Die Lektionen des Lehrers

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Als Fußball-Lehrer, dessen Interessen weit über das Spiel mit dem runden Leder hinaus gehen, reiht sich Tabarez in die Tradition der links-intellektuellen Trainer, die das südamerikanische Spiel in den vergangenen Jahrzehnten prägten, ein. Nicht umsonst hat er Cesar Luis Menotti, Vordenker und Teamchef bei Argentiniens WM-Triumph 1978, mehrfach als Vorbild genannt. Nicht umsonst ziert eine Wand seines Hauses ein Zitat von Che Guevara – „Wir müssen stark werden, ohne je unsere Zärtlichkeit zu verlieren.“ Nicht umsonst heißt seine Tochter wie die letzte Gespielin des größten lateinamerikanischen Revolutionärs – Tania.

Doch Tabarez ist keiner jener „linken“ Trainer, die das schöne, offensive Spiel als unumstößliches Ideal predigen. Der unbedingte Drang nach vorne, wie ihn etwa Zdenek Zeman stets propagiert hat, ist nicht sein Stil. „Wenn sich ein Trainer beliebt machen will, betont er, dass er auf Angriff setze. Man darf aber auch das Wort Defensive nicht dämonisieren. Ist es etwa ein Verbrechen, auch defensiv stark zu sein? Schließlich geht es für einen Coach auch darum, das Potential beim Gegner zu schwächen“, sagt Uruguays Teamchef.

Turbulente Jahre

Es sind Weisheiten, die auch ihm nicht in die Wiege gelegt wurden. Tabarez ist kein Wunderwuzzi, Tabarez ist gescheitert. Nicht nur einmal. 1988 übernahm der Mann, dessen Karriere als aktiver Spieler maximal als mittelmäßig bezeichnet werden kann, zum ersten Mal das Nationalteam seiner Heimat.

Tabarez erkämpfte sich in den Verhandlungen mit dem Verband nicht nur die Hoheit über das A-Team, sondern auch über die Nachwuchs-Teams. Die Ausbildung der Talente wurde nach argentinischem Vorbild gestaltet. Die Arbeit trug rasch Früchte – Edinson Cavani, Martin Caceres, Jose Gimenez, Sebastian Coates, Gaston Ramirez und Abel Hernandez sind die prominestesten Namen der jungen Garde, die unter Tabarez ihr Nationalteam-Debüt feierten.

Sturkopf und Vaterfigur

Dabei gilt der 67-Jährige, der angibt in seiner Kindheit auch den österreichischen Fußball, insbesondere Austria und Rapid verfolgt zu haben, mit seiner Einberufungspolitik bisweilen als eigenwilliger Sturkopf. Auch wenn die Öffentlichkeit groß aufspielende Kicker – vor allem aus der heimischen Liga – vehement ins Team fordert, setzt der Coach gerne auf bewährte Kräfte. Formschwankungen scheinen ihm egal zu sein, fallen gelassen werden Spieler nur im äußersten Notfall.

Seine Schützlinge zahlen es ihm mit großem Vertrauen zurück. Schlechte Worte über den Trainer hört man keine, der Ruf als Vaterfigur, der selbst etablierte Stars wie Luis Suarez und Cavani allergrößten Respekt entgegen bringen, kommt nicht von ungefähr.

Hinzu kommt freilich auch noch das taktische Können jenes Mannes, der 2010 und 2011 zu Südamerikas Trainer des Jahres gewählt wurde. Die flexible Spielweise seiner Mannschaft lässt etwaige Ausfälle von Leistungsträgern als halb so schlimm erscheinen.

Und die Nationalmannschaft war genau das, was er nach seinen erfolglosen Jahren gesucht hat. Wie er selbst hatte „La Celeste“ turbulente Zeiten, in denen zu oft Trübsal geblasen wurde, hinter sich. Das Team war weit entfernt vom Ende eines erfolgreichen Zyklus, vielmehr war das Gegenteil der Fall.

Tabarez hat die Mannschaft stabilisiert und schafft es durch seine ruhige, zurückhaltende Art auch die Erwartungshaltung in überschaubaren Grenzen zu halten. So gut es angesichts dieser Vergangenheit zumindest geht. In diesem Zusammenhang sind sich Montevideo und Wien nämlich viel näher als die 11.693 Kilometer Luftlinie, die sie voneinander entfernt.

Tabarez drückt es so aus: „Auch wir hatten harte Zeiten. Ich wünsche dem österreichischen Fußball, dass es wieder aufwärts geht.“

Harald Prantl

Zwar führte er „La Celeste“ zur WM 1990 und in Italien – mit Müh‘ und Not – auch ins Achtelfinale, berühmt wurde diese Truppe aber nicht. Es folgten ebenfalls nicht übermäßig erfolgreiche Engagements bei den Boca Juniors und bei Penarol Montevideo.

Als schließlich Europa rief, entschied sich Tabarez für Italien. Nach einer Saison bei Cagliari Calcio, das Neunter der Serie A wurde, heuerte der Coach beim AC Milan an. 137 Tage später war er den Job auch schon wieder los. Nicht, ohne sich von Klub-Eigentümer Silvio Berlusconi, dem die politische Gesinnung des Südamerikaners von Anfang an suspekt gewesen war, öffentlich verspotten lassen zu müssen.

Real Oviedo in Spanien, abermals Cagliari, Velez Sarsfield in Argentinien und nochmal die Boca Juniors – so liest sich der weitere Lebenslauf des Coaches. Zwischen Sommer 2002 und dem Februar 2006, als er zum zweiten Mal Uruguay-Teamchef wurde, klafft eine große Lücke.

Die Pause und der zweite Anlauf

Eine Zeit des in sich Gehens, des Hinterfragens der eigenen Methoden. „Viele der Dinge, die ich heute anwende, habe ich zu dieser Zeit entwickelt. Ich wollte nicht einfach nur für Geld arbeiten, ich habe etwas anderes angestrebt“, sagt Tabarez. Die vergangenen Stationen seien ihm eine Lehre gewesen: „Ich bin oft am Ende eines erfolgreichen Zyklus angekommen.“

Dass er trotz der langen Zeit als Arbeitsloser keineswegs verzweifelt war, zeigten die Verhandlungen mit dem uruguayischen Verband. Tabarez ließ sich lange bitten und setzte seine Bedingungen letztendlich allesamt durch. Diese Bedingungen waren nicht an finanzielle Zugeständnisse geknüpft – bei der WM 2010 war er mit rund 20.000 Euro Monatsgehalt der am schlechtesten verdienende Trainer des Turniers. Vielmehr ging es um die Ausrichtung sämtlicher Auswahl-Mannschaften.

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