Taktik-Analyse: Defensiv stabil, Offensiv labil

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Das dritte Spiel unter Marcel Koller, aber erst der zweite Gegner. Wie beim Debüt des Schweizers traf das ÖFB-Team auf die Ukraine.

Wieder war es ein ausgeglichenes Spiel, doch diesmal hatte Österreich das bessere Ende für sich. Marko Arnautovic schenkte den Fans mit seinem sehenswerten 3:2 in der 89. Minute den Sieg. Doch es lief nicht alles rund beim ÖFB-Team. Vor allem die erste Hälfte sah eher nach Krampf, als Offensiv-Fußball aus.

Ein Test ist zum Testen da

Nach der langen Pause seit dem letzten Länderspiel (3:1 gegen Finnland) nutzte ÖFB-Teamchef Koller das Freundschaftsspiel, um Alternativen zu testen. Heinz Lindner hütete das Tor, Paul Scharner und Florian Klein rückten in die Verteidigung. Dazu durfte sich Marko Arnautovic erstmals unter Koller am rechten Flügel versuchen. Ein Experiment mit Licht und Schatten. Einerseits stand dem Doppel-Torschützen damit mehr Platz zur Verfügung, um seine individuelle Klasse auszuspielen – siehe das Tor zum 3:2. Andererseits jedoch ließ der 23-Jährige vor allem in der Nähe des eigenen Strafraums hin und wieder defensive Disziplin vermissen. Die Frage, ob Arnautovic besser in die Mitte oder auf den Flügel passt, scheint also noch nicht beantwortet zu sein.

Hälfte eins: Spielerische Probleme

Das ÖFB-Team startete quasi mit einem 1:0-Vorsprung in die Partie. Denn die frühe Führung nach drei Minuten war mehr oder weniger dem Zufall geschuldet: Ivanschitz wurde an der Strafraumgrenze gefoult und Junuzovic zirkelte den Ball nicht ganz unhaltbar ins Tor. Daraufhin entwickelte sich eine langweilige erste Hälfte, in der die Koller-Elf kaum Akzente setzten konnte. Erstmals in der Ära des Schweizers hatte der Gegner mehr vom Spiel. Warum diese offensive Schwächen?

  • Defensive Stabilität

Sowohl die Außenverteidiger, als auch die beiden Sechser spielten deutlich vorsichtiger als in den vergangenen Partien. David Alaba und Julian Baumgartlinger machten im Zuge des Pressings, mit dem erst ab der Mittellinie begonnen wurde, den Raum vor der Abwehr dicht. Bei eigenen Angriffen sicherte immer zumindest ein defensiver Mittelfeldspieler ab, um nicht wie beim 1:2 im November in Konter zu laufen. Defensiv ließ das ÖFB-Team damit wenig zu, wie auch Paul Scharner bestätigte: „Die beiden Viererketten haben eine gute Einheit gebildet.“ Das intensive Defensiv-Training der vergangenen Woche hat sich also ausgezahlt.

  • Zu wenige Anspielstationen

Diese defensive Stabilität hatte jedoch auch zur Folge, dass dem ÖFB-Team bei eigenem Ballbesitz die Anspielstationen fehlten. „Wir haben uns schwer getan, den Spielaufbau von der Abwehr über das Mittelfeld in den Sturm zu tragen“, meinte dazu Baumgartlinger, der gemeinsam mit Alaba relativ tief stand und sich somit zumeist nur für Querpässe anbot. „Der Teamchef will eigentlich, dass wir höher stehen. Aber vielleicht haben wir deswegen versucht, uns ein bisschen früher anzubieten, weil wir nicht ins Spiel gekommen sind.“ Kam dann der Pass einmal nach vorne, rückten die hinteren Spieler zu langsam nach. Überhaupt schienen die Österreicher in der ersten Hälte zu sehr in Defensive (Viererkette plus defensives Mittelfeld) und Offensive (Ivanschitz, Junuzovic, Arnautovic, Janko) gespalten zu sein. Immer wieder wurde deswegen versucht, die Lücke mit hohen Bällen zu schließen. Ein Mittel, das nicht zum Erfolg führte.

  • Das Pressing der Ukraine

Die EM-Gastgeber präsentierten sich gegenüber dem letzten Spiel gegen das ÖFB-Team leicht verändert. Aus einem 4-2-3-1 wurde ein 4-4-2-System, das von den beweglichen Stürmern und den dribbelstarken Flügelspielern lebt. Zudem verteidigte die Mannschaft von Oleg Blochin diesmal auch höher, als noch im November. Dies bereitete dem österreichischen Spielaufbau einige Probleme. Vor allem Alaba und Baumgartlinger kamen kaum ins Spiel, weil das ukrainische Pressing gezielt die Passwege auf sie zustellte. „Die Ukraine hat es uns nicht leicht gemacht. Sie haben versucht, David und mir die Räume zu nehmen, indem sie in der Mitte eng gestanden sind. Das ist ihnen gut gelungen“, so der Mainz-Legionär.

  • Zu langsames Umschalten

Über Kontersituationen hätte das Pressing der Ukraine umspielt werden können. Doch das schnelle Umschalten von Defensive auf Offensive funktionierte überhaupt nicht. Oft schien es fast so, als wüssten die Spieler nicht wohin mit dem Ball. Auch Andreas Ivanschitz übte nach dem Spiel in diesem Punkt Selbstkritik: „Wir haben kaum Torchancen zugelassen, aber nach Balleroberungen haben wir entweder zu langsam umgeschalten, oder der letzte Pass hat nicht gepasst.“

Hälfte zwei: ÖFB-Team wird offensiver

In der Halbzeitpause dürfte ÖFB-Teamchef Koller die defensiven Fesseln ein wenig gelockert haben. Vor allem Alaba und der für den verletzten Klein gekommene György Garics versprühten nun mehr Vorwärtsdrang.

Der wiedergefundene Offensivgeist resultierte in einigen schönen Angriffen, die vor allem über die Seiten gefahren wurden. Über links leiteten Suttner und Alaba das 2:1 ein, über rechts schloss der Bayern-Legionär (74.) nach schöner Kombination von Bürger und Garics selbst ab, traf das Tor aber nicht.

Durch das offensivere Spiel der Österreicher ergaben sich aber natürlich auch mehr Räume für den Gegner. Die insgesamt eher schwach auftretende Ukraine nützte einen davon für das 2:2. Schon zuvor hatte das Blochin-Team nach einer Standardsituation zwischenzeitlich ausgeglichen. Ansonsten stand die österreichische Abwehr auch in der zweiten Hälfte recht sicher.

Ein interessanter Wechsel

Das Spiel brachte in der zweiten Hälfte natürlich viele Wechsel mit sich, die beiden Trainer blieben ihren Spielsystemen jedoch treu. ÖFB-Teamchef Koller überraschte mit einer Einwechslung aber doch ein wenig: Mit Veli Kavlak brachte er in der 67. Minute eine offensive Variante für die zweite Sechserposition neben David Alaba.

Der Besiktas-Legionär machte seine Sache gut. Während Alaba weiterhin nach vorne hin unterwegs war, verteilte er aus dem Raum vor der Abwehr souverän die Bälle. Damit brachte der Ex-Rapidler Ruhe und Ordnung ins Spiel. Etwas, was dem ÖFB-Team gerade in der ersten Hälfte fehlte. Vor allem in Hinblick auf kleinere Gegner könnte die spielerisch starke Doppelsechs-Variante mit Alaba und Kavlak Gold wert sein.

Fazit: Steigerung ist da, Arbeit auch

Ein Schritt nach vorne, nicht mehr und nicht weniger – so fiel das Fazit der Spieler nach dem 3:2-Sieg gegen die Ukraine aus. Einem Resümee, dem man durchaus zustimmen kann.

Defensiv zeigte sich das ÖFB-Team trotz zweier Gegentreffer verbessert. Offensiv wurde in der zweiten Hälfte einige Male schön kombiniert.

Doch auf Koller und sein Trainerteam wartet auch noch eine Menge Arbeit: Das Umschalten von Defensive auf Offensive funktionierte nur selten. Beim Herausspielen bereitete den Spielern einfaches Pressing Probleme. Und im Angriff müssen noch mehr Automatismen greifen.

Alles in allem sieht man dem ÖFB-Team jedoch seit dem letzten Spiel gegen die Ukraine eine Steigerung an. Am Dienstag soll dieser Trend gegen Rumänien fortgesetzt werden.

 

Jakob Faber/Peter Altmann

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