"So ein Angriffspressing habe ich noch nie gespielt"

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Chaos war in den letzten Jahren oft unfreiwillig das Programm beim Klub von Martin Harnik

„Wir waren in den letzten zwei Saisonen immer im Abstiegskampf“, meint der ÖFB-Teamspieler. Fünf Trainerwechsel gab es bei Stuttgart in dieser Zeit. Eine Situation, die den Ansprüchen des fünffachen deutschen Meisters bei weitem nicht genügt.

Das soll sich nun ändern. Dem Chaos hat man sich dazu mittlerweile aus freien Stücken verschrieben. Neo-Coach Alexander Zorniger hat es zur zentralen Spielidee ausgerufen.

„So ein Angriffspressing, wie wir es praktizieren, habe ich noch nie gespielt. Man spricht nicht umsonst vom kontrollierten Chaos“, erklärt Harnik.

„Es ist sehr risikoreich“

Der Begriff des „kontrollierten Chaos“ geht auf Helmut Groß zurück. Der Mentor von Ralf Rangnick ließ bereits vor über 30 Jahren jenen Fußball spielen, den nun Trainer wie Zorniger oder auch Roger Schmidt predigen.  

„Es geht darum, noch effektiver als Schwarm für Überzahlsituationen auf dem Feld zu sorgen. Nicht nur durch noch schnelleres Rennen der Spieler, sondern auch Antizipieren und Schläue“, meint Groß in einem Interview mit der „FAZ“.

Genau dieses Prinzip des extremen Angriffspressings, das auch als Philosophie der Red-Bull-Vereine gilt, setzt Ex-Leipzig-Coach Zorniger jetzt bei Stuttgart um. Mit jenem Forechecking, das Harnik vom ÖFB-Team kennt, sei das nicht zu vergleichen.

„Natürlich versuchen wir auch bei der Nationalmannschaft den Gegner unter Druck zu setzen. Aber das ist eine ganz andere Stufe, ein ganz anderes Tempo. Es ist sehr risikoreich“, so der VfB-Profi.

„Das sieht natürlich doof aus, aber…“

In der Vorbereitung hat diese riskante Spielweise teilweise schon sehr gut funktioniert. Unter anderem wurde Manchester City mit 4:2 besiegt. Vor dem Saisonstart herrschte Euphorie. Mittlerweile ist jedoch Ernüchterung eingekehrt.

„Jetzt haben wir drei Spiele verloren. Das sieht natürlich doof aus, aber die Ergebnisse entsprechen nicht dem Spielgeschehen. Wir hätten zumindest sechs Punkte machen müssen“, meint der 28-Jährige.

Symptomatisch die Statistik aus dem letzten Spiel: Stuttgart kam auf 15 Torschüsse, Frankfurt auf sechs. Das Spiel endete aber 1:4. Harnik sieht seinen Verein, bei dem mit Florian Klein noch ein zweiter ÖFB-Legionär unter Vertrag steht, dennoch auf einem guten Weg. Man könne auf den bisher gezeigten Leistungen aufbauen.

Die Niederlagen begründet der 51-fache Internationale wiefolgt: „Das neue Konzept funktioniert in Unterzahl oder bei Rückständen natürlich noch nicht so, wie wir uns das vorstellen. Damit müssen wir noch lernen, umzugehen. Es war von Beginn an klar, dass nicht alles auf Anhieb funktioniert. Deswegen machen wir uns jetzt nicht die allergrößten Sorgen, sondern halten an unserem Weg fest.“

Spielidee liegt Harnik

Der geborene Hamburger kommt im neuen 4-4-2-System der Stuttgarter nicht mehr rechts, sondern als zweite Spitze zum Einsatz. Das sei von Anfang so geplant gewesen und für den gelernten Angreifer auch überhaupt kein Problem.

„Ich denke, dass mir diese Spielidee entgegenkommt“, meint Harnik, der nach fünf Jahren in der Mercedes-Stadt zu den absoluten Führungsspielern gehört. Die vergebene Riesen-Chance im Duell gegen Frankfurt tat deswegen umso mehr weh.  

Zuletzt tauchten immer wieder Gerüchte über einen möglichen Abgang des Routiniers auf. Hannover, Köln, Schalke und Hamburg sollen sich schon vor Monaten nach ihm erkundigt haben.

Termin mit Dutt

Fakt ist, dass sein Vertrag mit Ende dieser Saison ausläuft. Eine mögliche Verlängerung wird auch vom sportlichen Erfolg der nächsten Monate abhängen. Grundsätzlich zeigt sich Harnik aber nicht abgeneigt:

„Ich habe mit Robin Dutt (Sportdirektor, Anmerkung) eine Vereinbarung, dass wir uns Ende September oder Anfang Oktober zusammensetzen. Wenn beide Seiten ihre Vorstellungen vorgetragen haben, steht einer Verlängerung nichts im Weg. Aber das Ganze ist noch weit weg.“

In den nächsten Tagen ist der Fokus schließlich zur Gänze auf das Nationalteam gerichtet. Für den elffachen Teamtorschützen eine willkommene Abwechslung: „Es ist immer ein guter Kontrast. Egal ob es beim Verein gut oder schlecht läuft. Da kann man auch ein bisschen Kraft tanken. Wir haben sehr viel Spaß.“

Gedanke an die EURO stellt Harnik die Haare auf

Davon, dass Österreich mit Schützenhilfe der Schweden am Samstag die Qualifikation für die Europameisterschaft fixieren kann, will er erst am Montag erfahren haben. Der Stuttgarter giert darauf, das Ticket nach Frankreich endlich zu fixieren: „Alleine der Gedanke an die EURO stellt einem die Haare auf.“

Davor gilt die ganze Konzentration aber Quali-Gegner Moldawien. „Das Kanonenfutter gibt es nicht mehr. Im Hinspiel haben sie uns an den Rand eines Unentschiedens gebracht. Man muss sich vorbereiten. Es braucht einen vernünftigen Plan. Wir müssen passsicher auftreten, konzentriert sein und dürfen nicht zu offen stehen“, weiß Harnik.

Der VfB-Legionär hat scheinbar die richtigen Schlüsse aus seinen ersten Saisonspielen mit den Schwaben gezogen.

 

Jakob Faber

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