Aufmacherbild

Eine steril-protzige Spielwiese für den "Glücksbringer"

Ein goldener Handabdruck in einer goldenen Kugel auf 97 Metern Höhe.

Legt man seine Hand hinein, bringt das Glück. Daran glaubt man zumindest in Kasachstan.

Der vom Star-Architekten Norman Foster entworfene Bajterek-Turm steht sinnbildlich für Astana, das seit 1997 die Hauptstadt des zentralasiatischen Staates ist (deswegen die 97 Meter).

Es ist der Handabdruck von Präsident Nursultan Nasarbajew, in den man seine Hände legen und sich eine bevorzugte Behandlung durch das Schicksal erhoffen kann.

Der Personenkult des „Führers der Nation“

„Ich war schon oft auf Beobachtungsreisen im Osten. Es ist bekannt, dass die Leute sehr zurückhaltend sind, von ihren eigenen Qualitäten weniger sprechen“, erklärt ÖFB-Interims-Teamchef Willi Ruttensteiner und mag recht haben, wenn es um Fußballer geht.

Nasarbajew kann er damit nicht meinen. Der 71-jährige „Führer der Nation“ ist so sehr von seine Qualitäten überzeugt, dass er seinem Volk inzwischen schon 22 Jahre lang vorsteht. Also im Prinzip länger als es die Republik Kasachstan in der heutigen Form gibt, 1991 erklärte man sich von der Sowjetunion unabhängig.

Demokratiepolitisch überschaubar unbedenkliche 95,5 Prozent erreichte das Staatsoberhaupt bei den eilig einberufenen Wahlen in diesem Frühjahr. Eilig deshalb, weil der Westen von der wahlkampfkostensparenden Idee, die Amtszeit Nasarbajews per Referendum gleich bis 2020 auszudehnen (Begründung: Es gibt keinen besseren Staatslenker), nicht gerade hellauf begeistert war. Immerhin gab es auf dem Papier Gegenkandidaten. Lupenreine Demokratie sieht trotzdem anders aus.

Nun weiß jeder halbwegs talentierte Despot, dass ohne Personenkult gar nichts geht. Ein goldener Handabdruck als Pilgerstätte ist diesbezüglich kein schlechter Anfang. Aber warum nicht gleich eine ganze Stadt erschaffen?

Steril-protzige Retortenstadt

Astana – der Name bedeutet übersetzt enorm einfallsreich „Hauptstadt“ – ist erst seit 14 Jahren aufgrund Nasarbajews Einbildung Regierungssitz und daher nur schwerlich mit herkömmlichen Städten zu vergleichen.

Nun gehört es zu den abwechslungsreicheren Aufgaben bei Dienstreisen in exotischere Länder, diese den Daheimgebliebenen ein wenig näher zu bringen – abseits der üblichen Berichterstattung des sportlichen Geschehens. Nach dem Abstecher in die südländisch belebte Metropole Baku ist dies in Astana so gesehen ein zwiespältigeres Vergnügen.

Denn von „belebt“ kann man hier nicht gerade guten Gewissens schreiben. Wahrscheinlich kann man selbiges von einer City, an der im Prinzip erst seit 15 Jahren gebastelt wird, auch nicht verlangen.

Um es auf einen Nenner zu bringen: Eine steril-protzige Retortenstadt, in der sich Nasarbajew als Baumeister „austobt“ - keine billige Spielwiese.

Immer mehr imposante Bauten prägen das Stadtbild (siehe Diashow). Ein Wolkenkratzer hier, ein Palast dort, eine Pyramide als Tagungszentrum mit inkludierter Oper hier, die größte Moschee Zentralasiens dort, ein neu gebautes Fußball-Stadion hier, eine supermoderne Eishalle dort.

Rush Hour auf Kasachisch

Nasarbajews Schlaraffenland ist ein selbiges für Architekten. Was man nicht auf dem Reißbrett entwerfen kann: Flair, Charme, Herzlichkeit, ganz einfach Leben.

Man fragt sich zum Beispiel unweigerlich, ob man in Astana überhaupt das Phänomen eines Verkehrsstaus kennt? Montagabend konnte man an einer Ampel immerhin geschlagene 14 Autos zählen – Rush Hour auf Kasachisch.

Dies mag auch daran liegen, dass die Nasarbajew-Nation zwar vieles zu bieten hat (vor allem riesigen Reichtum an Rohstoffen wie Öl und Gas), aber bestimmt keine hohe Bevölkerungsdichte. Kasachstan ist der größte Binnenstaat und insgesamt das neuntgrößte Land der Erde, hat jedoch nur 16 Millionen Einwohner (rund 700.000 davon in Astana).

Man hat also genügend Platz. Dies ist bezogen auf die Hauptstadt wiederum ein Traum für Städteplaner, denn das Erweiterungspotenzial ist gigantisch. Der Übergang zwischen Prunkbau und Steppe ist ein fließender, das Wort Peripherie wird hier eben anders definiert.

Nationalgericht Pferdefleisch

Eine Herausforderung in Sachen Lebensqualität sind die klimatischen Bedingungen. Von 40 Grad plus im Sommer bis 40 Grad minus im Winter soll die Bandbreite reichen, gerade die Winter sind laut Auskunft Einheimischer besonders streng.

Da empfiehlt es sich, wohl genährt in die kalte Jahreszeit zu starten. Wobei die Leibspeise des durchschnittlichen Kasachen in Westeuropa tendenziell nicht auf ungeteilte Gegenliebe stoßen würde: Pferdefleisch. Beshbarmak heißt das Nationalgericht und wird mit den Fingern verzehrt. Weitere Details entfallen aufgrund von Respekt vor Freunden des Reitsports.

LAOLA1 verkniff sich übrigens – natürlich schweren Herzens – den Verzehr. Dafür wagten wir – wie auch Ruttensteiner, Christian Fuchs und Sebastian Prödl - selbstverständlich das Nasarbajew-Experiment.

Bezüglich des Spiels am Dienstagabend gehen wir jedoch davon aus, dass es nicht seinen Landsleuten Glück bringt. Ein Sieg durch „Handauflegen“ wäre einmal etwas ganz Neues.

Peter Altmann

Mehr zum Thema Zum Seitenanfang»