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"Man muss die Österreicher auf der Rechnung haben"

Nicht, dass das österreichische Nationalteam nicht genügend eigene Probleme hätte, trotzdem kann man ganz objektiv festhalten: Es gab schon ungünstigere Zeitpunkte, um auf die Türkei zu treffen.

Ein Manipulationsskandal hat das begeisterte Fußball-Land im Würgegriff, zahlreiche Teamspieler verfügen nicht über ausreichend Spielpraxis, dazu kommen Verletzungen oder Sperren wichtiger Akteure.

Umso mehr ist vor dem richtungsweisenden EM-Qualifikations-Spiel gegen Österreich der schlaue Trainer-Fuchs Guus Hiddink gefordert.

Der Niederländer ist der eigentliche Star des türkischen Teams. Auf rund 3,75 Millionen Euro wird das Jahresgehalt des Teamchefs geschätzt.

Das Nationalteam als Aushängeschild

Seine Strategie für das Gastspiel in Wien: Die Nationalmannschaft soll nach den vielen negativen Schlagzeilen im türkischen Fußball wieder für eine positive Außendarstellung sorgen.

„Die Nationalmannschaft kann einen Unterschied machen. Wir haben die Ambition, uns gut zu präsentieren. Das ist, was wir momentan weltweit für den türkischen Fußball tun können. Es geht darum, stolz zu sein, in der Nationalmannschaft dabei zu sein und zu sagen: Das ist auch ein Teil des türkischen Fußballs. Wir können keine Siege garantieren, aber wir können garantieren, dass wir mit Leidenschaft spielen, und die Spieler mehr als 100 Prozent für Siege geben – noch mehr als vorher“, verspricht Hiddink auf der offiziellen Pressekonferenz, die er durchgehend in ausgezeichnetem Deutsch hielt.

Das Nationalteam als Visitenkarte nach außen zu positionieren, ist in schwierigen Zeiten wie diesen keine unkluge Herangehensweise, wenn man den türkischen Nationalstolz in Betracht zieht.

"In der Türkei geht es dann und wann chaotisch zu"

Journalistenfragen, die über „Präsidenten im Gefängnis, demotivierte Fußballer und erschöpfte Fans“ klagen, entbehren nicht einer gewissen Theatralik. Auch der Weltenbummler, der bereits die Nationalteams seiner Heimat Niederlande, Südkorea (WM-Vierter 2002), Australien und Russland betreut hat, gibt zu:

„Wenn man einen Vergleich zu anderen Ländern, in denen ich gearbeitet habe, zieht, geht es in der Türkei dann und wann ziemlich chaotisch zu, das sollte man nicht verneinen. Es gibt sehr viele gute, aber auch sehr viele falsche Emotionen im türkischen Fußball.“

Zu den vielen guten Emotionen gehört der Einsatzwille, für sein Land über die Grenzen hinaus zu gehen, was den Türken in der jüngeren Vergangenheit einige Achtungserfolge einbrachte. Sei es der dritte Platz bei der WM 2002, als im Spiel um Platz drei Hiddinks Südkoreaner 3:2 besiegt wurden. Oder auch jene bis zum Umfallen kämpfende Elf, die 2008 bei der EURO in Österreich und der Schweiz erst im Halbfinale gegen Deutschland mit 2:3 den Kürzeren zog.

Unter Hiddink befindet sich die Mannschaft derzeit im Umbruch. Sein Vergleich: „Holland oder Deutschland haben seit Jahren eine ziemlich feste Mannschaft. So weit sind wir noch nicht. Wir sind erst dabei, eine renommierte Mannschaft zu werden.“

"Die Vorbereitung einiger Spieler ist sehr mangelhaft"

Dieser Weg ist aktuell kein einfacher, wie der 2:1-Zittersieg gegen Kasachstan vom vergangenen Freitag beweist. „Die Vorbereitung einiger Spieler ist sehr mangelhaft“, gesteht Hiddink in Anbetracht der fehlenden Spielpraxis aufgrund des wegen des Skandals verschobenen Meisterschaftsstarts.

„Es gibt einige Spieler, die ihr letztes großes Spiel gegen Belgien gemacht haben – das war vorige Saison im Juni“, verdeutlicht der 64-Jährige die Problematik der fehlenden Pflichtspiele, „dann mit der Nationalmannschaft große Spiele zu machen, ist nicht leicht. Das fordert ganz viel von den Spielern. Aber ich spüre die Mentalität in der Mannschaft, dass sie trotz der weniger guten Vorbereitung große Leidenschaft für die Nationalmannschaft mitbringt.“

„Wenn man sagt, dass es Schwächen in der Verteidigung gibt, ist es nicht immer die Schuld der Verteidiger. Meistens liegt die Ursache irgendwo anders auf dem Platz, und die versuche ich zu suchen, und meistens fängt das nicht im Verteidigungs-Drittel an, sondern früher. Außerdem denke ich nicht in ‚nur Mittelfeld‘ oder ‚nur Verteidigung‘ – Fußball ist ein kompliziertes Spiel, das abhängig ist von der Ausführung jedes einzelnen Spielers in seiner Position.“

"Erwarte Österreicher, die um letzte Chance kämpfen"

Hoffnung bereitet der türkischen Presse indes die österreichische Defensive, weil die ÖFB-Elf in sieben Qualifikations-Spielen bereits 16 Gegentreffer kassiert habe. Eine Hoffnung, die Hiddink zumindest relativiert:

„Man muss sich schon die einzelnen Spiele anschauen, und sie haben gegen Deutschland sechs Tore kassiert – das ist viel, aber die letzten Tore haben sie bekommen, als das Spiel vorbei war. Man kann nicht sagen, dass es eine schwache Verteidigung ist. Ich denke auch an unser Spiel gegen Deutschland (0:3; Anm.d.Red), da hätten wir auch leicht mehr als drei Tore kassieren können. Man muss auch die eigene Realität sehen.“

Mit einem Sieg im Happel-Stadion wäre der zweite Gruppenplatz für die Türkei zwar noch nicht Realität, aber zum Greifen nahe. Bekanntlich wären für Österreich wiederum drei Punkte gegen die Türken der letzte Strohhalm für eine erfolgreiche EM-Qualifikation. Vor dieser Ausgangslage warnt auch Hiddink:

„Ich erwarte Österreicher, die um ihre letzte Chance kämpfen. Man muss sie auf der Rechnung haben, wir dürfen nicht sagen, sie sind schon aus dem Rennen. Ich denke, dass sie ihre letzte Chance wahren wollen und dabei müssen wir ihnen nicht helfen.“

Türkische „Hilfe“ würde zumindest die Probleme des österreichischen Nationalteams lindern…

Peter Altmann

Wie als Beweis sitzt Selcuk Sahin mit Hiddink am Podium. Der Fenerbahce-Crack erwartet „einen wunderschönen Fußball-Abend“, da beide Mannschaften unter Siegzwang stehen würden:

„Man könnte es vielleicht so sehen, dass uns ein Unentschieden reichen würde, aber wir sind auf jeden Fall hier, um zu gewinnen, damit wir bester Gruppen-Zweiter werden.“ Jenes Land, dem dies gelingt, erspart sich bekanntlich den Gang in die Playoffs und ist fix für die EURO 2012 qualifiziert.

Fehlende Stammspieler "keine Entschuldigung"

Abgesehen von der allgemeinen Sorge um den türkischen Fußball erinnert die Fragestunde an Hiddink an die ganz normalen Alltagsprobleme einer Nationalmannschaft. Besonders das Fehlen einiger Leistungsträger bereitet der türkischen Journaille Kopfzerbrechen. So müssen etwa Nuri Sahin, Hamit Altintop und Emre Belözoglu verletzungsbedingt passen, Selcuk Inan ist nach seinem Ausschluss gegen Kasachstan gesperrt.

„Ich habe mich daran gewöhnt, es nicht als Entschuldigung zu sehen, wenn Spieler nicht dabei sind – aus welchem Grund auch immer, ob Sperren oder Verletzungen. Denn das ist die Realität. Außerdem, und das ist für mich noch wichtiger, habe ich volles Vertrauen in jene Spieler, die die Stammspieler ersetzen. Natürlich hat man gerne jene Spieler dabei, die im internationalen Fußball-Geschäft Erfahrung haben, aber wenn es nicht so ist, müssen die anderen auch diese Erfahrung sammeln, und das können sie nur, indem sie große Spiele spielen.“

Auch die Fehler in der Abwehr gegen Kasachstan bereiten den türkischen Medienvertretern Sorgen, das Mittelfeld sei sowieso das größte Problem. Hiddink verweist darauf, dass man die Partie genauestens analysiert habe und doziert:

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