"Denke, ein paar Kritiker hatten schon durchgeladen"

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„Es wäre fatal, wenn man heute einzelne Spieler heraushebt. Die ganze Mannschaft hat gekämpft und super gespielt.“

Da hat Marc Janko nicht Unrecht. Der Goalgetter ist jedoch Medienprofi genug, um zu verstehen, dass nach dem 2:1-Sieg gegen Schweden seine Story trotzdem zu den originelleren und erzählenswerteren gehört.

Mit einem herrlichen Flugkopfball erzielte der 29-Jährige den zweiten rot-weiß-roten Treffer und strafte damit alle Kritiker, die seine Nominierung in den Kader und letztlich gar in die Startelf für falsch hielten, Lügen.

„Die letzten Monate waren eine katastrophale Zeit“

„Es war auf jeden Fall ein Tor, das eine unglaubliche Geschichte vollendet. Die letzten Monate waren eine katastrophale Zeit für mich, irrsinnig schwer“, blickte Janko zurück, wohlwissend, dass seine Durststrecke bei Trabzonspor ihn in den Augen vieler auch für das Nationalteam disqualifizierte. Ein schwache Performance wäre in der Öffentlichkeit wohl nur schwerlich verziehen worden:

„Ich denke, ein paar Kritiker hatten vielleicht schon durchgeladen und die Schlagzeilen geschrieben: ‚Wie kann der Koller nur den Janko erstens einberufen und ihn zweitens auch noch von Anfang an spielen lassen?‘“

Wer zuletzt lacht, lacht am besten – und Janko hatte allen Grund zu strahlen, als er passenderweise in einem Superman-Shirt den Interview-Marathon nach Schlusspfiff absolvierte.

„Generell bin ich ein Spieler, der immer an seine Stärken geglaubt hat und auch nach wie vor glaubt. Ich weiß, was ich kann“, erklärte der Niederösterreicher.

Am Anfang war das Fremdeln

Wenn sein Selbstbewusstsein gelitten hätte, wäre es nach den vergangenen Monaten jedoch nicht verwunderlich gewesen. Am 17. Februar stand er letztmals für Trabzonspor auf dem Feld, ehe ihn Trainer Tolunay Kafkas aussortierte.

Nicht einmal am Mannschaftstraining durfte er in weiterer Folge teilnehmen, Einzeltraining war angesagt. Im Rahmen des ÖFB-Camps in Stegersbach erzählte der Sohn einer hochdekorierten Leichtathletin – Mama Eva gewann bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko Bronze im Speerwurf -, dass er sich auf das Schweden-Match wie ein Einzelsportler auf ein Großereignis vorbereitet hatte.

Und das durchaus gewissenhaft, denn an seinen körperlichen Werten konnte man laut Auskunft von Teamchef Marcel Koller nicht erkennen, dass ihm das geregelte Mannschaftstraining abging.

So komisch es klingen mag, ungewohnt war der eigentliche Alltag dennoch: „Am Anfang habe ich gefremdelt, weil so viele Leute neben mir am Platz standen. Ich habe nicht gewusst, wo ich hinlaufen soll. Ganz ehrlich: Es fühlt sich sehr gut an, nach so einer schweren Zeit so zurückzukommen.“

„Mein entlassener Trainer ist vielleicht doch nicht richtig gelegen“

Wo er hinlaufen sollte, wusste er wohl auch in den Sekunden des Glücksgefühls nach seinem Treffer gegen die Skandinavier nicht. Selten zuvor erlebte man einen derart emotionalen Janko, der seine Erleichterung förmlich in den Wiener Nachthimmel zu brüllen schien.

„Es war möglicherweise auch eine Spur Genugtuung dabei, dass mein inzwischen entlassener Trainer in der Türkei vielleicht nicht ganz richtig gelegen ist. Das Tor war auf jeden Fall ein Gruß an ihn“, konnte sich der 1,97-Meter-Riese einen Seitenhieb in Richtung Kafkas nicht verkneifen.

Die folgende Jubeltraube symbolisierte, wie sehr sich auch die Kollegen für ihn freuten. „Er hat sich wirklich reingehauen, hatte einen schweren Stand gegen die robusten Innenverteidiger, sich aber nie geschont oder zurückgenommen, sondern voll reingeknallt“, lobte Martin Harnik, der Jankos Treffer mit einer mustergültigen Flanke von der rechten Seite vorbereitet hatte.

„Marc hat in der ersten Halbzeit ein wirklich überragendes Spiel gemacht. Er hat versucht zu fighten, jeden Kopfball zu gewinnen, die Bälle zu halten. Das hat uns natürlich sehr gut getan“, zog auch David Alaba den Hut.

„Überwältigt von den Glückwünschen der Jungs“

Janko selbst ist stolz auf die Solidarität seiner Mitspieler: „Ich war ein bisschen überwältigt von den Glückwünschen der Jungs, als wir am Rasen gelegen sind. Jeder hat sich extrem für mich gefreut und mir zugerufen, dass ich das verdient habe. Aber noch einmal: Ohne die Jungs kann ich solche Bälle nicht verwerten, ich bin immer abhängig von der Mannschaft, und die hat unglaublich gefightet und super gespielt.“

Das Thema fehlende Spielpraxis dürfte im Nationalteam für einige Zeit ohnehin ad acta gelegt werden.

„Marc ist so gut in das Team integriert. Für uns gab es überhaupt keinen Zweifel an der Nominierung. Auch bei Marko Arnautovic gab es ja immer wieder Fragen. Ich glaube, alle haben gezeigt, dass es richtig ist. Sie haben sich alle super eingebracht, nur so war eine Topleistung möglich“, erläuterte Julian Baumgartlinger.

Janko wusste dennoch, bei wem er sich speziell zu bedanken hatte: „Ich bin dankbar, dass ich von Teamchef Marcel Koller das Vertrauen geschenkt bekommen habe. Er hat mich in dieser Zeit öfters angerufen und mir Mut zugesprochen. Ich denke, ich habe das mit dem Tor ein bisschen zurückgeben können.“

„Ich schätze, es ist ein Muskelfaserriss“

In der letzten Szene vor der Pause verletzte sich der Stürmer, an einen weiteren Einsatz war nicht zu denken. Wie schlimm die Blessur ist, sei noch nicht abschätzbar:

„Ich habe im Luftduell probiert, den Schuss mit dem linken Bein abzufangen, doch dabei habe ich überdehnt. Ich weiß nicht genau, was es ist. Ich schätze, es ist ein Muskelfaserriss, hoffentlich ist es nicht schlimmer.“

Stellt sich die Frage, wie es nach diesem emotionalen Highlight weitergeht? „Jetzt genießen wir einmal den Sieg, es wird ein bisschen gefeiert, dann geht es ab in den Urlaub – und für mich vielleicht wieder ins Einzeltraining“, übte sich Janko in Galgenhumor.

Gespräche mit Trabzonspor

Die Gefahr, dass der Blondschopf in seinem Wechselbad der Gefühle nun wieder eine kalte Dusche erlebt, scheint so lange gegeben, bis die Situation mit Trabzonspor gelöst ist.

„Ich werde nach wie vor das Gespräch mit dem Verein suchen und versuchen, das Problem für beide Seiten zu lösen. Vielleicht war das Schweden-Spiel eine gute Bewerbungsleistung“, grinste Janko.

Durchaus möglich. Denn Tore hat der Routinier in seiner Karriere schon genügend erzielt: „Aber das war eines der schönsten.“


Peter Altmann/Martin Wechtl/Alexander Karper/Jakob Faber

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