Das Konzept funktioniert auch bei Rückstand

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So viele Fehlpässe wie in der ersten Hälfte beim 3:2 in Montenegro hat man vom ÖFB-Team schon lange nicht mehr gesehen.

Die Schlampigkeiten zogen sich wie ein roter Faden durch die ersten 45 Minuten.

Nicht nur in der Offensive, sondern auch im Spiel gegen den Ball. Stellungsfehler, große Abstände, naives Attackieren – den Rückstand zur Pause hatten sich die Österreicher selbst zuzuschreiben.

Erst als diese Unkonzentriertheiten abgestellt wurden, fand man zurück auf die Siegerstraße. Auch wenn die Montenegriner das ÖFB-Team ganz schön unter Bedrängnis brachten.

Der Plan des Teamchefs

Marcel Koller kündigte schon vor dem Spiel an, seine stärkste Elf auf das Feld zu schicken. Das setzte er in die Tat um. Zunächst funktionierte auch alles nach Wunsch.

Frühes Angriffspressing ließ die Montenegriner kaum aus der eigenen Hälfte kommen, die Außenvertediger schoben offensiv nach vorne und die drei rotierenden, zentralen Mittelfeldspieler dirigierten dank guter Staffelung die Partie.

Im Spielaufbau ließ sich Koller zudem etwas Besonderes einfallen. Der Plan war offensichtlich, die Gastgeber zunächst auf die linke Seite zu locken, um anschließend mit einem schnellen Wechselpass nach rechts Räume aufzureißen.

Dafür ließ sich Marko Arnautovic immer wieder nach hinten fallen, um sich als ballsichere Option anspielbar zu machen und Gegenspieler zu binden.

Dem Ablenkungsmanöver folgte der schnelle Angriff über rechts, wo Montenegros Mittelfeldspieler Fatos Beciraj seine Defensiv-Aufgaben sträflich vernachlässigte. Eine Schwäche, die das ÖFB-Team zu nutzen wusste. Martin Harnik kam nicht umsonst auf die für einen Offensiv-Spieler stolze Anzahl von 82 Ballkontakten (siehe Statistiken im LAOLA1-Ticker).

Aufstellungen: Österreich im gewohnten 4-2-3-1, die Montenegriner mit einem giftigen 4-4-2

Konter-Taktik der Montenegriner

Schnell stellte sich bei den Österreichern jedoch der Schlendrian ein. Neben Fehlpässen und missglückten Ballannahmen fehlte es in der Defensive an Diszipliniertheit. Statt gemeinsam im Rudel auf die Jagd zu gehen, wirkte das Pressing teilweise unkoordiniert.

So ging die Kompaktheit verloren. Auch Teamchef Koller bemerkte: „Der ein oder andere hat seine Position nicht gehalten.“

Die Gastgeber zeigten diese Schlampigkeiten schonungslos auf. In einer klassischen 4-4-2-Anordnung wurde nach dem Ballgewinn schnell nach vorne gespielt. Die vier Offensivspieler lauerten vorne auf schnelle Pässe hinter die Abwehr.

Das sollte sich spätestens beim 0:1 von Vucinic bezahlt machen: Nach einer vergebenen Chance von David Alaba ging es schnell in die Gegenrichtung. Martin Harnik musste vorübergehend die Position des Bayern-Legionärs einnehmen, attackierte an der Strafraumgrenze aber zu naiv anstatt den Raum vor der Abwehr zu besetzen. Deswegen konnte Simon Vukcevic ohne Gegenwehr in den Strafraum flanken, wo Vucinic verwertete.

Das gegnerische Fore-Checking

Eine neue Situation für das ÖFB-Team. Noch nie war man davor in dieser EM-Qualifikation in Rückstand geraten. Diese Bewährungsprobe sollte jedoch mit Bravour gemeistert werden.

Zunächst hatten aber die Montenegriner Lunte gerochen. Sie versuchten dem Gruppensieger mit forschem Fore-Checking die Schneid abzukaufen. Die Österreicher reagierten darauf mit einem abkippenden Sechser (Julian Baumgartlinger oder Alaba), der jedoch alsbald ebenfalls vom Gegner zugestellt wurde.

Ein um das andere Mal hatten Aleksandar Dragovic und Co. deswegen Probleme beim Herausspielen, doch war die erste Pressinglinie einmal überwunden, eröffneten sich für die ÖFB-Elf große Räume.

Konzentrierter in Hälfte zwei

Räume, die man in der zweiten Hälfte auch zu nutzen wusste. Denn aus der Kabine kamen die Österreicher von Anfang an konzentrierter. Fehlpässe wurden vermieden, die Seiten konsequenter bespielt und Chancen herausgearbeitet.

Zwar blieben die Montenegriner vorne giftig und provozierten damit immer wieder Fehler, die in weiterer Folge zu Chancen führten, doch am Ende bewahrte das ÖFB-Team kühlen Kopf.

Interessanter Side-Fact: Mit Jakob Jantscher scheint es einen neuen Kandidaten für die Position als Ersatz von Zlatko Junuzovic zu geben. Der Luzern-Legionär spielte bereits bei seinem Verein auf dieser Position. Nach seiner Einwechslung setzte ihn nun auch erstmals Koller dort ein.

Montenegro Österreich
Ballbesitz 36,4% 63,6%
Zweikämpfe 48,5% 51,5%
Angekommene Pässe
64,6% 83,8%
Torschüsse 9 23
Torschüsse außerhalb Strafraum 5 8
Torschüsse innerhalb Strafraum 4 15
Kopfballchancen 1 8
Flanken 10 14
Fouls 8 8

Bisher fungierten bei einem Ausfall von Junuzovic stets Lukas Hinterseer oder David Alaba als dessen Ersatz. Sieht Koller nun auch bei Jantscher das Potenzial, diese wichtige Position einnehmen zu können, so steigert das zweifellos seine Chancen auf eine EURO-Teilnahme.

Sie gewinnen auch bei Rückstand

Letztlich war es für das ÖFB-Team ein verdienter Sieg. Den Beweis dafür liefert die Statistik. 23 zu 9 Torschüsse sprechen eine deutliche Sprache.

Kollers Truppe ist in ihrem Konzept mittlerweile so gefestigt, dass sie auch einen Rückstand unter widrigen Umständen (z.B. ungünstige Schiedsrichter-Entscheidungen) drehen kann.

Eine wichtige Erkenntnis im Hinblick auf die Europameisterschaft.

 

Jakob Faber

 

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