"Ich bin viel gelassener als noch vor ein paar Jahren"

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„Zugegeben, es ist eine ganz komische Situation, wie ich sie auch noch nicht erlebt habe. Aber es ist keine, die mich beunruhigt.“

Das Mysterium, mit dem Sebastian Prödl seit drei Partien konfrontiert ist, ist sein Reservistendasein beim FC Watford. Nach neun Spielen über jeweils 90 Minuten in den ersten neun Matches dieser Premier-League-Saison hieß es zuletzt ab auf die Bank.

„Ich bin relativ ruhig geblieben und bin es auch weiterhin, weil ich weiß, dass ich in sehr guter Form bin. Das habe ich in den ersten neun Spielen gezeigt“, betont der Steirer.

„Trainer Quique Flores hat es mir mit der Begründung erklärt, dass er denkt, ich brauche eine Pause, um das ganze Jahr durchstehen zu können, weil es in der Premier League im Winter durchgeht, und er über das ganze Jahr gesehen vier starke Innenverteidiger braucht, weil wir dauerhaft mit dem Thema Abstiegskampf beschäftigt sein werden. Aber ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen, und die mache ich mir auch nicht, weil ich mich mit dem Schritt nach England weiterentwickelt habe. Für mich ist es kein Leistungsgrund, sondern einfach nur eine Pause.“

Kann mir nicht vorstellen, dass meine Spielpause noch lange anhält“

Sollte diese Begründung den Tatsachen entsprechen, ließe sie sich mit einem Blick auf das weitere Programm rechtfertigen. Der intensive Spielplan zu Weihnachten kann für Legionäre, die bislang eine Winterpause gewohnt waren, sehr herausfordernd sein.

Gerade rund um den Jahreswechsel kommt es für Watford mit den Krachern gegen Liverpool (20.12.), Chelsea (26.12.), Tottenham (28.12.) und Manchester City (2.1.) knüppeldick.

„Viele Weihnachtsgeschenke werden nicht unter dem Baum liegen“, vermutet Prödl angesichts dieser Auslosung, sieht sich durch seinen aktuellen Break jedoch bestens für diese heiße Phase gerüstet:

„Ich schließe aus der aktuellen Situation, dass ich jetzt Kraft dafür sammle und dann voll da bin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Spielpause in Watford noch lange anhält.“

Körper vs. Psyche

Intensiv war auch schon der bisherige Saisonverlauf.

Nach den beiden abschließenden EM-Qualifikations-Begegnungen in Montenegro und gegen Liechtenstein stand der 28-Jährige noch beim 0:3 gegen Arsenal auf dem Platz, seither muss er mit dem Schicksal als Ersatzspieler vorlieb nehmen.

„Mein Körper hat sich mehr gefreut als meine Psyche, dass er einmal eine Pause kriegt“, gesteht Prödl gewisse Ermüdungserscheinungen ein.

Durchaus aufgeweckt präsentiert sich indes der Aufsteiger in dieser Premier-League-Saison, wenn man das große Ganze sieht. Derzeit rangiert Watford auf dem elften Platz.

Über den Erwartungen gepunktet, aber unter dem Gezeigten“

„Es war ein sehr zufriedenstellender Start. Wobei wenn ich zu meiner Familie oder zu meinen Freunden sage, dass wir zu wenig Punkte für unsere Leistungen haben, sagen immer alle, wir sollen mit den 16 Punkten zufrieden sein. Wir haben vielleicht über den Erwartungen gepunktet, aber unter dem Gezeigten“, schleichen sich bei Prödl gemischte Gefühle ein.

Mit den 16 Punkten seien auch „alle zufrieden, alles ist gut, aber vielleicht wäre sogar mehr drinnen gewesen, und das ist ein bisschen schade.“

Vor allem den liegengelassenen Zählern aus den drei Remis zum Saison-Start beziehungsweise besagter Niederlage gegen Arsenal trauert die Abwehrkraft hinterher: „Gegen Arsenal waren wir für mich die klar bessere Mannschaft und müssten in Führung gehen. Dann kriegst du in zehn Weltklasse-Minuten von Arsenal drei Tore und verlierst 0:3. Jeder, der das Spiel nicht gesehen hat, meint: 'Okay, gegen Arsenal kannst du 0:3 verlieren.' Aber es war ein Spiel auf Augenhöhe.“

Ob Prödl am kommenden Dienstag gegen die Schweiz erstmals seit dem Kräftemessen mit den „Gunners“ Spielpraxis sammeln wird, liegt in Marcel Kollers Händen.

Keine Bewertung der Situation von Hinteregger

Im bisherigen Nationalteam-Herbst erwies sich der inzwischen 54-fache Internationale als guter Vertreter von Martin Hinteregger und meldete mit seinen Leistungen seinen Anspruch auf den zwischenzeitlich verlorenen Status als Stammkraft an.

Hinteregger hat seine Verletzungsprobleme inzwischen hinter sich gelassen, steht wieder im ÖFB-Kader, ist jedoch bei Red Bull Salzburg bekanntlich mit keiner leichten Situation konfrontiert. Im Gipfeltreffen mit Austria Wien verzichtete Trainer Peter Zeidler freiwillig auf den Kärntner.

„In England hast du ein bisschen mehr Ruhe zum Arbeiten und kannst dich mehr auf die klassische Fußball-Kultur konzentrieren. Seit ich in England bin, ist mir immer mehr bewusst geworden, wie sehr ich diesen Sport liebe. Ohne die Medien schlecht machen zu wollen, aber dort trainierst du unter der Woche ohne Journalisten und Kamerateams, und du trainierst auch anders, fokussierter. Es ist für mich ein Phänomen, dass die englische Liga so teuer verkauft wird, aber die Medien eigentlich so wenig Zugriff auf die Spieler haben.“

Ich genieße diese Anonymität“

Prödls Erkenntnis daraus: „Willst du etwas gelten, mach dich selten – so auf die Art ist es in England.“

Zudem taugt dem Innenverteidiger „der traditionelle, alte Fußball“ auf der Insel: „Genau wie dieses Mitwirken auf den Rängen, die Zuschauer sind in jeder Aktion dabei. Wenn du grätscht, hast du das Gefühl, sie grätschen mir dir.“

Zudem bietet das Leben in einer Großstadt wie London im Vergleich zum eher beschaulichen Bremen naturgemäß entscheidende Vorteile abseits des Jobs:

„Du konzentrierst dich auf das Training, verlässt das Trainingsgelände und bist weg vom Fußball. Psychologisch ist das ein Riesen-Vorteil. Du fährst in die Stadt, als Watford-Spieler wirst du vielleicht ein Mal alle zwei Wochen angesprochen, weil dich jemand erkennt. Du kannst auf den Markt oder ins Museum gehen. Wenn du in Bremen Essen warst, hat dich jeder angeredet. Diese Anonymität und diese Trennung zwischen Beruf und Privatleben genieße ich momentan auch.“


Peter Altmann

„Ich schaue nur auf meine Situation und möchte jene der anderen nicht bewerten“, will Prödl nicht näher auf diese Nachdenkpause eingehen und spielt den Ball an Koller weiter:

„Es ist wichtig, dass du vier starke Innenverteidiger und einen dementsprechenden Konkurrenzkampf hast. Für den Teamchef gibt es ja nichts Schöneres, als dass er die freie Auswahl hat. Für mich persönlich habe ich mich nach der Nationalteam-Spielpause, wenn man es so nennen will, wieder sehr gut zurückgekämpft und in den letzten Spielen zum Erfolg beitragen können. Ich habe das getan, was ich immer gesagt habe, als ich nicht gespielt habe: Dass ich auf meine Chance warte und geduldig bin, und dass ich dann, wenn ich spiele, mit Leistung zeigen will, dass ich diese Position im Nationalteam bekleiden kann.“

In England wurde mir bewusst, wie sehr ich diesen Sport liebe“

Ob diese Geduld mit der im Laufe der Karriere gesammelten Erfahrung automatisch kommen würde? „Sicher! Ich bin viel gelassener als noch vor ein paar Jahren. Ich kann dem Teamchef nur im Training und im Spiel Argumente liefern. In den Medien brauche ich nicht sagen, er muss mich spielen lassen. Das definiert sich über die Leistung, und dann werden wir sehen, wie er aufstellt. Aber ich bin bereit.“

Der Tapetenwechsel weg aus Deutschland, wo Prödl sieben Jahre lang für Werder Bremen auflief, nach England sei ein entscheidender Faktor gewesen, um mehr in sich selbst zu ruhen.

„Ich genieße den Fußball jetzt“, betont der Steirer und weiß dies mit einer Rückbesinnung auf die wichtigen Werte in Bezug auf das runde Leder auch überzeugend zu begründen:

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