Gebote für erfolgreiche EM-Quali

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Gebote für eine erfolgreiche EM-Qualifikation

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Nein, Reifeprüfung sei das Kräftemessen mit Schweden keine, betont Teamchef Marcel Koller. Eine Reifeprüfung für seine Mannschaft sei viel mehr, ob man es zur EURO 2016 in Frankreich schafft oder nicht.

Die Vorzeichen stehen gut. Und das nicht nur wegen der Erhöhung des Starterfelds von 16 auf 24 Nationen.

Auch die Qualität des Kaders ist gestiegen, und der Rückhalt des Publikums ist sowieso gegeben, da die ÖFB-Auswahl in der WM-Qualifikation über weite Strecken überzeugte.

Allerdings nicht genug, um tatsächlich das Ticket für Brasilien zu lösen. Deshalb ist nun eine Steigerung von Nöten, um die Ernte der Aufbauarbeit unter Koller tatsächlich einzufahren.

LAOLA1 hat daher einige Gebote für eine erfolgreiche Qualifikation aufgestellt, die erfüllt werden sollten, damit Fußball-Österreich im Frühjahr 2016 der EM-Teilnahme entgegenfiebern kann:

DIE AUFGEBAUTE BASIS NUTZEN:

Bereit wie nie! Nicht nur Sportdirektor Willi Ruttensteiner glaubt fest daran, dass das Nationalteam inzwischen gut genug für eine erfolgreiche Qualifikations-Kampagne ist. Marcel Koller ist seit bald drei Jahren im Amt, seine Handschrift ist klar ersichtlich. Der Schweizer profitiert jedoch auch von der in diesem Zeitraum größer gewordenen Qualität – das gilt für die Spitze des Aufgebots, jedoch auch für die Breite. Das Wichtigste ist jedoch: Jeder weiß, was zu tun ist, worauf Koller wert legt. „Das System ist gleich geblieben, es hat sich nichts verändert, wir brauchen uns auf nichts Neues einstellen, wenn wir zur Nationalmannschaft kommen. Mit dieser Basis, die gelegt wurde, weiß jeder, was erwartet wird. Das Grundgerüst steht“, erklärt Sebastian Prödl. Darauf gilt es in den kommenden 15 Monaten aufzubauen. Die Voraussetzungen erscheinen günstig wie schon lange nicht.

NEBEN PLAN A AUCH PLAN B PERFEKTIONIEREN:

In punkto Flexibilität muss das ÖFB-Team in dieser Quali Fortschritte machen. Das Angriffspressing hat bereits gut funktioniert, allzu großer Variantenreichtum bezüglich System und Spielanlage wurde jedoch vermisst. Vor allem, wenn es wie in Stockholm darum ging, Vorsprünge zu verteidigen, agierte man bisweilen nicht geschickt und konsequent genug. Koller erkannte dieses Manko und versuchte in den Testspielen zwischen den beiden Qualifikationen einzustudieren, dass das Team im Bedarfsfall tiefer steht und weiter hinten attackiert. Dies klappte noch nicht wie gewünscht, ebenso wenig wie der Versuch eines 4-1-4-1-Systems in Tschechien.

IN NEGATIVMOMENTEN KÜHLEN KOPF BEWAHREN:

Ja, auch in dieser Qualifikation wird es Rückschläge geben. Das alte Vorurteil, dass man Österreich ein Tor schießen muss und dann verlieren alle die Nerven, gilt jedoch nicht mehr. In der WM-Quali kämpfte man sich beispielsweise beim 2:2 in Dublin in allerletzter Minute zurück, auch im Heimspiel gegen die Iren bewies man Nervenstärke und fuhr in der Schlussphase den 1:0-Sieg ein. Je mehr man sich jedoch internationaler Klasse annähert, desto mehr Kaltblütigkeit ist gefordert. Ein Spitzenteam gewinnt auch an einem schlechten Tag auswärts in Kasachstan oder gibt den Vorsprung in Irland gar nicht erst in einer Schwächeperiode am Ende der ersten Halbzeit aus der Hand. Von der zweiten Halbzeit in Stockholm ganz zu schweigen. „Wir sind als Team gewachsen, verfügen über mehr internationale Erfahrung. Deswegen glaube ich schon, dass wir mittlerweile wissen, wie wir uns auf Situationen einstellen und auf Negativmomente reagieren können. Von dieser Entwicklung her ist schon zu erwarten, dass wir in dieser Quali ein bisschen reifer auftreten“, verspricht Julian Baumgartlinger. Diesen Beweis gilt es nun anzutreten.

AUSWÄRTS MEHR PUNKTE EINFAHREN:

In Heimspielen hui, auswärts pfui? Dass diese Rechnung nicht aufgeht, weiß spätestens seit der WM-Qualifikation jeder. Deshalb ist eine Steigerung in der Fremde eines der wichtigsten Gebote – und dies bezieht sich weniger auf die Leistung, als auf die Ergebnisse. Denn die Performance passte etwa in Stockholm oder Dublin über weite Strecken, doch mitgenommen hat man aus diesen beiden Schlüsselspielen nur einen Punkt. Auch in Kasachstan reichte es nur zu einer Nullnummer. Den einzigen Auswärtssieg feierte man in der letzten Quali mit dem 3:0 auf den Färöer erst, als bereits alles zu spät war. Vielleicht war das 2:1 in der Vorbereitung in Tschechien so gesehen trotz schwacher Leistung hilfreich, weil man gesehen hat, dass man auch jenseits der Landesgrenzen siegen kann. Bis zum nachhaltigen Beweis des Gegenteils bleibt die Auswärtsschwäche eines der größten ÖFB-Probleme.

DIE HEIMSTÄRKE BEWAHREN:

Schweden, Irland, Kasachstan und Färöer – sie alle wurden im Happel-Stadion besiegt, bis auf das unglückliche 1:2 gegen Deutschland ließ die ÖFB-Elf zu Hause nichts anbrennen. Gerade in der anstehenden Qualifikation kann der Heimvorteil noch einmal ein extra Trumpf sein. Denn noch im Herbst 2014 müssen mit Schweden, Montenegro und Russland die drei stärksten Gruppen-Gegner nach Wien reisen. Jedem im rot-weiß-roten Lager ist bewusst, dass man sich in Kombination mit dem Gastspiel in Moldawien eine glänzende Ausgangsposition herausspielen könnte. In diesem Zusammenhang kommen natürlich auch die Fans ins Spiel. „In Wien ist eher das Nationalteam-Publikum vorhanden. Die Leute kommen zwar aus ganz Österreich ins Stadion, aber die Stimmung ist hier immer am besten. Das trägt uns im Spiel. Ich glaube, dass wir auch dadurch einige Punkte holen können“, verdeutlicht Prödl.

DIE TORMANNFRAGE NICHT ESKALIEREN LASSEN:

Bis jetzt hat sich die Treue zu Robert Almer bezahlt gemacht. Dennoch ist es ein Spiel mit dem Feuer. Was, sollte ihm der erste grobe Patzer unterlaufen? Dem Steirer weiterhin das Vertrauen aussprechen? Sich nach anderen Optionen umsehen? Selbst dem besten Goalie kann ein Fehler passieren. Aber so lange ein Nationalteam-Torhüter bei seinem Verein nicht die Nummer eins ist, und Almer wird bei Hannover 96 nur schwer an Ron-Robert Zieler vorbei kommen, sind Diskussionen aufgelegt. In der vergangenen Qualifikation ist es Almer mit seinen Leistungen gelungen, das Thema klein zu halten. Es liegt am 30-Jährigen, selbiges auch diesmal nicht eskalieren zu lassen und somit für unwillkommene Unruhe zu sorgen.

DIE STÜRMER-FRAGE BEANTWORTEN:

Die einfachste Antwort wäre: Marc Janko verkraftet die Reisestrapazen aus Australien stets bestens und tritt weiterhin mit einer gewissen Konstanz den Beweis seines Torriechers an. Eine Garantie darauf gibt es nicht. Dafür sind auch noch zu wenige Erfahrungswerte, wie sich das Engagement des Niederösterreichers beim FC Sydney auswirkt, vorhanden. Ob seiner 31 Lebensjahre tickt die Uhr, einen verlässlichen Nachfolger an vorderster Front zu finden, aber ohnehin. Taucht schon in dieser Qualifikation eine Alternative auf, wäre es kein Fehler. Aktuell hat etwa Rubin Okotie die Chance, sich in Stellung zu bringen. Dass rein generell die Last des Toreschießens auf zu wenigen Schultern verteilt war, ist keine Neuigkeit. Mehr Vielfalt unter den Torschützen täte der ÖFB-Elf in dieser Quali gut.

KLUB-PROBLEME MÖGLICHST SCHNELL AUS DEN KÖPFEN BEKOMMEN:

Formkrisen oder Reservistenschicksale beim Verein werden wohl auch in dieser Ausscheidung nicht ausbleiben. Österreich ist nicht das einzige Nationalteam, das mit diesem Problem konfrontiert ist. Koller neigt dazu, seinen Stammkräften relativ unabhängig vom Status beim Arbeitgeber das Vertrauen auszusprechen. Bislang machte sich diese Strategie bewährt. Möglicherweise auch wegen der viel zitierten „Wohlfühl-Oase“ ÖFB, in der die Kadermitglieder etwaige Probleme beim Klub aus den Köpfen bekommen. Es zählt weiterhin, sich von auf der Hand liegenden Diskussionen über zu wenig Spielpraxis nicht verunsichern zu lassen.

NUTZEN AUS DEM GESTIEGENEN KONKURRENZKAMPF ZIEHEN:

Der Kader hat eine Breite wie schon lange nicht. Das ist natürlich erfreulich. Die Spieler versichern, dass es schon lange nicht mehr solch einen Konkurrenzkampf gegeben habe. Andreas Ivanschitz und Andreas Weimann durften diesen erst gar nicht aufnehmen, für sie reichte es nicht für den Sprung in den 23-Mann-Kader. Im Idealfall bedeutet mehr Konkurrenz mehr Ansporn. Die gestiegene Auswahl birgt jedoch auch die Gefahr, dass die glaubhaft gute Stimmung leidet. Koller kündigte im LAOLA1-Interview bereits an, dass man „alle Fühler offen haben muss, um das Ganze zu beobachten“. Denn passt die Chemie untereinander nicht mehr, droht sich das auf die Leistung auszuwirken. Bislang stellten die meisten ihr eigenes Ego hinten an. Im Laufe einer Qualifikation bekommt erfahrungsgemäß ohnehin die Mehrheit des Kaders ihre Chance.

AUCH WENIGER BEKANNTE GEGNER NICHT UNTERSCHÄTZEN:

Heißt der Gruppen-Kopf Deutschland, muss man niemandem in Fußball-Österreich erklären, dass dies eine recht anspruchsvolle Aufgabe ist. Betritt ein Ausnahmekönner wie Zlatan Ibrahimovic österreichischen Boden, weiß jeder, dass Schwedens Superstar Partien im Alleingang entscheiden kann. Russland und vor allem Montenegro verfügen nicht über eine Dichte an internationalen Topstars. Die Qualität dieser Gegner darf dennoch auf keinen Fall unterschätzt werden.

DIE EIGENEN FLOSKELN LEBEN:

Koller stellt ungern Hochrechnungen über den Qualifikations-Verlauf an. Sooft wie in dieser Woche die abgedroschene Floskel „Wir schauen von Spiel zu Spiel“ in den Mund genommen wurde, darf man davon ausgehen, dass dies auch die offizielle Sprachregelung ist. Wichtig ist, diesen Satz nicht nur in der öffentlichen Kommunikation überzustrapazieren, sondern auch auf dem Platz umzusetzen. Ausrutscher wie jener in Kasachstan können am Ende das Ticket für das Turnier verhindern. Es gilt, gegen jeden Gegner mit der notwendigen Konsequenz vorzugehen. Ohne haushoch überlegenen Gruppen-Kopf muss man sich ohnehin auf einen spannenden Wettlauf nach Frankreich einstellen. „Unter diesen Mannschaften werden so viele enge Spiele passieren, dass du immer konzentriert sein und dran bleiben musst. Es werden Kleinigkeiten entscheiden“, ist sich Prödl sicher.

DIE EUPHORIE AUFRECHT ERHALTEN:

Last but not least können auch Einflüsse von außen helfen. Zu Beginn seiner Ära sprach Koller bezüglich Einheit mit den Fans vom zarten Pflänzchen, das gepflegt werden müsse. Dies gelingt bekanntlich am leichtesten mit Ergebnissen. Stimmen diese, kann das Team auch auf einer Euphoriewelle zur EM getragen werden. Stimmen diese nicht, ist allgemein bekannt, wie schnell die rot-weiß-rote Fußball-Nation betrübt sein kann. Auch wenn die WM-Quali verpasst wurde, gelang es den guten Draht zum Publikum aufrecht zu erhalten. Die Mehrheit der Fans zeigte sich erleichtert, dass Koller seinen Vertrag verlängerte. Nun gehört das „Pflänzchen“ weiter gegossen. Bei einem guten Start ist jedoch auch Vorsicht geboten: Während die Öffentlichkeit naturgemäß träumen darf, muss das Team selbst bis zur letzten Sekunde konzentriert bleiben. Dann kann es frei nach Ernst Happel heißen: Wirst sehen, da wird was draus!


Peter Altmann

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