‚Zladdi‘ und ich haben immer wieder die Positionen getauscht, darauf haben sich die Russen nicht gut einstellen können. Ich glaube, das war ein guter Schlüssel“, verdeutlichte der Mainz-Legionär.

Für das einst chronisch auswärtsschwache ÖFB-Team war es in der Fremde bereits der fünfte Sieg in Folge und fraglos der wichtigste seit vielen Jahren.

In Superlative wollten die Protagonisten jedoch nicht verfallen. „Fußball-Geschichte kann man noch nicht sagen“, wehrte sich Arnautovic gegen diesen Begriff, „natürlich haben wir einen Riesen-Schritt gemacht, aber wir sind noch nicht durch. Wir wissen, was wir vorhaben, was die Mannschaft, der Trainer und das ganze Land wollen. Das haben wir wieder erfüllt. Jeder Österreicher kann stolz sein, dass er Österreicher ist.“

„Die Ziellinie ist nahe“

Im „Party-Flieger“ zurück nach Wien fungierte der Stoke-Legionär als Zeremonienmeister und stimmte diverse Schlachtgesänge an. Ob des mit diesem Sieg verbundenen Urlaubsbeginns hatten sich die ÖFB-Kicker diese kleine Feier in luftiger Höhe auch verdient.

In Moskau selbst ging es in der Kabine noch weniger hoch her. „Da muss ich alle enttäuschen, eine richtig dicke Party gab es nicht, wir waren alle sehr erschöpft. Natürlich haben wir uns gefreut und laute Musik gehört, aber jetzt sind wir auch froh, dass die Saison zu Ende ist und wir sie so positiv abgeschlossen haben“, meinte Martin Harnik.

Auch für den Stuttgart-Kicker haben sich die Strapazen definitiv geloht: „Die Ziellinie ist nahe. In den nächsten Spielen wollen wir drübergehen.“


Peter Altmann

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