Das Aussterben der Lemminge

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"Gregoritsch bringt Emotionen mit rein"

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Nicht nur die Bundesliga-Klubs, auch Marcel Koller bereitet sich intensiv auf das Frühjahr vor.

Der ÖFB-Teamchef besuchte eine Woche lang die Bundesliga-Vereine in deren Trainingslager in der Türkei und kam erst am Freitag-Nachmittag wieder nach Wien zurück.

Zeit zum Durchschnaufen blieb dem Schweizer aber nicht, denn von dort aus ging es sofort weiter nach Deutschland zur nächsten Beobachtungstour.

„Ich habe gesehen, dass mein Meilen-Konto ein bisschen angestiegen ist“, lacht der Schweizer im LAOLA1-Interview.

Der 51-Jährige spricht außerdem über seinen Kontakt zu Spielern und Trainern, die bevorstehende Zusammenarbeit mit U21-Coach Werner Gregoritsch und die Gnadenlosigkeit des Trainer-Geschäfts.

LAOLA1: Sie haben in der Türkei die Trainingslager diverser Bundesligisten besucht. Vermissen Sie die tägliche Arbeit auf dem Platz, wenn Sie das so sehen?

Marcel Koller: Für mich ist die Arbeit als Teamchef nach wie vor sehr interessant und motivierend. Es ist nicht so, dass ich sage: „Ich möchte wieder etwas anders machen.“ Es ist einfach eine Aufgabe, die man anders lösen muss. Ich bin ein Trainer ohne Team. Ich habe nur alle zwei, drei Monate das Team zusammen. Ende Februar kommen wir wieder für drei Tage zusammen. Wobei wir nicht alle drei Tage gemeinsam trainieren können, weil einige aufgrund der Sonntagsspiele erst später kommen. Taktisch kann man da nichts machen. Es läuft sehr viel in der Theorie ab.

LAOLA1: Hat der Teamchefjob mehr Facetten von einem Manager-, als von einem Trainerjob?

Koller: Der Klubtrainer-Job ist das Einmaleins. Man steht jeden Tag auf dem Platz und setzt etwas um. Als Teamchef ist es so, dass man mehr im Büro sitzt und vorbereitet. Man sieht sich auch mehr Videos an und ist oft in den Stadien. Man arbeitet viel im theoretischen Bereich und versucht, an dem Punkt, an dem das Team zu dir kommt, bereit zu sein.

LAOLA1: Haben Sie schon einmal nachgerechnet, wieviele Flugmeilen und Auto-Kilometer Sie als Teamchef schon hinter sich gebracht haben?

Koller: Nein. Aber ich habe gesehen, dass mein Meilen-Konto ein bisschen angestiegen ist (lacht). Ich habe ein Tagebuch geführt, in dem steht, was ich alles gemacht habe.

LAOLA1: Wie regelmäßig ist der Kontakt zu Ihren vermeintlichen Stammspielern?

Koller: Wenn der ein oder andere verletzt ist, melde ich mich per SMS oder Telefon, um den Spieler zu unterstützen. In der Türkei im Trainingslager habe ich bei den Teamspielern aus der Bundesliga vorbei geschaut. Am Wochenende war ich in Deutschland und habe mir dort Spiele angesehen.

LAOLA1: Zuletzt hat sich Pascal Grünwald verletzt. Herrscht im ÖFB schön langsam Tormann-Knappheit?

Koller: Da muss man noch ein bisschen abwarten. Es ist schade, dass Pascal länger verletzt ist. Wiederum ist es so, dass mit Gratzei ein Verletzter zurückkommt. Es sind nur zwei Spieltage, bevor der Kader nominiert wird. Mal sehen, was noch passiert.

LAOLA1: Wie läuft der Austausch mit den Vereinstrainern ab?

Koller: Ich habe in der Türkei versucht, bei Trainings und Spielen dabei zu sein. Außerdem tausche ich mich per Telefon mit den Trainern aus, frage nach.

LAOLA1: Vor kurzem wurde Werner Gregoritsch zum neuen U21-Teamchef bestellt. Wie stark waren Sie in diese Entscheidung eingebunden?

Koller: Ich war informiert und wurde gefragt, ob das passen könnte. Für uns ist es wichtig, wer unmittelbar unter uns der Zubringer ist. Er ist der Mann, der mit den Talenten, die wir dann hochbringen können, arbeitet. Ich habe diese Entscheidung befürwortet. Werner ist ein Mann mit viel Erfahrung. Außerdem kann er gut mit jungen Spielern arbeiten bzw. umgehen und bringt Emotionen mit rein.

LAOLA1: Haben Sie schon darüber gesprochen, wie die Zusammenarbeit aussehen wird?

Koller: Wir haben kurz miteinander gesprochen, uns schon zwei Mal gesehen. Wenn die Kaderbekanntgabe ist, wenn er sich eingearbeitet hat, werden wir uns jede Woche austauschen und über Spieler unterhalten.

LAOLA1: In der Vergangenheit gab es immer wieder Unstimmigkeiten bezüglich der Abstellung von A-Teamspielern. Wie werden Sie das handhaben?

Koller: Darüber habe ich mit dem Werner auch schon gesprochen. Grundsätzlich hat das A-Team Vorrang. Wenn wir aber die Möglichkeit haben, uns mit der U21 zu qualifizieren, müssen wir das absprechen und sagen: „Okay, dir steht dieser und dieser Spieler zur Verfügung, ich nehme beim A-Team andere dazu.“ Wenn es aber um die WM-Qualifikationsspiele geht, können wir keine Rücksicht nehmen, dann ist es wichtig, die besten Spieler zur Verfügung zu haben.

LAOLA1: Wie hat sich der Trainerberuf aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren verändert?

Koller: Der Trainer wird heutzutage noch viel mehr beansprucht. Auch durch Medien. Man muss viel mehr abdecken, als das früher der Fall war. Damals gab es zwei, drei Zeitungen, die einmal in der Woche angerufen haben. Heute bist du im Spitzenbereich jeden Tag mit der Presse zusammen. In Deutschland waren das jeden Tag 15 bis 30 Minuten. Das ist schon eine Umstellung. Man wird beobachtet. Wenn irgendwas passiert, geht das innerhalb von drei Minuten um die ganze Welt. Auch die Spieler sind anders. Früher hat man als Trainer gesagt: „Jetzt laufen alle in diese Richtung.“ Und wenn dort ein Abhang war, sind alle runtergesprungen. Heutzutage sagen die: „Warum soll ich da runterspringen? Das ist viel zu gefährlich.“ Man muss Argumente haben, viel mit den Spielern kommunizieren. Das ist aufwändiger, viel intensiver. Als Trainer ist man sieben Tage beschäftigt. Man muss darauf achten, eine Pause machen zu können. Man muss bewusst sagen: „Ich lege das jetzt auf die Seite und versuche, meine Gedanken zu sammeln.“ Als Klubtrainer ist das extrem schwierig.

LAOLA1: In letzter Zeit hört man auch immer wieder von Burnout-Fällen. Ist das Geschäft gnadenloser geworden?

Koller: Wir stehen in der Öffentlichkeit. Wenn ein Trainer ein Burnout hat und sagt, dass er nicht mehr kann, wird das von den Medien hochgepusht. Wenn ein Friseur oder ein Straßenarbeiter ein Burnout hat, kriegt das keiner mit, nur das nähere Umfeld. Es ist allgemein so, dass in der heutigen Zeit mehr passiert. Gerade mit dem Informationsfluss, all die Informationen die man verarbeiten muss. Überall sind Fernsehen und Zeitungen. Man könnte sich den ganzen Tag informieren, was so auf der Welt abgeht. Aber das kann man ja nicht. Das auf die Seite zu legen und nur rauszunehmen, was einem wichtig ist, kann nicht jeder.

LAOLA1: Wie gehen Sie mit dem Druck um? Setzen Sie die Pausen, die Sie vorher angesprochen haben, bewusst?

Koller: Ich bin knapp vier Monate hier und habe sieben Tage in der Woche gearbeitet. Ich habe gesagt: „Du musst jetzt bewusst einen Tag einstreuen.“ Normalerweise sind Montag bis Freitag die Arbeitstage, Samstag und Sonntag ist frei. Aber Samstag und Sonntag sind die Spiele, also kann ich da auch nicht freimachen. Also muss ich unter der Woche ein "Break" machen. Es ist auch für meine Frau wichtig, dass wir da etwas gemeinsam unternehmen können. Ich merke auch, dass mir dieses Abschalten gut tut, Energie und Kraft gibt.

LAOLA1: Das heißt, die Familie ist Ihr Ausgleich?

Koller: In erster Linie ist das meine Frau. Sie lebt auch in Wien und muss auf viel verzichten. Ich bin viel unterwegs und sie oft alleine.

LAOLA1: Hat sich der Druck für Sie verändert, weil Sie nicht mehr Klubtrainer, sondern Teamchef sind?

Koller: Nein. Ich habe von klein auf gelernt, mit Druck umzugehen. Als ich bei Grasshopper Zürich gespielt habe, war das der größte und wichtigste Verein in der Schweiz. Da musste man immer Leistung bringen. Man darf sich nicht zu viele Gedanken über den Druck machen. Wenn 50.000 Zuschauer im Stadion sind, kannst du es nicht jedem Recht machen. Mir ist wichtig, den Weg, den ich im Kopf habe, zu gehen.

Das Gespräch führten Harald Prantl und Kurt Vierthaler

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