Raus aus dem Schneckenhaus

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"Müssen gegen Deutschland bei null beginnen"

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Österreichs Nationalteam hat beim 2:0 gegen die Türkei eine erfolgreiche Generalprobe für wie WM-Qualifikation absolviert.

Für Teamchef Marcel Koller war es gleichzeitig eine gelungene Premiere beim ersten Auftritt unter seiner Anleitung im Wiener Ernst-Happel-Stadion.

Getrübt wurde der Sieg freilich vom unrühmlichen Ende der Nationalteam-Karriere von Paul Scharner.

Am Tag nach der Partie analysierte Koller das Geschehen noch einmal im Rahmen seiner Nachbetrachtung und nahm dabei ausführlich zu allen Themen rund um die ÖFB-Elf Stellung.

TEAMCHEF MARCEL KOLLER…

…ÜBER SEINE ANALYSE DES TÜRKEI-SPIELS:

Die Eindrücke sind durchaus positiv, obwohl wir sagen können, dass wir natürlich noch viel Arbeit vor uns haben. Wir hatten einen sehr guten Start, konnten die Türken überraschen, haben die Tore erzielt, die normal sehr wichtig sind, um eine gewisse Ruhe reinzubringen. Das war gestern nicht ganz der Fall, weil wir im Ballbesitz zu hektisch aufgetreten sind und den Ball zu schnell wieder verloren haben. Das lag aber auch an den Türken, weil die wirklich sehr gut attackiert haben, hervorragende Fußballer sind. Meine Beobachtungen von vor dem Spiel haben sich bestätigt, das ist eine Top-Mannschaft. Wir haben das defensiv mit sehr viel Leidenschaft und Willen sehr gut gelöst. Das ist sicher der Weg, den wir in Zukunft gehen müssen. Wir müssen aber als gesamtes Team noch ein bisschen mehr nach vorne kommen, sodass wir uns mehr im Angriffsdrittel oder zumindest der Platzhälfte des Gegners festsetzen.

…ÜBER DIE OFFENSIVEN SCHWIERIGKEITEN:

Ich weiß, dass das das Schwierigste ist. Das Defensivsystem zu organisieren, ist einfacher, als eine perfekte Offensive aufzubauen, weil mit dem Ball das kleine runde Ding dazukommt - da braucht es Technik, Laufwege, Sicherheit und auch Dribbelkünste, um eine gute Defensive aufzulösen. Das ist im Nationalteam schwierig, weil man nicht jeden Tag die Möglichkeit hat, diese Dinge mitzugeben. Wir werden aber natürlich weiter daran arbeiten. Als Trainer ist mir jedoch bewusst, dass es nicht von heute auf morgen geht.

…DARÜBER, OB ER MEHR AUFSCHLÜSSE GEWONNEN HÄTTE, WENN ES LÄNGER 0:0 GESTANDEN WÄRE:

Ich weiß aus persönlicher Erfahrung, dass man sich dann ins Schneckenhaus zurückzieht, sich sagt: „Okay, wir führen 2:0, jetzt müssen wir nicht mehr ganz nach vorne, wir versuchen eher unser Tor zu sichern.“ Wenn das passiert, sind das Dinge, die man besprechen kann – am besten anhand einer Eins-zu-Eins-Situation, das ist eigentlich das Beste. Gut wäre, wenn wir weiter gemacht hätten, wenn wir versucht hätten, auch noch das dritte Tor zu machen.  Aber das ist in den Köpfen der Spieler drinnen, dass man automatisch ein bisschen weiter zurückgeht. Wir haben trotzdem versucht, kompakt zu stehen, und wie gesagt: Die Türken haben das gut gelöst.

…ÜBER DIE FEHLENDE BALANCE ZWISCHEN SCHNELLEM SPIEL NACH VORNE UND RUHE AM BALL:

Als Trainer will man so schnell wie möglich nach vorne kommen. Ich stehe aber nicht auf dem Platz. Die Spieler müssen die Entscheidungen treffen. Da haben wir sicher zu hektisch nach vorne gespielt, aber da kann ich den Spielern keinen Vorwurf machen, weil ich das ja eigentlich verlange. Da wollten sie es halt besonders gut machen und Bonuspunkte beim Trainer sammeln. Das eine oder andere Mal ist es schief gegangen, das ist aber auch eine Erfahrungssache, wann es nach vorne geht, und wann man, wenn es nicht geht, besser zurück oder quer spielt und im Ballbesitz bleibt. Daran werden wir sicher noch arbeiten.

…DARÜBER, OB ER SCHARNER NUR ALS FÜHRUNGSSPIELER, DER DIE MANNSCHAFT PUSHT, GEBRAUCHT HÄTTE, ABER NICHT AUF DEM FELD:

Entschuldigung, aber da kann ich wirklich dagegen sprechen. Am Dienstagmittag nach dem Training ist er auf mich zugekommen und hat gefragt, wie es aussieht, ob er spielt.  Ich habe ihm gesagt, dass ich mir die beiden, die gestern gespielt haben (Emanuel Pogatetz und Sebastian Prödl; Anm.d.Red.), von Anfang an anschauen möchte. Also habe ich ihm gesagt: „Du wirst nicht von Anfang an spielen.“ Wenn ich aber den Eindruck hätte, es reicht bei ihm nicht fürs Nationalteam, würde ich ihn gar nicht einberufen. Er war ja bei den beiden Spielen in Innsbruck mit dabei und hat das gut gelöst. Er hat zuvor meist im Mittelfeld gespielt und meine Überlegung war, ihn hinten zu bringen. Er ist dann selbst auf die Idee gekommen, dass er ab sofort Innenverteidiger spielen könnte, und hat das gut gelöst. Speziell auf dieser Position haben wir aber die größte Konkurrenz. Wenn ich mir das Türkei-Spiel anschaue, die Zwei haben das hervorragend umgesetzt.  Von dem her gibt es natürlich Konkurrenzkampf. Den hat er nicht angetreten und ich habe dann die Konsequenzen gezogen.

…DARÜBER, DASS SCHARNER FEHLENDEN RESPEKT BEIM NATIONALTEAM BEMÄNGELT HAT:

Man weiß nie, wie das Gegenüber das empfindet, aber ich kann versichern, dass ich von meiner Seite versuche, mit jedem respektvoll umzugehen. Wenn jemand dieses Gefühl nicht hat, sollte er respektvoll auf mich zugehen und nicht zuerst nach außen gehen.

…ÜBER DEN VORWURF, SICH ÜBER DEN SOMMER VERÄNDERT ZU HABEN:

Ich habe mich zu 100 Prozent nicht verändert.

…ÜBER DEN VORWURF, SICH ÖSTERREICH ZU SEHR ANGEPASST ZU HABEN:

Ich habe das eine oder andere aufgenommen, mich aber zu 100 Prozent nicht angepasst. Natürlich muss man in der einen oder anderen Situation abwägen, was gut ist, aber ich entscheide immer professionell und versuche, für das Team und für den Fußball zu entscheiden.

…OB IN SEINEN ÜBERLEGUNGEN DIE KÖRPERGRÖSSE FÜR POGATETZ UND PRÖDL UND GEGEN DRAGOVIC IN DER INNENVERTEIDIGUNG SPRECHEN WÜRDE:

Wir wissen, was Drago kann. Er ist auch noch jung. Auf der einen Seite ist die Körpergröße in der Innenverteidigung schon ein wichtiger Faktor, wenn man gesehen hat, wie Pogatetz und Prödl die Bälle weggeköpft haben. Dragovic ist da sicherlich ein bisschen kleiner, aber nichtsdestotrotz hat er in den Spielen, bei denen er im Einsatz war, absolute Top-Leistungen gebracht. Für mich ist es wichtig zu wissen, dass man sich auf einen Spieler verlassen und ihn ohne Bedenken reinschmeißen kann, wenn etwas passiert.

…DARÜBER, WAS DIESER SIEG FÜR DAS DEUTSCHLAND-SPIEL BEDEUTET:

Siege geben grundsätzlich Selbstvertrauen. Österreich hat 24 Jahre nicht mehr gegen die Türkei gewonnen. Wenn man so eine Serie beendet, kann das die Brust aufblasen. Wichtig ist wiederum, dieses Aufblasen nicht übertrieben darzustellen. Es ist aber wichtig zu wissen, dass wir bestehen können, wenn wir diesen Weg weitergehen. Gegen Top-Nationen braucht es natürlich auch immer ein bisschen Glück.  Dieser Sieg hat aber nichts mit Deutschland zu tun, weil wir genau wissen, dass wir wieder bei null beginnen und wieder die gleiche Aggressivität und Laufarbeit an den Tag legen müssen.

…DARÜBER, OB DURCH DIE DEUTSCHEN PROBLEME DIE ERWARTUNGSHALTUNG IN ÖSTERREICH ZU GROSS WERDEN KÖNNTE:

Wir können nur auf uns Einfluss nehmen. Ob Deutschland Europameister wurde oder nicht, hat keinen Einfluss auf unser Spiel. Man kennt die Deutschen: Wenn es um die Wurst geht, sind sie sehr, sehr konsequent.

…DARÜBER, OB ER SICH AUCH GEGEN EINE TOP-MANNSCHAFT WIE DEUTSCHLAND AGGRESSIVES PRESSING TRAUEN WERDE:

Das werde ich hier sicher nicht bekanntgeben, sondern entscheidend wird sein, was wir den Spielern vermitteln. Die Deutschen verfolgen ja natürlich alles, was sich bei uns abspielt. Ich werde mich in nächster Zeit in dieses Spiel reinversetzen und versuchen, die richtige Taktik rauszufinden.

Aufgezeichnet von Peter Altmann

…DARÜBER, OB ROBERT ALMER NUN DIE NUMMER EINS SEI, ODER OB DIES VON SEINER SITUATION IN DÜSSELDORF ABHÄNGT:

Wenn man sich zurückerinnert, hatten wir das bei Almer schon im vergangenen November so. Er hat damals im Training einen sehr guten Eindruck gemacht, war bei Düsseldorf auch nicht die Nummer eins, der Verein war damals noch in der 2. Liga. Wir haben ihm trotzdem das Vertrauen gegeben, und er hat das hervorragend gelöst. Wenn ich daran erinnern darf, hatten wir, als ich beim ÖFB begonnen habe, eine Torwart-Diskussion.  Jetzt haben wir Almer, Gratzei, Lindner und zusätzlich Königshofer, die wir als gut befinden, untereinander gut harmonieren und auch Qualität bringen. Wenn Robert Almer in Düsseldorf spielen sollte, ist das sicher ein Vorteil. Er hat gestern zwei, drei Mal hervorragend reagiert. Aber es bringt nichts, wenn ich sage, er ist die Nummer eins, dann verletzt er sich und ein anderer ist die Nummer eins. Eine Nummer eins wird sich aus meiner Sicht herauskristallisieren, wenn einer regelmäßig spielt.

…ÜBER DIE MITTELFELD-ROLLE VON CHRISTIAN FUCHS:

Bei Fuchs ist es so, dass ich diese Idee schon länger im Hinterkopf hatte, seit Suttner gezeigt hat, dass er auf dieser Position spielen kann. Es ist eine weitere Variante. Wir wissen, dass Fuchs beide Positionen spielen kann. Er hat jetzt längere Zeit nicht mehr auf dieser Position gespielt, früher war er aber nur im Mittelfeld. Wenn ich weiß, dass ein Spieler mehrere Positionen spielen kann, gibt mir das mehr Möglichkeiten. Das fördert auf der einen Seite natürlich die Konkurrenz, auf der anderen Seite ist es für den Gegner schwieriger, uns auszurechnen.

…ÜBER DIE VARIANTE MIT MARTIN HARNIK IM ANGRIFF:

Harnik war einerseits durch die Situation bedingt, weil der eine oder andere verletzt war. Ich wusste aber auch, dass er diese Stürmer-Position spielen kann, auch wegen seiner Schnelligkeit. Ich bin davon ausgegangen, dass die Türken hoch stehen und Pressing spielen. Hinter der Abwehr hast du dadurch viel mehr Raum und er kann mit seiner Schnelligkeit etwas bewegen. Er hat den Elfmeter rausgeholt und hatte zwei weitere Situationen, wo er fast durchgekommen ist. Auch das ist wieder eine zusätzliche Variante, die man berücksichtigen muss. Es hängt natürlich auch vom Gegner ab – steht einer ein bisschen höher oder stehen sie am eigenen Strafraum: Wo brauche ich einen schnellen Stürmer, wo einen großen, robusten? Das sind taktische Varianten, die man dann auslotet.

…DARÜBER, WARUM MARC JANKO KEINE EINSATZZEIT BEKAM:

Wir haben das miteinander abgesprochen. Er hat sich im Training auch noch leicht den Fuß verdreht. Es war eigentlich vorgesehen, dass er reinkommt. Die Situation hat es aber nicht ergeben. Wir haben es aber auf der Trainerbank noch abgesprochen und er hat es vollkommen unterstützt.

…DARÜBER, AUF WELCHEM LEVEL DIE MANNSCHAFT NACH DEM ENDE DER TESTPHASE ANGEKOMMEN SEI:

90 Prozent ist sicher zu hoch, aber wir sind sicher weiter. Ich kann nicht beurteilen, wie es vorher war, aber seit meinem ersten Länderspiel hat sich etwas entwickelt. Wir haben mehr Alternativen. Von einer Einser-Elf zu sprechen, ist aber schwierig, weil immer etwas passieren kann, man denke aktuell nur an Marko Arnautovic und David Alaba. Konkurrenzkampf ist immer wichtig, genau wie dass man die eine oder andere Variante hat, um seine taktischen Überlegungen danach ausrichten zu können. Ich denke schon, dass wir einen Stamm zusammen haben, der gut harmoniert. Aber das sind ja nicht nur diese 23 Spieler, denn ich habe ja bereits ganz am Anfang gesagt, dass es unser Ziel ist, 30 bis 35, vielleicht 40 Spieler zu sichten, wo man sagen kann, das sind die, die gut zusammenpassen und Leistung bringen können.

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