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Song Contest, Sarkozy und melodische Hupkonzerte

„Herr Ruttensteiner, haben Sie Angst, dass dies Ihr letztes Spiel als Teamchef ist, wenn Österreich gegen Aserbaidschan verliert?“

Umfassend informiert über die jüngsten Ereignisse bezüglich der Personalie des ÖFB-Teamchefs zeigte sich die versammelte Medienlandschaft der Aseris bei der Abschluss-Pressekonferenz in Baku nicht gerade.

Gut, es war auch nur ein Journalist des Gastgeberlandes anwesend. Willi Ruttensteiner und Paul Scharner waren sich trotzdem nicht zu schade, extra für ihn den Medientermin durchgehend auf Englisch zu absolvieren.

Ein Bonmot, das die enden wollende Euphorie im „Land des Feuers“ für dieses EM-Qualifikationsspiel unterstreicht. Zwei Millionen Menschen sind in Baku beheimatet, rund 5000 von ihnen werden am Freitagabend um 21 Uhr Ortszeit in der Dalgha Arena erwartet.

Diese ist dafür ein erst im Juni dieses Jahres eröffnetes Schmuckkästchen, das mit einem Fassungsvermögen von 6500 Zuschauern frappant an das Rieder Stadion erinnert.

Erst Sarkozy, dann Fischer

Ganz objektiv gesehen sind die ÖFB-Kicker auch nicht die bekanntesten Persönlichkeiten, die sich am Matchtag in der Hauptstadt Aserbaidschans einfinden. Frankreichs Staatsoberhaupt Nicolas Sarkozy wird am Nachmittag ebenso erwartet wie ein durch die umfassenden Straßensperren resultierendes Verkehrschaos.

Am kommenden Dienstag trifft übrigens Bundespräsident Heinz Fischer zu einem offiziellen Staatsbesuch in Baku ein. Hoffentlich kann er sich von seinem demokratiepolitisch international nicht gänzlich unumstrittenen Präsidenten-Kollegen Ilham Alijev zu einem Sieg gratulieren lassen.

Der Schreiber dieser Zeilen hatte damals schon die Ehre, die Reise nach Vorderasien mitzumachen. So wenig Eindruck die Auftritte der beiden rot-weiß-roten Auswahlen hinterließen (wie das U21-Team spielte auch die A-Auswahl nur 0:0), so sehr blieb die Metropole am Kaspischen Meer in Erinnerung.

Und zwar positiv wie negativ. Das Zentrum wusste damals wie heute zu überzeugen, so gehört die Altstadt etwa zum Weltkulturerbe der UNESCO. Der im 11. Jahrhundert erbaute Jungfrauen-Turm bietet einen unglaublichen Panoramablick über die Stadt, die Innenstadt könnte man vom Angebot an Shopping-Möglichkeiten genauso überall in Westeuropa finden. Für selten erlebte Sauberkeit sorgen Heerscharen an Putzkolonnen.

Verkehr hat an rüdem Charme eingebüßt

Als eher trist blieben indes die übrigen Stadtteile in Erinnerung. Sechs Jahre später kann man plump feststellen: Es ist echt etwas weitergegangen. Gerade die Peripherie präsentiert sich ungleich moderner und freundlicher.

In Baku herrscht ohnehin rege Bautätigkeit, über eine schlechte Auftragslage dürfen sich Architekten wohl nicht beklagen. Star-Architektin Zara Hadid steuert etwa ein Kulturzentrum zu Ehren von „Papa“ Haidar Alijev, der vor seinem Sohn das Präsidenten-Amt innehatte, bei.

Bezüglich Straßenverkehr hat Baku indes leider ein wenig seines rüden Charmes eingebüßt. Vorgegebene Straßenspuren werden bisweilen zwar weiterhin nur als Empfehlung wahrgenommen (Was geht über den gekonnten Einsatz einer Hupe, um zu signalisieren, dass einem egal ist, wenn jemand anders Vorrang hat?), eine Taxifahrt bietet inzwischen jedoch nicht mehr den Nervenkitzel einer Achterbahnfahrt. Wenigstens bleibt der melodische Klang eines Hupkonzerts.

Von Massentourismus kann man in Baku beileibe nicht sprechen. Abraten kann man von einem Trip jedoch nicht unbedingt. Dies tut auch Aserbaidschans Teamchef Berti Vogts nicht. Im Gegenteil. In einem Interview mit der „Welt“ preist er seine Wahlheimat an:

„Die Hauptstadt Baku ist eine total interessante Stadt. Ich sage nicht umsonst immer wieder zu Freunden oder Bekannten, dass sie mal nach Baku und vielleicht nicht unbedingt nach Florenz, Barcelona oder wohin auch immer fliegen sollen. Es lohnt sich einfach. Die Stadt ist wunderschön, sie liegt am Meer, es gibt viele junge Menschen hier.“

Song-Contest-Hype

Größere Berühmtheit als durch seine Hauptstadt erreicht das Land aktuell auf anderen Gefilden. Dies ist auch an den ÖFB-Kickern nicht spurlos vorüber gegangen. So weiß etwa Stefan Maierhofer: „Aserbaidschan hat heuer in Düsseldorf den Song Contest gewonnen.“

Mit dem Pop-Liedchen „Running Sacred“ siegte das Duo Ell & Nikki – ein Triumph, den erstens wohl nur wahre Kenner der Materie vorhergesehen haben, und der die Interpreten zweitens zu Nationalhelden avancieren ließ.

Song-Contest-Fanartikel findet man gegenwärtig in Baku definitiv mehr als jene zum Thema Fußball. Um der Titelverteidigung im kommenden Jahr einen würdigen Rahmen zu verleihen, wird gerade die „Baku Crystal Hall“ gebaut. Diese soll Ende März 2012 fertig sein und bei dieser Veranstaltung 23.000 Menschen Platz bieten. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Über adäquate Hallen in Österreich wissen Journalisten in Aserbaidschan tendenziell gleich wenig wie über unsere Teamchefs. Wie sollen sie auch? Aber die Sportstätten-Situation in der Alpenrepublik ist wieder eine ganz andere Baustelle…

Peter Altmann

Wie man sich in Szene setzt, weiß der Regent in zweiter Generation definitiv. Überdimensionale Poster mit seinem Portrait vor der Landesflagge sind in Baku omnipräsent. Wie sehr sich der passionierte Ringer für Fußball interessiert, ist indes nicht überliefert.

Was Alijev sicher nicht weiß: Österreichs Fußballer waren in den letzten Jahren ein gern gesehener Gast. Seit Herbst 2006 (2:1 in Liechtenstein) gelang kein Auswärtssieg mehr, in einem Pflichtspiel jubelte man zuletzt im Frühjahr 2005 (2:0 in Wales).

„Es ist schockierend, dass wir schon über sechs Jahre auf einen Auswärtssieg in einem Bewerbsspiel warten“, lässt Ruttensteiner diese Statistik alles andere als kalt. Er bemüht Galgenhumor: „Nach dem 4:0 in Hartberg diese Woche wurde mir zum dritten ‚Auswärtssieg‘ der letzten Jahre gratuliert – nach Schladming und Kärntens U19.“

Die Mesner vom Vatikan

Der 48-Jährige zeigte sich begeistert davon, mit welch hoher Konzentration seine Schützlinge unter der Woche bei der Sache waren. Motivationsprobleme dürfe es ohnehin nicht geben: „Wie hat schon Leopold Stastny gesagt: ‚Ein Länderspiel ist ein Länderspiel, und wenn es gegen die Mesner vom Vatikan geht.‘“

Ruttensteiner hat übrigens schon Baku-Erfahrung. 2005 kam er mit dem U21-Nationalteam (u.a. mit Christian Fuchs, Florian Klein und Zlatko Junuzovic) nicht über eine Nullnummer hinaus.

„Ein sehr hartes Spiel“, erinnert sich der Oberösterreicher. Es war übrigens sein letzter Auftritt als Teamchefs der Nachwuchs-Auswahl, unmittelbar danach erfolgte nach dem Rauswurf von Hans Krankl seine erste „Ära“ als Interims-Betreuer des A-Teams.

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