"Es ist, als wäre ich nie weg gewesen"

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Denkt man an Rubin Okotie, kommt einem unweigerlich die nur zu 50 Prozent erfreuliche Kombination von Torriecher und Verletzungspech in den Sinn.

Das Potenzial des Stürmers ist seit vielen Jahren bekannt. Sein Körper spielte ihm jedoch immer wieder einen Streich.

Teils langwierige Verletzungen und die folgenden Probleme, wieder zurück in die Spur zu finden, kosteten ihm wertvolle Karriere-Zeit.

Ihm, der 2007 zur vielbejubelten U20-Elf gehörte, die WM-Vierter wurde. Der Wiener galt als eines ihrer vielversprechendsten Aushängeschilder.

Dänemark als „Wendepunkt“

Inzwischen ist Okotie 27 Jahre alt und hat fünf A-Länderspiele absolviert. Erst fünf A-Länderspiele. Dass er am kommenden Montag die Chance auf sein sechstes hat, mag auf den ersten Blick überraschen, ist jedoch einerseits die Folge eines chronischen Stürmer-Mangels und andererseits seinem kontinuierlichen Aufwärtstrend im Kalenderjahr 2014 geschuldet.

Bei Austria Wien im Herbst 2013 zur Teilzeitarbeitskraft degradiert, flüchtete Okotie nach Dänemark zu SönderjyskE. Elf Tore in 15 Liga-Spielen bezeugen, dass sich dieser ungewöhnlich anmutende Schritt bezahlt machte. Die sommerliche Übersiedlung zu 1860 München war der gerechte Lohn.

„Der Wechsel nach Dänemark war extrem wichtig, weil ich dort die Bestätigung für meine harte Arbeit in Form von guten Leistungen und Toren bekommen habe. Wenn man davor eine Phase hatte, in der es nicht gut läuft, ist es schon wichtig, einen Wendepunkt zu haben", erklärt der ÖFB-Rückkehrer im Gespräch mit LAOLA1.

Zusammenarbeit mit Bergmüller als Erfolgsgeheimnis

Der auch in Fußball-Österreich bestens bekannte Trainer Lars Söndergaard habe ihm das Vertrauen geschenkt, mit der Mannschaft habe auch alles gepasst: „So hat ein Rad ins andere gegriffen. Dann ist es einfach gut gegangen. Für jeden Spieler ist es wichtig, dass du regelmäßig spielst und das Vertrauen genießen kannst. Dann liegt es an dir selbst, ob du diese Chance nutzt.“

Dass es an einem selbst liegt, Dinge in die richtige Richtung zu lenken, hat Okotie schon vor der Zeit in Skandinavien begriffen.

„Ja, ich habe ein paar Sachen geändert“, verdeutlicht der Angreifer und erzählt, dass er seit August 2013 mit Heini Bergmüller als Privattrainer zusammenarbeitet und wie sehr diese Maßnahme helfen würde. Der erlangte einst als Fitness-Guru von Hermann Maier Bekanntheit und wurde kürzlich engagiert, um die Austria-Kicker auf Vordermann zu bringen.

Bei Okotie scheint dies bereits gelungen. „Er ist jetzt physisch sehr stark, sehr fit, kann pressen“, lobt 1860-Coach Ricardo Moniz im „Münchner Merkur“.

Der Wechsel zu SönderjyskE war für Okotie ein Wendepunkt

Zumindest aus persönlicher Sicht. Denn dass 1860 in der Liga immer noch ohne Sieg dasteht, ärgert den ÖFB-Legionär. Denn die Ansprüche sind natürlich andere:

„Ein supergeiler Verein mit riesiger Tradition und enormen Potenzial, was Fans und Umfeld betrifft. Aber man merkt auch einfach, dass der Verein nach zehn Jahren in der zweiten Liga den Erfolg unbedingt braucht. Daran wollen wir arbeiten. Wir wollen unbedingt erreichen, dass wir in diesem Jahr aufsteigen.“

Mit Moniz wurde dafür der Meistermacher von Red Bull Salzburg aus dem Jahr 2012 verpflichtet. Dieser habe sich nicht verändert, wie Okotie mit einem Schmunzeln schildert: „Ein sehr besonderer und spezieller Typ, der wirklich mit Herzblut arbeitet. Also ich habe noch nie einen Trainer gesehen, der so verbissen und motiviert ist. Er tut wirklich alles dafür, damit wir erfolgreich sind.“

„Es ist, als wäre ich nie weg gewesen“

Der Aufstieg wäre naturgemäß der ultimative Erfolg in dieser Saison. Die deutsche Bundesliga, in der sein erster Anlauf beim 1. FC Nürnberg scheiterte, ist auch das ganz große Ziel des Angreifers: „Und am liebsten möchte ich das mit 1860 erreichen.“

Das Vorhaben, ein Comeback im Kreis des Nationalteams zu feiern, kann Okotie schon einmal als gelungen abhaken. Sein letztes Länderspiel bestritt er im August 2012 gegen die Türkei. Ob die Einberufung eine Überraschung gewesen sei?

„Wenn du so lange nicht dabei bist, kannst du nicht davon ausgehen, dass du nominiert wirst. Aber ich habe im Hinterkopf schon gehofft, dass mich der Teamchef nicht vergisst und mich irgendwann berücksichtigt.“

Langwieriger Integrationsprozess ist für den Stürmer, der sein A-Team-Debüt 2008 unter dem damaligen Teamchef Karel Brückner ebenfalls gegen die Türkei gefeiert hat, ohnehin keiner von Nöten. Die meisten Kadermitglieder kennt er seit vielen Jahren bestens.

Okotie schmunzelt: „Es ist, als wäre ich nie weg gewesen.“


Peter Altmann

Der körperliche „Teufelskreis“

Dieser laufaufwändige Spielstil, der auch im ÖFB-Team gefordert ist, verlangt einen idealen körperlichen Zustand. Okotie gesteht ein, dass er diesbezüglich lange Zeit falsch trainiert habe:

„Heini hat eine Riesen-Erfahrung, er hat mit Top-Athleten wir Hermann Maier zusammengearbeitet. Sein Spezialgebiet ist die Grundlagenausdauer. Das ist genau das, was mir gefehlt hat. Ich habe jahrelang nur im hochintensiven Bereich gearbeitet, weil ich so ehrgeizig war, wollte mich ständig verbessern und habe dabei die Grundlage vernachlässigt. Dann war ich in einem Teufelskreis – ich war dauernd im Übertraining, ständig müde, habe mich nie gut gefühlt. Seit ich mit Heini arbeite, habe ich dieses Gleichgewicht wieder geschaffen.“

Am Bewusstsein, dass sein körperlicher Zustand nicht ideal ist, habe es nicht gemangelt: „Ich habe es schon die letzten zwei, drei Jahre gemerkt, aber ich habe die falschen Schlüsse daraus gezogen. Ich habe daraus geschlossen, dass ich noch mehr trainieren muss, noch mehr Sprints, noch mehr Explosivität, aber das war genau der falsche Weg. Gott sei Dank habe ich dann den Schritt mit Heini Bergmüller gewählt. Das hilft mir sehr.“

Kein Vorwurf an die früheren Arbeitgeber

Ob nicht seine jeweiligen Arbeitgeber hätten merken müssen, dass etwas falsch läuft? Der Angreifer nimmt seine Klubs wie Sturm Graz oder die Austria in Schutz:

„Es war ja nicht so offensichtlich. Sicher fühlst du es selber, wenn du dich immer träger und nicht spritzig fühlst und nach einem Sprint lange zum Regenerieren brauchst. Die Vereine und der Trainer können aber nicht in dich hineinschauen.“

Es ehrt Okotie, dass er ein Defizit, über das kein Fußballer gerne spricht, zugibt und die Schuld dafür auch nicht bei anderen sucht. Auch Eigenverantwortung gehört zu einem Reifeprozess. Und der 27-Jährige, der in zwei Wochen Vater seines ersten Sohnes wird, wirkt definitiv gereift.

„Das bringt die Zeit mit sich. Man macht seine Erfahrungen und lernt daraus. Natürlich kann man auch aus Rückschlägen immer gestärkt hervorgehen“, betont Okotie, der derzeit eine der positivsten Phasen seiner Karriere genießt.

„1860 ein supergeiler Verein“

Fünf Treffer stehen nach vier Meisterschaftsspielen für die „Löwen“ zu Buche, dazu kommen beide Tore zum 2:1-Erfolg bei Holstein Kiel im DFB-Pokal – man kann getrost von einem Traumeinstand beim deutschen Zweitligisten sprechen.

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