"Ein Kandidat muss besser sein als einer der 23"

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Mitten in seiner Kaderbekanntgabe und der Erörterung der Personalfragen war dann doch eine Klarstellung Marcel Kollers von Nöten:

„Ich spüre, ihr denkt, wir sind schon mit dabei. Das sind wir noch nicht. Aber wir werden alles dafür tun, dass es so schnell wie möglich der Fall ist.“

Möglicherweise, sofern Schweden zuvor gegen Russland punktet, kann die Teilnahme an der EURO 2016 schon im nächsten Qualifikationsspiel gegen Moldawien am 5. September im Happel-Stadion fixiert werden.

Überraschungen im Aufgebot für diese Partie beziehungsweise das Gastspiel in Schweden am 8. September gibt es keine (Koller: „Wir bleiben unserer Linie treu“). Die gegen Russland verletzungsbedingt abwesenden David Alaba und Christoph Leitgeb kehren zurück, für Yasin Pehlivan und Philipp Schobesberger ist daher nur auf der Abrufliste Platz.

Bei Martin Hinteregger und Marc Janko hat Koller berechtigte Hoffnung, dass sie rechtzeitig fit werden und vor dem Einrücken ins ÖFB-Camp schon für ihre Arbeitgeber auflaufen können.

Keine großen Diskussionen

Summa summarum stehen jene 23 Akteure im Kader, die das EM-Jahr mit einem Vorsprung in Angriff nehmen. Daran lässt der Teamchef auch keinen Zweifel.

„Einer, der auf Abruf steht, muss besser sein als einer der 23, damit wir überhaupt auf die Idee kommen, zu wechseln. Das muss die Motivation sein“, lautet Kollers Kernbotschaft an den Kreis jener Spieler, die derzeit nicht dem Nationalteam angehören.

Der Schweizer ist bekannt dafür, auf vertraute Gesichter zu setzen. Entsprechend flott lässt sich ein Kader derzeit zusammenstellen. Die Vermutung, dass das Erstellen der Abrufliste mehr Diskussionen hervorruft als die Besetzung des eigentlichen Aufgebots, liegt nahe.

Koller schildert den Prozess wie folgt: „Mit dem Trainerteam sind wir drei Stunden am Diskutieren, gehen jeden Spieler durch und analysieren ihn. Mittlerweile ist es schon so, dass es bei den 23 keine großen Diskussionen gibt, wenn niemand verletzt ist. Bei der Abrufliste geht es darum: Wer könnte uns weiterbringen? Wer ist aktuell in Form?“

„Neuzugänge“ auf der Abrufliste

Diesmal befinden sich drei „Neuzugänge“ auf der Abrufliste. Neben Altach-Goalie Andreas Lukse, der damit am Rieder Thomas Gebauer und am Neo-Salzburger Cican Stankovic vorbeigezogen ist, sind dies die beiden Rapidler Florian Kainz und Louis Schaub.

„Sie haben teilweise schon in der letzten Saison und jetzt in der beginnenden Meisterschaft sehr gute Leistungen gebracht und haben es sich verdient, mal auf die Abrufliste zu kommen“, betont Koller.

Letztlich sind es derzeit Nuancen in der Personalpolitik, die vom einen Kader zum anderen den Unterschied ausmachen. Eine Auffälligkeit ist diesmal, dass Valentino Lazaro „nur“ für das U21-Team nominiert ist.

Der Hintergedanke liegt angesichts der erst kürzlich überwundenen Verletzung des Salzburg-Kickers auf der Hand: „Lazaro hat schon bei uns reingeschnuppert und Länderspiele absolviert. Unser Ziel ist, dass er wieder regelmäßig spielt. Deshalb ist er bei der U21 dabei, damit er Spielpraxis bekommt, um so schnell wie möglich wieder in den Rhythmus zu kommen.“

„Ob da jeder mithalten kann, ist eine andere Frage“

Weit offen ist die Tür ins Aufgebot für die wahrscheinliche Teilnahme an der EM nicht, zustoßen will sie der Teamchef jedoch naturgemäß nicht.

Auch ihm ist klar: „So eine Endrunde ist natürlich etwas Spezielles, da will jeder dabei sein. Das wird auch für uns die Entscheidung schwer machen. Es ist wichtig, im Klub konstant gute Leistung zu zeigen.“

Eine Aufforderung für alle Kandidaten, die sich den EM-Traum doch noch erfüllen wollen, sei es Philipp Hosiner (Köln), Erwin Hoffer (Karlsruhe) oder Robert Gucher (Frosinone).

Ein Luxusproblem ortet Koller angesichts dieser potenziellen Alternativen, für die derzeit kein Platz auf der Abrufliste ist, jedoch nicht:

„Ich denke, das ist ein bisschen übertrieben. Wir haben schon auch gute Spieler, aber es ist natürlich so, dass wir mittlerweile auf einem sehr hohen Level spielen. Ob da jeder mithalten kann, ist eine andere Frage.“

Eine Nominierung fürs Team der Runde reicht nicht

Es sei nicht leicht, diese Frage nur von außen zu beantworten: „Das ist sicher schwieriger, als wenn sie dazu kommen und man sie hier auf Herz und Nieren testen kann. Aber wir schauen uns überall um und sind informiert, wie sie spielen. Es wird aber keiner ins Aufgebot kommen, nur weil er einmal im Kicker, in der Bild-Zeitung oder hier in Österreich im Team der Runde steht. Das ist schön für den Spieler, wir nehmen das auch auf, aber das wird noch nicht reichen. Du musst über einen längeren Zeitraum so spielen und natürlich auch ins Team passen.“

Dass das eine oder andere fixe Kadermitglied über wenig bis gar keine Spielpraxis verfügt, gehört im ÖFB-Lager bereits zur Gewohnheit. So ist es etwa Christian Fuchs (Leicester) und Kevin Wimmer (Tottenham) noch nicht gelungen, sich nach ihrem Sprung in die Premier League in der Startelf ihres neuen Arbeitgebers zu etablieren.

„Mittlerweile haben wir uns ans Auf und Ab gewöhnt, das bereitet mir eigentlich kein Kopfzerbrechen“, verdeutlicht Koller, „durch Vereinswechsel braucht der eine oder andere ein bisschen Zeit, bis er spielt. Anderer Trainer, anderes Umfeld – ich habe da eigentlich keine Bedenken, weil wir wissen, dass unsere Spieler Fußball spielen können, unsere Ideen verstehen und gut umsetzen können. Da ist es eben auch wichtig, dass man Vertrauen hat.“

Keine Torschlusspanik

Der Schweizer vertraut auch darauf, dass sich seine Schützlinge nicht vom Umstand, die EM-Teilnahme eventuell schon mit einem Sieg gegen Moldawien fixieren zu können, ablenken lassen:

„Es wird wichtig sein, dass wir so spielen wie immer und uns nicht plötzlich Gedanken machen, wir können über die Ziellinie gehen, und plötzlich ist da eine Betonmauer und du hast Angst davor oder bist nervös vor lauter Vorfreude. Mittlerweile sind sie erfahren genug, um das auszublenden.“

Koller kündigt an, bereits im Trainingsbetrieb darauf zu achten: „Da spüre ich, wie konzentriert und fokussiert sie sind. Wenn sie das nicht sein sollten, muss ich eingreifen, und ich kann jedem versprechen, dass ich dann auch eingreifen würde.“

Abseits des Nationalteams drückt der Schweizer Rapid Wien die Daumen, dass der Sprung in die Champions League gelingt – natürlich auch mit dem Hintergedanken, dass etwaige ÖFB-Kandidaten sich dort noch intensiver beweisen müssten:

„Grundsätzlich wäre es gut, wenn man immer wieder auf einem hohen Level gefordert wird. Da wäre es natürlich besser, es wäre die Champions League als die Europa League.“

Nervendes Gejammer bezüglich Doppelbelastung

Das Gerede von der Doppelbelastung nervt Koller indessen spürbar. Er findet internationale Spiele ausschließlich positiv:

„In der Meisterschaft arbeitest du ein ganzes Jahr darauf hin, damit du international spielen kannst. Auf der einen Seite ist es für den Verein wichtig, damit Geld reinkommt, auf der anderen Seite können sich die Spieler präsentieren. Aber wenn du dann dabei bist, jammern alle, es sei so intensiv mit Europacup, Meisterschaft und Cup. Das verstehe ich nicht! Du weißt es ja vorher. Es ist eine Kopfsache, sich darauf einzustellen. Wenn du alle drei Tage spielst, kannst du eh nicht voll trainieren und machst viel Regeneration. Die Spieler wollen ohnehin immer spielen. Für mich ist es unverständlich, wenn gejammert wird, es sei zu viel.“

Peter Altmann

Namen Verein Länderspiele Tore
TOR: Robert Almer Austria Wien 22
Heinz Lindner E. Frankfurt 7
Ramazan Özcan FC Ingolstadt 4
ABWEHR: Aleksandar Dragovic Dynamo Kiew 38 1
Christian Fuchs Leicester City 67 1
György Garics SV Darmstadt 40 2
Martin Hinteregger RB Salzburg 9 0
Florian Klein VfB Stuttgart 28 0
Kevin Wimmer Tottenham 2 0
Sebastian Prödl FC Watford 50 4
Markus Suttner FC Ingolstadt 14 0
MITTELFELD: David Alaba Bayern München 37 9
Marko Arnautovic Stoke City 43 8
Julian Baumgartlinger Mainz 05 37 1
Stefan Ilsanker RB Leipzig 8 0
Martin Harnik VfB Stuttgart 51 11
Christoph Leitgeb RB Salzburg 41 0
Zlatko Junuzovic Werder Bremen 40 5
Marcel Sabitzer RB Leipzig 12 2
Jakob Jantscher FC Luzern 16 1
ANGRIFF: Marc Janko FC Basel 47 21
Lukas Hinterseer
  1. FC Ingolstadt
6 0
Rubin Okotie 1860 München 10 2
AUF ABRUF: Andreas Lukse SCR Altach 0
Stefan Lainer RB Salzburg 0 0
Michael Madl Sturm Graz 0 0
Florian Kainz SK Rapid 0 0
Philipp Schobesberger SK Rapid 0 0
Louis Schaub SK Rapid 0 0
Christopher Trimmel Union Berlin 3 0
Guido Burgstaller
  1. FC Nürnberg
7 0
Yasin Pehlivan RB Salzburg 17 0
Andreas Ulmer RB Salzburg 3 0
Andreas Weimann Derby County 14 0
Philipp Zulechner Austria Wien 1 0
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