"Nummer 1? Man darf nicht gleich wieder loslassen"

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Wenn Österreichs Fußballer in Deutschland gastieren, wäre es keine Überraschung, wenn der rot-weiß-rote Torhüter zu den Hauptdarstellern gehört.

Dieser heißt beim Duell auf Schalke Christian Gratzei, um dessen Rolle als Nummer eins es nicht zuletzt wegen der Verletzung von Jürgen Macho aktuell keine Diskussionen gibt.

Im LAOLA1-Interview spricht der Sturm-Keeper vor der schwierigen Aufgabe gegen die DFB-Elf über  die Ausnahmestellung seines Gegenübers Manuel Neuer, die Option Ausland und die Lust auf weitere Titel mit den Grazern.

LAOLA1: Deutschland zählt zu den allergrößten Fußball-Nationen. Ein Highlight, für das man als Fußballer lebt?

Christian Gratzei: Es ist auf alle Fälle ein Spiel, das man sich als Fußballer immer wünscht – in Deutschland, auf Schalke vor ausverkauftem Haus. So ein Spiel kann man nur genießen.

LAOLA1: Österreich ist krasser Außenseiter. Worauf wird es ankommen, um zu bestehen?

Gratzei: Die Marschroute haben wir zu Hause schon gezeigt: Dass wir selbst frech nach vorne spielen, uns nicht einschüchtern lassen, hinten grundsolide spielen, so wenig Fehler wie möglich machen. So sollten wir auch auswärts auftreten.

LAOLA1: Das Vorhaben, frech zu spielen, war in den letzten Tagen oft zu hören. Sind genug freche Typen im ÖFB-Team?

Gratzei: Natürlich haben wir solche Typen in der Mannschaft, es ist aber immer wichtig, wie man das dann beim Spiel umsetzt. Wir haben schon gezeigt, dass wir durchaus die Qualität haben, frech nach vorne zu spielen. Es hilft ja eh nichts, oder? Wir wollen irgendwie zu einem Erfolg kommen und das geht meistens nur über Frechheit.

LAOLA1: Fränky Schiemer meinte, dass es sicher irgendwann passieren wird, dass Österreich die Deutschen wieder einmal knackt…

Gratzei: Irgendwann hilft mir nichts. Ich würde gerne irgendwann gegen die Deutschen einen Sieg erzielen – ob das diesmal ist, wird sich erst zeigen. Aber irgendwann in den nächsten 1000 Jahren wird es sicher der Fall sein… (lacht)

LAOLA1: Tormanntrainer Franz Wohlfahrt betonte, dass es ohne Ausnahmeleistung des Keepers nicht gehen wird. Auf dich wird viel Arbeit zukommen, oder?

Gratzei: Beim Heimspiel haben wir uns ja auch gedacht, dass es ohne eine Ausnahmeleistung des Torhüters nicht funktionieren kann, und dort sind wir fast eines Besseren belehrt worden, weil wir hinten sehr gut gestanden sind, nur wenig Chancen zugelassen haben. Bei den Gegentoren war Pech dabei. Ich denke ohnehin, dass es sich gar nicht an einer Person festmachen lässt. Jeder in der Defensive wird alles geben, so wenig wie möglich zuzulassen. Sollten wir etwas zulassen, ist es meine Aufgabe, dass ich das abwehre.

Der überwältigende Moment, als Sturms Meistertitel feststand

LAOLA1: Ist es so gesehen auch eine mentale Sache? Man gewinnt an Sicherheit, wenn man merkt, dass auf internationalem Niveau auch nur mit Wasser gekocht wird…

Gratzei: Natürlich hat es zum großen Teil mit dem mentalen Bereich zu tun. Wie sollst du dich jemals auf internationalem Niveau vergleichen, wenn du es nicht erreichst? Wenn du mit dem Verein dieses Ziel erreichst, kommt der nächste Schritt automatisch – das war das Nationalteam. Dann spielst du ein Länderspiel wie zum Beispiel jenes gegen Spanien. Da sind ja größtenteils die Mängel aufgezeigt worden. Von dem muss man versuchen zu lernen und daran zu arbeiten, es besser zu machen.

LAOLA1: Du hast immer gesagt, dass das Ausland ein Thema für dich ist. Du hast jedoch auch die Option, als Ikone bei deinem Lebensverein quasi in Pension zu gehen. Welche Variante schwebt dir vor?

Gratzei: Das Ausland ist immer schön und gut, aber man muss sehen, was man in Graz hat. Ich kann nicht ins Ausland gehen und meine Familie kann dort nicht leben. Wenn es für die ganze Familie passt, ist es schon eine Option. Aber ich habe jetzt einmal bis 2015 Vertrag bei Sturm, uns gefällt es in Graz sehr gut. Das ist eine Basis, wo ich beruhigt arbeiten und versuchen kann, die Ziele, die ich mir gesetzt habe, zu erreichen.

LAOLA1: Im Sommer gab es Gerüchte über einen Wechsel zu Schalke. Das hat dir aber nur ein Schmunzeln gekostet. Warum?

Gratzei: Mario Kienzl hat mir eine SMS geschickt, dass in der BILD-Zeitung steht, Schalke sei interessiert. Da musste ich schmunzeln. Zu meinem Berater hat es losen Kontakt gegeben, aber es ist nie etwas Ernstes daraus geworden. Das wurde wie vieles medial aufgebauscht, aber das gehört zum Geschäft dazu. Fakt ist: Ich habe immer gesagt, es ist nichts dran, aber das wollte keiner hören… (lacht)

LAOLA1: Wie es der Zufall so will, wärst du auf Schalke der Nachfolger deines Gegenübers im deutschen Tor geworden. Ist Manuel Neuer aktuell einer der weltbesten Tormänner?

Gratzei: Er ist momentan mit Sicherheit einer der besten Goalies, wenn nicht der beste. Ihn zeichnet sein Spielverständnis aus,  auch seine Reflexe und seine körperlichen Voraussetzungen – das sind alles Sachen, wo er für einen Tormann ziemlich hohe Maßstäbe setzt. Er ist groß und trotzdem beweglich, geschmeidig und schnell. Für ihn war natürlich gut, dass er als Schalker Junge selbst bei Schalke gespielt und bei den Fans dadurch einen enormen Status gehabt hat. Wenn er einen Fehler gemacht hat, ist das nicht ins Gewicht gefallen. Jetzt ist es für ihn natürlich keine leichte Situation, die Bayern haben andere Ansprüche. Da wird der zweite oder dritte Fehler wahrscheinlich nicht so verziehen. Damit wird er umgehen müssen. Aber ich bin überzeugt, dass er das schaffen wird, und er sich über längere Zeit an der Spitze der besten Tormänner etabliert.

LAOLA1: Wie glaubst du, wird er am Freitag empfangen werden? Die Situation ist ja damit vergleichbar, als ob du vor einem Länderspiel in Graz von Sturm zu Red Bull Salzburg gewechselt wärst…

Gratzei: Es wird interessant werden. Wobei ich schon glaube, dass die Deutschen vom Patriotismus her zu ihm halten und das Ganze sehr neutral ablaufen wird. Natürlich spaltet so eine Entscheidung immer die Fans, aber größtenteils werden sie seine Entscheidung verstehen und ihn auch dementsprechend unterstützen.

LAOLA1: In Deutschland fällt auf, dass mit Zieler, Trapp, Leno, ter Stegen und anderen eine Menge sehr junger Torhüter von sich reden macht. Dabei hieß es immer, wie wichtig Erfahrung bei Goalies sei. Hast du eine Erklärung für diesen Trend?

Gratzei: In Deutschland war lange eine gewisse Periode von den gleichen Torhütern um Kahn und Lehmann besetzt. Für die ist eben irgendwann einmal der Zeitpunkt gekommen, aufzuhören. Als Verein ist man dann wahrscheinlich hergegangen und hat sich gedacht: Probieren wird es mit einem Jungen, den man langfristig aufbauen kann. Wie man sieht: Wenn man auf einen Jungen setzt, bringt das auch etwas, die zahlen das zurück.  Man muss auch sagen, dass für ihr Alter wirklich sehr gute Tormänner unterwegs sind, Hut ab.

LAOLA1: Hast du das Gefühl, dass du gerade am Weg bist, dich als Nummer eins im Nationalteam zu etablieren?

Gratzei: Ich will einfach im Training mein Bestes geben und zeigen, dass sich der Teamchef auf mich verlassen kann. Wenn ich meine Leistung abrufe, und das ist mir bisher großteils gelungen, macht es wenig Sinn, dass man die Position tauscht. Aber das entscheiden ohnehin andere und nicht ich.

LAOLA1: Aber es muss doch angenehm sein, dass es zurzeit vor den Spielen keine Diskussion darüber gibt, wer im Tor steht, oder?

Gratzei: Natürlich ist es schöner, wenn es keine Diskussionen gibt und man sich in Ruhe darauf vorbereiten kann. Aber ich habe sowohl im Verein als auch im Nationalteam alle Situationen, die man als Tormann haben kann, durchgemacht. Insofern gehe ich wirklich so an die Sache heran, dass ich sage: Ich schaue nur auf mich selbst und meine Leistung. Wenn die passt, bin ich mit mir zufrieden. Entscheiden tun, wie gesagt, andere.

LAOLA1: Du, Macho, Payer – inwiefern verfügt Österreich über mehrere gute Torhüter auf dem relativ selben Niveau?

Gratzei: Es ist ja schön für ein Land ein Land wie Österreich, wenn man viele gute Tormänner und einen gleichwertigen Ersatz parat hat, wenn einer ausfällt. Natürlich wollen alle spielen, aber wenn jeder für sich das Beste gibt, kann er mit sich selbst zufrieden sein.

LAOLA1: Momentan bist du der Gejagte. War der Job des Einser-Goalies im Nationalteam eine Art Lebenstraum von dir?

Gratzei: Natürlich. Seit ich Fußballer wurde, wollte ich immer für mein Land spielen und die Nummer eins in Österreich sein. Wenn man dieses Ziel erreicht, ist man natürlich stolz, aber man darf nicht gleich wieder loslassen, sondern muss schauen, dass man besser wird, damit man sich festsetzt und die Position solange wie möglich halten kann.

LAOLA1: Du hast in den letzten Jahren eine große Konstanz entwickelt. Kommt diese Selbstsicherheit mit der Erfahrung?

Gratzei: Jeder ist verschieden und holt sich auf unterschiedliche Weise seine Stärken. Bei mir war das Erreichen der Europa-League-Gruppenphase 2009 quasi ein Startschuss. Damals habe ich gemerkt: Das ist ein gutes Niveau, aber ich kann mithalten. Es zeigt zwar auf, wo man sich verbessern muss, aber wenn man diese Dinge verbessert, kriegt man ein besseres Grundkonzept, ein besseres Gesamtpackage.

LAOLA1: Kommen wir noch kurz zu Sturm. Wie lebt es sich als Meister?

Gratzei: Es gibt dir natürlich wieder einen Schub an Selbstvertrauen, wenn man solch ein Ziel erreicht hat. Es ist für Sturm ja nicht glasklar gewesen, muss man ehrlich sagen. Die Art und Weise, wie wir das in den letzten Spielen rübergebracht haben, hat jedoch schon hohe Qualität gehabt. Die Mannschaft ist sehr unter Druck gestanden, aber im Nachhinein muss man sagen, dass man das in dieser Situation gar nicht so mitgekriegt hat. Erst in den Wochen und Monaten danach spürt man, wie wertvoll der Titel für einen selber und für die Mannschaft ist.  Das macht natürlich Lust auf mehr.

LAOLA1: Nach dem Schlusspfiff beim meisterschaftsentscheidenden Spiel gegen Wacker bist zu minutenlang zu Boden gesunden. Wie erinnerst du dich an diesen Moment?

Gratzei: In solchen Momenten fällt der ganze Druck weg, vielleicht auch der Ärger, den man über die Jahre gehabt hat. Der ganze Aufwand, die harte Arbeit in all den Jahren, um sich das Ziel, einmal österreichischer Meister zu werden, zu erfüllen, sind mir durch den Kopf geschossen. Das war wirklich ein sehr, sehr überwältigender Moment.

LAOLA1: Du hast gemeint, der Titel habe Lust auf mehr gemacht…

Gratzei: Wir haben in den letzten Jahren immer etwas erreicht, was uns keiner zugetraut hat. Von mir aus könnte wieder ein Titel kommen. Es ist schwer genug, aber ich sage: Wenn man es einmal geschafft hat, warum sollte man es nicht ein zweites Mal schaffen?

Das Gespräch führte Peter Altmann

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