Willi Ruttensteiner: Der "Anti-Constantini"

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Willi Ruttensteiner ist ein höflicher Mensch.

Also versuchte er im Rahmen seiner Kaderbekanntgabe alles, um nur nicht den Eindruck zu erwecken, als würde er die Arbeit des glücklosen Vorgängers Didi Constantini über den Haufen werfen.

„Mir liegt es am Herzen zu sagen, dass ich meine Arbeit darauf aufbauen kann, was Constantini aufgebaut hat. Auf dieser Basis kann ich meine Überlegungen einfließen lassen“, übte sich der Interims-Teamchef im Diplomaten-Sprech und fügte auch noch ein artiges Danke hinzu.

Besagte Überlegungen mögen im Detail liegen, sind jedoch interessanter, einschneidender und wichtiger, als sie Ruttensteiner selbst nach außen verkaufen möchte.

Während es am Personalsektor großteils wenig Grund für Änderungen gab, trat der Oberösterreicher im Prinzip vom ersten Tag seiner zeitlich begrenzten Teamchef-Rolle als eine Art „Anti-Constantini“ auf und verkörperte diese in punkto inhaltlicher Kommunikation auch während seines knapp 35-minütigen Pressekonferenz-Auftritts.

LAOLA1 nennt einige Beispiele für die geänderte Herangehensweise unter Ruttensteiner:

DAS BEISPIEL IVANSCHITZ/STRANZL:

Die Rückkehr des von Constantini demonstrativ abservierten Ex-Kapitäns ist natürlich die öffentlichkeitswirksamste Maßnahme. „Es bringt nichts, zu sagen: Er hat Ivanschitz nicht dazugeholt. Wir sind beide Trainer und haben hier eine unterschiedliche Meinung“, will Ruttensteiner seine Entscheidung nicht überbewerten. Während Constantini immer neue Begründungen aus dem Hut zauberte, den Mainz-Legionär nicht zu nominieren, zählt der Burgenländer für den Interims-Teamchef zu den 23 besten Spielern Österreichs“. Der 48-Jährige eröffnete dem noch zu bestellenden neuen Teamchef zudem die Option, Martin Stranzl ins Nationalteam zurückzuholen, indem er die offenen Probleme mit dem Gladbach-Legionär ausräumte. Warum Ivanschitz sofort sein Comeback feiert und Stranzl, der vor zwei Jahren unwiderruflich zurückgetreten war, vorerst nicht, erklärt Ruttensteiner wie folgt: „Ich habe die Situation mit Ivanschitz wirklich deutlich besprochen, ob es in seinen Überlegungen irgendein Problem mit dem ÖFB gibt. Er hat jedoch mit keinem Wort schlecht über den Trainer gesprochen, das hat mir sehr imponiert. Er hat von der Zukunft gesprochen und klar signalisiert, dass er für die österreichische Nationalmannschaft spielt – das war bei Stranzl nicht so. Wir haben die Probleme ausgeräumt, und er hat für mich in seiner Planung doch ein kleines Hintertürl offen gelassen, vielleicht wieder für Österreich zu spielen.“ Heißt übersetzt wohl: Stranzl signalisiert Bereitschaft zum Rücktritt vom Rücktritt, wenn der nächste Teamchef mit ihm plant.

DAS BEISPIEL KOMMUNIKATION:

Ein Sprichwort besagt: Beim Reden kommen die Leit z’ammen. Die Beispiele Ivanschitz und Stranzl unterstreichen das Bemühen Ruttensteiners, eine vernünftige Gesprächskultur mit den Spielern zu pflegen. „Es ist auch mit anderen Spielern Kontakt aufgenommen worden. Diese Kommunikation sehe ich als extrem wichtig an. Das heißt, vor Ort zu sein, Gespräche zu führen, in denen Spieler auch die Möglichkeit haben, sich vernünftig zu äußern beziehungsweise Probleme gelöst werden können. Ich habe das persönlich gemacht, aber auch in Telefonaten“, erläutert Ruttensteiner, der betont, auch mit den jeweiligen Trainern in Kontakt getreten zu sein. Priorität hatten dabei jene Spieler, die für das aktuelle Länderspiel-Doppel in Frage kommen: „Es ist mir nicht zu 100 Prozent gelungen, mit allen Spielern in Kontakt zu kommen – das wäre allein von der Zeit her auch nicht möglich gewesen. Deswegen haben wir die Aufgaben ÖFB-intern verteilt. Mit György Garics ist zum Beispiel Kontakt aufgenommen worden, in diesem Fall aber nicht von mir persönlich.“ Es ist kein Geheimnis, dass der Austausch zwischen Teamchef und (Führungs-)Spielern in der Ära Constantini abseits der ÖFB-Camps weniger intensiv war. Oftmals sickerte durch, dass der Tiroler den einen oder anderen Legionär zwar vor Ort beobachtet hatte, zu dessen Verwunderung jedoch einem Gespräch ausgewichen war. Verbesserungsbedarf ortet Ruttensteiner jedoch auch bei der Kommunikation der Spieler untereinander: „Die versuche ich zu verbessern, da habe ich auch Ideen. Vielleicht schaffen wir es, etwas zu organisieren, damit die Spieler nach den Mahlzeiten nicht unbedingt sofort auf das Zimmer gehen. Da möchte ich aber zuerst unsere Hausaufgaben machen, bevor ich darüber spreche.“

DAS BEISPIEL ROGER SPRY:

Der Conditioning Coach steht sinnbildlich für die unterschiedliche Herangehensweise zwischen Ruttensteiner und Constantini in punkto Betreuung einer Mannschaft. Der Engländer war 2009 das erste Personalopfer des letztlich erfolglosen Teamchefs, dem die ungewöhnlichen Methoden Sprys immer ein Dorn im Auge waren. Ruttensteiner will indes „die Professionalität erhöhen“ und beordert den Fitness-Guru, den er „für einen der Besten in Europa“ hält, von der U21 wieder zum A-Team. Dieses hatte er einst für die EURO 2008 fit gemacht. Der bisherige Konditionstrainer Mike Steverding bleibt an Bord. Ruttensteiners Hintergedanke basiert darauf, dass die Teamspieler am Wochenende davor an unterschiedlichen Tagen (Samstag, Sonntag, einige sogar am Montag) zum Einsatz kommen und daher unterschiedliche Bedürfnisse haben: „Ich meine, dass vor allem in der Regeneration Individualisierung notwendig ist. Die Spieler werden auf Coaches zugeteilt, und hier ist es von Vorteil, mehrere Trainer zu haben. Es kann durchaus sein, dass ich das noch erweitere, um gerade in der ersten Phase des Camps, bis wir technisch-taktisch arbeiten, die Spieler noch besser betreuen zu können.“ Auch die Rückkehr eines von Constantini vehement abgelehnten Mentalbetreuers ist wohl nur eine Frage der Zeit. Für die aktuelle Zusammenkunft hat Ruttensteiner jedoch darauf verzichtet: „Ich habe mit vielen Spielern gesprochen, ob sie wünschen, dass wir im mentalen Bereich jemanden beiziehen. Ich bin ein Verfechter davon und glaube, dass es notwendig ist. Aber in der jetzigen Situation haben sich eigentlich alle Spieler dagegen ausgesprochen, da es zu viel wäre. Das sehe ich auch so: Zu viel zu verändern, wäre jetzt nicht gut.“

DAS BEISPIEL ZUSAMMENARBEIT MIT DER U21:

Ein Dauerthema innerhalb des ÖFB ist, ob der jeweilige Teamchef dem U21-Team Spieler zur Verfügung stellen soll oder nicht. Ruttensteiner hat diesbezüglich eine klare Meinung: „Ich habe als Sportdirektor oft kritisiert, dass der eine oder andere Spieler dem U21-Teamchef vor wichtigen Spielen nicht abgestellt worden ist.“ Als Beispiel fügt er seine Kritik an Karel Brückner an, der 2008 Ronald Gercaliu nicht U21-Coach Manfred Zsak für die entscheidenden EM-Qualifikationsspiele gegen Finnland zur Verfügung gestellt habe. Zsak wiederum war als Constantinis Assistent daran beteiligt, dass der jetzige U21-Coach Andreas Herzog in den letzten zweieinhalb Jahren mehrmals durch die Finger schaute. Die Kommunikation zwischen Constantini und Herzog galt, vorsichtig ausgedrückt, als verbesserungswürdig. Ruttensteiner überlässt Herzog nun für die beiden wichtigen EM-Qualifikationsspiele gegen die Niederlande und Schottland Kapitän Christopher Dibon und Hannover-Legionär Daniel Royer. „Ich möchte vorzeigen, dass es mir wichtiger ist, einen Kapitän der U21 für wichtige Spiele abzustellen, damit er dort die Viererkette führt und Verantwortung übernimmt, als dass er beim A-Team auf der Bank oder der Tribüne sitzt. Beide Spieler sind mit Andreas Herzog abgesprochen“, erklärt Ruttensteiner.

DAS BEISPIEL DETAILVERLIEBTHEIT:

Selbst seine besten Freunde adelten Constantini nicht als Arbeitstier, das 24 Stunden am Tag an Fußball denkt. Dementsprechend chaotisch wirkte die Vorbereitung auf Länderspiele bisweilen, eine gewisse Detailverliebtheit konnte man dem 56-Jährigen nicht zu Gute halten. Ruttensteiner will es besser machen. „Wir müssen versuchen, in allen Bereichen, sei es die Regeneration, die Kondition, die Technik oder die Taktik, optimalst zu arbeiten“, lautet die Devise des Oberösterreichers, der so wenig wie möglich dem Zufall oder dem Faktor Glück überlassen möchte. Deswegen wird zum Beispiel überlegt, wie man die Spieler bestmöglich darauf vorbereiten kann, dass sowohl in Baku als auch in Astana auf Kunstrasen gespielt wird. „Das ist für mich die wichtigste Frage“, betont der 48-Jährige, denn: „Ich war selbst bereits in Kasachstan und habe gesehen, dass die Mannschaften dort vor allem in den ersten 20 bis 30 Minuten immer wieder Probleme haben, sich auf die Bedingungen einzustellen. Das wird auch für uns schwierig.“ Sein Gegenmittel: „Am besten bereitet man sich durchs Spielen auf Kunstrasen vor. Deswegen habe ich vor, wahrscheinlich am Dienstag mit Gratkorn gegen eine Mannschaft zu spielen, die es gewohnt ist, auf Kunstrasen zu agieren.“

„Das kann man so oder so interpretieren“

Dass Ruttensteiner, der als Theoretiker gilt, sich selbst jedoch „auch als Praktiker“ sieht, inhaltlich anders als Constantini agieren würde, war zu erwarten. Wie viel er in zwei interimistisch verantworteten Spielen bewegen kann, sei dahingestellt.

Der hauptberufliche Sportdirektor selbst sieht seine Rolle so: „Für mich ist es eine ganz sensible Aufgabe. Meine Überlegung ist, den Boden für den neuen Teamchef aufzubereiten und nicht irgendwo etwas zu zerstören.“

Maßnahmen, die Ruttensteiner jetzt setzt, können in der Folge von seinem Erben übernommen werden. So gesehen führt es doch zu einer Art Bruch mit der Ära Constantini, indem der Oberösterreicher, wie eingangs erwähnt, seine „Überlegungen einfließen“ lässt.

Ruttensteiner auf Nachfrage zum Thema Umbruch? „Ich habe bewusst gesagt, ich möchte meine Überlegungen einfließen lassen und für mich Optimierungsschritte setzen. Das kann man jetzt so oder so interpretieren…“

Peter Altmann

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