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"Auf meiner Position ist Strategie das A und O"

Der harte Weg zur Stammkraft.

Julian Baumgartlinger hat im Sommer seine „Jobgarantie“ im defensiven Mittelfeld der Wiener Austria gegen den großen Konkurrenzkampf beim deutschen Bundesligisten Mainz 05 eingetauscht.

Bislang brachte es der 23-Jährige auf jeweils 120 Minuten im DFB-Pokal und der verpassten Europa-League-Qualifikation sowie zu zwei Kurzeinsätzen im Ligabetrieb.

ÖFB-Co-Trainer Manfred Zsak verkündete bei der Kaderbekanntgabe für die EM-Qualifikationsspiele gegen Deutschland und die Türkei bereits seine Sorge über die bisherige Entwicklung.

Eine Sorge, die der gebürtige Salzburger im LAOLA1-Interview keineswegs teilt. Im Gegenteil, vielmehr schwärmt er von den bisherigen Lerneffekten in Mainz und der Herangehensweise von Trainer Thomas Tuchel.

LAOLA1: Wie siehst du nach den ersten paar Wochen in Mainz deine Position innerhalb der Mannschaft?

Julian Baumgartlinger: Auf jeden Fall gut. Ich habe mich von Anfang an wohl gefühlt und gut eingelebt. Ich habe auch meine Einsätze bekommen. Ich hoffe, dass in Zukunft mehr von Anfang an dazukommen und bin optimistisch, dass das auch passieren wird.

LAOLA1: Bei der Kaderbekanntgabe für das Deutschland-Spiel hat Co-Trainer Manfred Zsak ein wenig besorgt über dein Standing in Mainz gewirkt. Siehst du auch Grund zur Sorge?

Baumgartlinger: Nein, zur Sorge sehe ich keinen Grund. Ich war mir natürlich von Anfang an bewusst, dass ich mit diesem Transfer in eine Mannschaft komme, die in der deutschen Bundesliga erfolgreich war und einen sehr guten Kader hat, die auch auf meiner Position sehr gut besetzt ist. Da kann man nicht von Haus aus davon ausgehen, dass es wie bei der Austria fließend weitergeht und man, egal was ist, Stammspieler ist. Ich wusste, dass ich ein Risiko eingehe, aber ich hätte es nicht gemacht, wenn ich mir nicht zutrauen würde, dass ich Stammspieler werden kann. Deswegen warten wir einmal die nächsten Spiele ab, ich denke, dass sich auf jeden Fall etwas ändern wird. Ich sehe es eigentlich relativ gelassen.

LAOLA1: Mainz-Trainer Thomas Tuchel ist bekannt dafür, dass er viel rotiert. Welche Perspektiven zeigt er dir auf?

Baumgartlinger: Er ist ein sehr kommunikativer Trainer. Er versucht mit jedem Spieler viel zu reden, ihm Feedback zu geben und auch im Training immer wieder kurze Einzelgespräche zu führen. Das ist natürlich speziell für einen neuen Spieler wie mich, der dazukommt und ein paar Sachen erst kennenlernen muss, sehr wichtig. Er gibt mir ein sehr gutes Gefühl, und ich glaube, ich kann noch sehr viel von ihm lernen. Allein deswegen hat sich der Wechsel schon ausgezahlt.

LAOLA1: Was kann man von ihm lernen? Welche Methoden wendet er an? Er gilt ja als jemand, der sehr viel tüftelt…

Baumgartlinger: Es würde jetzt ausufern, wenn ich alles aufzählen würde. Er ist einfach sehr systematisch, macht viele Videoanalysen, agiert aber auch im Training in taktischer und spielerischer Hinsicht sehr systematisch. Es hat alles Hand und Fuß, was er angreift. Das ist sehr positiv und daher kann man auch sehr viel lernen.

LAOLA1: Du bist eher ein analytisch denkender Spieler, dem diese Methoden gefallen, oder?

Baumgartlinger: Richtig. Ich weiß, wie wichtig das auf meiner Position ist. Im defensiven Mittelfeld ist es einfach das A und O, dass man eine gewisse Strategie im Spiel hat und sich taktisch gut verhält. Für die Weiterentwicklung ist es natürlich sehr positiv, wenn man jeden Tag und jede Woche vor Augen geführt bekommt, was gut war und was man besser machen kann.

LAOLA1: Apropos besser machen: Die letzte Saison von Mainz war sehr gut. Könnt ihr es in dieser Saison überhaupt noch besser machen?

Baumgartlinger: Solange man nicht Meister wird, ist theoretisch immer eine bessere Saison drinnen. Die letzte ist auf alle Fälle eine tolle Saison gewesen, jetzt versuchen wir das annähernd so zu wiederholen. Wir haben die ersten beiden Spiele super gespielt und gewonnen. Gegen Schalke haben wir trotz 2:0-Führung leider noch verloren, zuletzt gegen Hannover einen Punkt geholt. Ich hoffe, dass wir in dieser Schlagzahl weitermachen können, dann werden wir sicher wieder für positive Schlagzeilen sorgen können.

LAOLA1: Im DFB-Kader stehen viele junge Talente. Was ist in Deutschland in den letzten Jahren in punkto Nachwuchsarbeit passiert?

Baumgartlinger: In den letzten fünf bis zehn Jahren ist ein Umbruch passiert. Die Deutschen haben damit angefangen, viele junge Spieler einzubauen und ihnen das Vertrauen zu schenken. Die Dimension ist viel größer als in Österreich, das darf man natürlich nicht vergessen. Die Möglichkeiten sind fast unerschöpflich in Deutschland. Daher ernten sie momentan die Früchte dieser Arbeit.

LAOLA1: Heißt das nicht auch für junge Österreicher, noch früher und noch mehr ins Ausland zu drängen?

Baumgartlinger: Es gibt nicht unbedingt einen goldenen Weg, oder den einen richtigen Schritt in der Karriere eines jungen Spielers. Die Ausbildung in Österreich ist sehr gut und hat sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt. Man sieht ja, wie viele junge Spieler schon in der Jugendabteilung von ausländischen Scouts gesichtet und dann auch geholt werden. Das heißt aber nicht, dass man unbedingt immer ins Ausland gehen muss. Das ist natürlich eine gute Erfahrung, man kann sich auch weiterentwickeln. Aber es gibt mehrere Wege.

LAOLA1: Mit welchem Rezept kann Österreich am Freitag in Gelsenkirchen bestehen?

Baumgartlinger: Es wird wichtig sein, dass wir sehr kompakt und wirklich gut stehen, den Deutschen keine Sekunde Zeit lassen. Das wird entscheidend sein, denn wenn man die Deutschen ins Spiel kommen lässt und sie Räume vorfinden, nutzen sie diese gnadenlos aus – das hat man gegen Brasilien gesehen. Wir müssen genauso wie in Wien auftreten. Da haben wir es teilweise geschafft, dass wir schon vor der Ballannahme beim Gegner waren und ihnen Druck gegeben haben.

Das Gespräch führte Peter Altmann

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