"Wir können auch ein bisschen Fußball spielen"

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Ergebnisorientiertheit über allem!

Die Basis für das erfolgreiche Länderspiel-Jahr 2014 wurde in der Stunde der bittersten Niederlage gelegt.

Nach dem Tiefschlag von Stockholm, als die ÖFB-Elf nach einem begeisternden Auftritt in den ersten 45 Minuten noch mit einer 1:2-Niederlage die Chance auf ein WM-Ticket verspielte.

Erstens traf Marcel Koller die logische Kopfentscheidung, sein angefangenes Werk vollenden zu wollen, und widerstand der emotionalen Versuchung, Teamchef seines Heimatlandes Schweiz zu werden.

Zweitens zog er die richtigen Rückschlüsse aus der guten, aber letztlich nicht ausreichend guten Kampagne für Brasilien 2014.

Schluss mit dem Dasein irgendwo zwischen Lob und Selbstmitleid für ambitioniertes Auftreten, das jedoch nicht immer mit den passenden Ergebnissen belohnt wurde. Her mit einer taktisch variableren und vor allem beinhart auf den Endzweck ausgerichteten Herangehensweise, deren ersten Schritte unmittelbar nach dem „Kater“ von Schweden im November-Trainingslager in Spanien einstudiert wurden.

Schon in Orihuela in der Provinz Alicante begann Koller, den vielzitierten Plan B einzustudieren. Schon dort fing er an, kleine Adaptionen am Kader vorzunehmen, wie etwa die Beförderung von Martin Hinteregger ins A-Team. Und dort rief er vor allem auch die Devise aus, dass die ständigen Testspiel-Niederlagen ein Ende haben müssten.

Ein Maßnahmen-Cocktail, der seine Wirkung im Jahr 2014 nicht verfehlte. LAOLA1 listet einige Beobachtungen beziehungsweise Fortschritte eines gelungenen Nationalteam-Jahres auf - darunter die konsequente Arbeit an durchwegs simplen Erfolgskriterien:

SELBSTVERTRAUEN: „Wir können natürlich auch ein bisschen Fußball spielen. Es ist nicht so, dass wir irgendwelche Anfänger sind. Wir wollen unser Konzept gegen jede Mannschaft durchziehen“, meinte Marko Arnautovic nach dem Kräftemessen mit Rekordweltmeister Brasilien. Zlatko Junuzovic: „Momentan ist uns wirklich egal, wie der Gegner heißt. Ob Brasilien, Deutschland oder Spanien – wir werden immer versuchen, unsere Leistung abzurufen. Wir haben jetzt ein gesundes Selbstvertrauen.“ So banal es klingt: Das Vertrauen in die eigene Stärke hat einen riesigen Anteil am Erfolgslauf. Fußball ist nun mal eben auch Kopfsache. „Zur spielerischen Qualität ist Selbstvertrauen dazugekommen“, streicht Koller hervor und verdeutlicht, dass Spieler ohne Selbstvertrauen zu viel grübeln würden und daher oft einen Schritt zu spät dran wären. Womit wir wieder bei den Testspielen wären. Der Schlusspunkt des Camps in Orihuela war die Partie gegen die USA, die mit 1:0 gewonnen wurde. Auch im Frühjahr blieb man ungeschlagen und machte in Tschechien sogar die Erfahrung, trotz schwacher Leistung gewinnen zu können – vom seltenen Erfolgserlebnis eines Auswärtssiegs ganz zu schweigen. Musste man sich in der Anfangsphase der Koller-Ära nach laschen Testspiel-Leistungen wie gegen die Elfenbeinküste, in Wales oder Griechenland immer wieder hinterfragen, wuchs 2014 der Glaube in die eigene Stärke von Spiel zu Spiel, was sich mit einem starken EM-Quali-Auftakt bezahlt machte. Auch wenn vom Ergebnis her die Serie gegen Brasilien riss, konnte man auch aus diesem Match die Erkenntnis mitnehmen, gegen einen Weltklasse-Gegner mitspielen zu können.

BESCHEIDENHEIT: Da der Grat zwischen Selbstbewusstsein und Selbstüberschätzung oft ein schmaler ist, trichtert Koller seinen Schützlingen bei jeder Gelegenheit Demut ein. Kampfansagen gehören der Vergangenheit an, Understatement bei jeder Gelegenheit ist das Gebot der Stunde. Die ÖFB-Kicker halten sich eisern an Kollers Sprachregelungen und lassen sich trotz souveräner Tabellenführung in der EM-Qualifikations-Gruppe G keine voreiligen Ansagen entlocken. „Bis wir die Qualifikation geschafft haben und das wirklich schwarz auf weiß ist, üben wir uns in Bescheidenheit. Damit sind wir bis jetzt gut gefahren“, erklärt Kapitän Christian Fuchs. Dies bringt zwar weniger Entertainment für die Öffentlichkeit, aber auch diese wird mit dieser Strategie gut leben können – der Erfolg heiligt schließlich die Mittel. Also wird man auch 2015 weiter von Spiel zu Spiel schauen. Martin Harnik: „Wir dürfen jetzt nicht irgendwie arrogant und zu selbstsicher an die Dinge herangehen. Natürlich schon mit dem nötigen Selbstbewusstsein, das wir uns erarbeitet haben, aber noch ist lange nichts entschieden. Im März geht es weiter, dann werden wir wieder einige Phrasen raushauen.“

ELF FREUNDE: Auch bei diesem Punkt ist die Floskel-Gefahr natürlich extrem hoch, aber derzeit leben die ÖFB-Kicker die viel zitierte gute Stimmung glaubhaft. „Uns zeichnet ein brutaler Teamgeist aus“, betont Junuzovic. Das mag in der Vergangenheit nicht immer der Fall gewesen sein. Wie die externen Kampfansagen bleiben auch die internen in der Öffentlichkeit aus. Etablierte Kadermitglieder mucken nicht auf, wenn sie sich auf der Bank wiederfinden. Auch diesbezüglich hat Koller den Laden im Griff. Wobei Selbstdisziplin und Uneigennützigkeit tendenziell leichter fallen, wenn das lohnenswerte Ziel einer EM-Teilnahme winkt. Harnik: „Es ist eine unglaublich coole Mannschaft, wo wirklich Freundschaften entstanden sind. Ich denke, man spürt auf den Rängen, wie wir miteinander kämpfen, füreinander da sind, uns miteinander freuen.“

QUALITÄTSSTEIGERUNG: Gute Stimmung und eine recht fix etablierte Stammelf bedeuten jedoch nicht, dass nicht um Einsatzzeit gekämpft wird. „Der Kader ist breit aufgestellt, das wissen wir jetzt. Jeder muss um seine Position kämpfen“, verdeutlicht mit Junuzovic ein Stammspieler, dass sich keiner zu sicher sein kann. „Wir besitzen mehr individuelle Klasse als in den vergangenen Jahren“, so der Werder-Legionär. Dass schwerwiegende Ausfälle wie jene von David Alaba und Julian Baumgartlinger gegen Russland kompensiert werden können, ist eine der wichtigsten Erkenntnisse dieses Länderspiel-Herbsts. Koller hat im Vergleich zur WM-Quali nur wenige, aber durchaus spürbare Änderungen an seinem Aufgebot vorgenommen. Martin Hinteregger rückte zum Stamm-Innenverteidiger auf, mit Stefan Ilsanker, Valentino Lazaro, Kevin Wimmer oder Lukas Hinterseer fanden andere neue Kräfte Aufnahme. Routiniers wie Andreas Ivanschitz oder Emanuel Pogatetz bleiben dafür außen vor. Selbst für einen durchaus erfolgreichen Legionär wie Veli Kavlak wurde zuletzt die Luft dünn. Für Koller findet die qualitative Weiterentwicklung des Kaders auf individueller Ebene statt, sei es durch die Arbeit beim Verein oder durch den Reifeprozess einer Persönlichkeit. Also auch eine Frage der Eigenverantwortung. Zwei Beispiele: Der Teamchef streicht nicht zu Unrecht die Leistungssteigerung von Aleksandar Dragovic, der an Erfahrung gewonnen hat, hervor. Und darüber, ob Arnautovic berechtigt zum Nationalteam gehört, gibt es längst keine Diskussionen mehr. Harnik: „Der Teamchef hat durch seine Beständigkeit des Kaders dazu beigetragen, dass wir uns aufeinander einspielen und miteinander einleben können. Ich glaube, dass er so ziemlich alles richtig gemacht hat und die Mannschaft das mit Ergebnissen zurückzahlt.“

DEFENSIVSTÄRKE: „Die Truppe ist flexibler geworden“, meint Koller nach drei Jahren im Amt. Wir erinnern uns: Mit Hilfe der Politik der kleinen Schritte brachte der Schweizer seinen Spielern seine defensiven und offensiven Grundprinzipien bei. Dies brachte schnelle Besserung, in der WM-Quali jedoch noch keinen Variantenreichtum. Mittlerweile ist man nicht mehr nur auf das Angriffspressing angewiesen, kann sich auch einmal zurückziehen und weiter hinten attackieren, ohne unter Druck zu geraten. „Wir haben weniger Gegentore bekommen“, fällt Dragovic als einer der wichtigsten Fortschritte in diesem Jahr ein. In der Tat war Brasilien der erste Gegner, gegen den Österreich 2014 mehr als ein Tor kassierte. Die Kehrseite der Medaille: Ohne Gegentor blieb man nur zwei Mal, dies jedoch zum günstigsten Zeitpunkt in den Quali-Spielen gegen Montenegro und Russland. „Das ist entscheidend. Wenn du zu null spielst, ist das die halbe Miete, dann hast du zumindest schon einmal einen Punkt“, rechnet Goalie Robert Almer vor. 2015 warten wichtige Auswärtsspiele, in denen es entscheidend sein wird, gut zu stehen und gut gegen den Ball zu arbeiten. Für Almer ist zudem mehr Konstanz in die Spielweise eingekehrt: „In der letzten Quali haben wir das Pressing oft nur über eine Halbzeit zusammengebracht. Zuletzt haben wir es richtig gut umgesetzt und teilweise über 70, 80 Minuten so gespielt, wie wir uns das vorstellen.“

STABILITÄT: Das ÖFB-Team ist mittlerweile eine Mannschaft, gegen die kaum ein Gegner gerne antritt. Man sollte jedoch auch nicht so tun, als würde alles perfekt laufen. Nicht alle Matches waren gut, immer wieder schlichen sich Schwächephasen an. Ein Unterschied ist jedoch, dass dann das Kartenhaus nicht in sich zusammenfällt, wie es in der Vergangenheit bisweilen der Fall war. „Gerade Moldawien hat gezeigt, dass wir auch einmal Schweins-Spiele gewinnen können, wenn es schwierig wird und wir nicht die Leistung bringen, die wir bringen könnten. Da sind wir ein, zwei Schritte nach vorne gekommen. Solche Spiele haben wir davor nie gewonnen“, erklärt Junuzovic. Mit höherer Qualität und gutem Konzept kann man sich auch einmal drüberretten, wenn die Tagesverfassung nicht die beste ist, diese Abgezocktheit stellen Klasseteams immer wieder unter Beweis – man nehme nur Brasilien in Österreich. Für Koller gibt es diesbezüglich immer noch Steigerungsbedarf. Für ihn reagiert seine Elf in manchen Fällen immer noch zu naiv, ließ sich gegen Brasilien zum Beispiel von der Härte in einem Testspiel ein wenig überraschen. Eine Erfahrungssache, an der man arbeiten kann.

EFFIZIENZ: Man kann nicht behaupten, dass Österreich offensivschwach ist. „Wir haben uns spielerisch weiterentwickelt. Es hat beim ÖFB Zeiten gegeben, vor allem zu meiner Anfangszeit, da waren wir froh, wenn wir den Ball über drei Stationen in der Mannschaft gehalten haben. Jetzt können wir das Spiel machen, haben in den meisten Spielen wesentlich mehr Ballbesitz“, sieht Christian Fuchs über die Jahre eine gewaltige Steigerung, die sich 2014 fortgesetzt habe. Aber auch der Kapitän findet: „Wenn alles perfekt wäre, hätten wir zwölf Punkte und ein Torverhältnis von 20:0, und so ist es ja nicht.“ Im rot-weiß-roten Spiel kann man zweifelsohne noch an einigen Stellschrauben drehen. Jene, die von den ÖFB-Kickern selbst am öftesten vorgebracht wird, ist die Effizienz vor dem gegnerischen Tor. „Die Chancenauswertung können wir sicher noch verbessern“, meint Almer. Laut Dragovic hätte man es nicht immer so spannend machen dürfen und das eine oder andere Spiel früher entscheiden müssen: „Wir könnten vielleicht höher gewinnen. Aber im Endeffekt geht es um die Punkte. Man kriegt nur drei Punkte, egal ob man 1:0 oder 8:0 gewinnt.“ Ebenso wie die Zahl der Gegentore war auch jene der erzielten Treffer nicht allzu hoch. Nur in Tschechien und Moldawien traf man doppelt, in allen sechs anderen Begegnungen traf man genau ein Mal. Das ergibt unter dem Strich zehn Tore in acht Spielen. Definitiv ausbaufähig. Die Schuld alleine bei den Stürmern zu suchen, wäre unfair. Marc Janko und Rubin Okotie, der eine famose Comeback-Story hinlegte, erzielten wichtige Tore. Laut Koller fehlen im Angriffsdrittel bisweilen noch die Ruhe und Klarheit, im Abschluss wird zu hektisch agiert. Behält man die Stärken bei und arbeitet konsequent an dieser Schwäche, steht einem weiteren erfreulichen Länderspiel-Jahr wohl wenig entgegen. Und gelingt die erstmalige EM-Quali aus eigener Kraft, wäre 2015 durchaus ein historisches…

Peter Altmann/Martin Wechtl/Bernhard Kastler/Jakob Faber

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