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Der Gejagten-Status des "Underdogs"

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Ein „Zwischenschritt“ sei es gewesen.

Julian Baumgartlinger fand bei aller Euphorie wohl das richtige Wort für das 2:1 gegen Schweden. „Wir müssen noch sehr viel mehr machen, auf dem Weg warten noch sehr schwierige Spiele. Aber das war schon einmal ein sehr positives Zeichen“, erklärte der Mainz-Legionär.

Damit ordnete der 25-Jährige den Freitags-Erfolg gegen die Skandinavier analog zu seinen Kollegen ein. „Es ist ja noch nichts geschafft“, verdeutlichte Martin Harnik, „es war ein wichtiger, aber auch kleiner Schritt in der Qualifikation.“

Selbstbewussten Realismus könnte man die Stimmungslage im ÖFB-Lager nennen. Ganz wie Teamchef Marcel Koller ihn vorlebt. Am Boden zu bleiben heißt die oberste Devise.

Damit ist man vermutlich gut beraten. Denn neben zahlreichen erfreulichen Entwicklungen gibt es nach wie vor Schwachpunkte, über die dieser Sieg nicht hinwegtäuschen sollte. LAOLA1 mit einigen Beobachtungen zur aktuellen Lage des Nationalteams.

KOLLERS DRAHTSEILAKT:

Es ist eine der wichtigeren Erkenntnisse dieses Lehrgangs: Allen Unkenrufen zum Trotz erwies sich Kollers Strategie, der individuellen Qualität den Vorzug gegenüber Spielpraxis zu geben, als richtig. Der Mut des Schweizers wurde belohnt, seine Schützlinge zahlten ihm das Vertrauen zurück – allen voran Torschütze Marc Janko. Aber auch Marko Arnautovic bot eine engagierte Leistung, Torhüter Robert Almer gelangen trotz der einen oder anderen Unsicherheit zwei wichtige Paraden. Das Thema Spielpraxis war vor der Partie ein bestimmendes, dürfte nun aber vorerst in der öffentlichen Diskussion ein wenig in den Hintergrund rücken, wenngleich es selbstredend wünschenswert wäre, dass besagte Schlüsselspieler im Vereinsfußball wieder besser im Saft stehen. „Super, dass der Trainer diesen Spielern trotzdem Vertrauen schenkt. Dieses Vertrauen kommt auch zurück“, erklärte Emanuel Pogatetz, in dieser Saison ebenfalls ein Betroffener. Dadurch, dass die Maßnahme des Teamchefs fruchtete, gewann er auch weiteres Vertrauen der Öffentlichkeit in seine Entscheidungen, dies stärkt das interne wie externe Standing zusätzlich.

DER FAKTOR ERFAHRUNG:

Der Stamm ist gefunden, der Teamchef hält bedingungslos an selbigem fest. Die Automatismen sitzen immer besser. Dazu kommt, dass diese Mannschaft immer „erwachsener“ wird. Denn die Sache mit der jungen Truppe stimmt so schon längst nicht mehr. Präziser ausgedrückt muss man wohl von einem Team in gutem Alter sprechen. Zwar fehlen die klassischen Altstars (nur Emanuel Pogatetz ist bereits 30, Marc Janko und Andreas Ivanschitz ziehen im Verlauf des Jahres nach), dafür ist es auch kein Tummelplatz mehr von Greenhorns im Talentealter. Der Jüngste, der bald 21-jährige David Alaba, ist bereits Champions-League-Sieger. Auch Andreas Weimann (21) oder Aleksandar Dragovic gehen noch als Jungspunde durch. Das Gros des Kaders bilden jedoch Mittzwanziger, die inzwischen schon einiges erlebt haben, gerade international. Wie sich die Zeiten ändern - gegen Schweden war Dragovic in seinem 21. Länderspiel der „unerfahrenste“ Feldspieler. „Wir haben viele Legionäre, die Spieler werden älter, haben mehr Spiele in den Beinen. Man sieht schon, dass wir ein bisschen abgeklärter spielen als vielleicht noch vor einem Jahr“, beschreibt Robert Almer den Reifeprozess. Der 29-jährige Goalie ist mit seinen acht Länderspielen übrigens das „Team-Baby“ unter den Stammkräften…

BEINAHE GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT:

Kein Kommen und Gehen mehr. Es war schon lange Zeit nicht mehr so schwer, in den Kreis des Nationalteams aufgenommen zu werden, wie derzeit unter Koller. Im Verlauf der Saison 2012/13 haben sich mit Andreas Weimann und Philipp Hosiner eigentlich nur zwei neue Kräfte fix etabliert. Wobei man jedoch nicht um die Beobachtung herumkommt, dass sich die Zahl der Kandidaten, die sich durch konstant starke Leistungen aufdrängen, in überschaubaren Grenzen hält. Das Qualifikations-Level ist inzwischen relativ hoch, vor allem wenn man ob der vielen Legionäre internationale Erfahrung mitbringen sollte. Vor drei, vier Jahren war es noch schwer vorstellbar, dass Führungskräfte eines überragenden Meisters wie die Austrianer Alexander Gorgon oder Alexander Grünwald nicht unbedingt in der Nähe von Einsatzminuten in Länderspielen sind. Wie Koller überhaupt, und das meist nicht zu Unrecht, Legionären mehr vertraut als Bundesliga-Kickern. Dennoch wäre mehr Druck von potenziellen Nachrückern kein Fehler. Von jungen Kadermitgliedern in spe wie Raphael Holzhauser oder Marcel Sabitzer darf man in der kommenden Saison durchaus den nächsten Leistungsschub erwarten.

DER FAKTOR GLÜCK:

Freilich spielen Glück und Pech im Fußball eine Rolle, dieser Faktor wird jedoch gerne überstrapaziert. Auch nach dem Schweden-Spiel. Sicher war Österreich in dieser Partie nicht vom Pech verfolgt, dennoch hat Koller nicht Unrecht, wenn er meint: „Das geht nur durch harte Arbeit, und dann bin ich überzeugt, dass dann auch das Glück auf deine Seite fällt.“ Letztlich ist dies auch eine Frage der Qualität – man frage nach bei den vermeintlichen „Dusel-Bayern“. Eine qualitativ wenig ansprechende Truppe, die durch Glück von Sieg zu Sieg eilt, gibt es kaum. Ein Knackpunkt, dass die ÖFB-Elf gesehen hat, dass man sich Glücksmomente erarbeiten kann, war das 2:2 in Dublin. Baumgartlinger: „Als wir in Irland hinten waren, haben wir uns nicht hängen lassen, Moral und Wille gezeigt und auch die physische Stärke, dass wir immer wieder anlaufen können.“

DIE MENTALITÄTSFRAGE

Koller ist inzwischen lange genug im Land, um die Stärken und Schwächen des österreichischen Wesens zu kennen und zu verstehen. Den einen oder anderen Seitenhieb, um seine Finger auf die „Mentalitätswunde“ zu legen, kann er sich bisweilen nicht verkneifen. Vor allem die Ausrede „gut gespielt, aber nicht gewonnen“ ist ihm ein Dorn im Auge. Der Schweizer fordert mehr Konsequenz. Auch nach Erfolgserlebnissen nachzulegen, war in der Vergangenheit nicht immer eine Stärke. Andererseits ließ diese Legionärs-Truppe starken Worten auch starke Taten folgen, trat im Vorfeld also nicht zu Unrecht selbstbewusst auf. Martin Harnik: „Wir haben das umgesetzt, was wir angekündigt haben. Wir haben unter der Woche schon deutlich gemacht, dass wir mit einer breiten Brust ins Spiel gehen wollen, weil wir diese auch vorzuweisen hatten und wirklich von uns überzeugt waren.“

DIE UNDERDOG-ROLLE:

International wird diese Nationalmannschaft offenbar noch nicht so ernst genommen, wie es ihr inzwischen gebührt. Freilich ist Österreich weit davon entfernt, eine Großmacht zu sein, aber unterschätzen darf man diese Truppe gerade bei Gastspielen in Wien nicht. Aus Schweden waren im Vorfeld durchaus Kommentare zu vernehmen, in welchen die ÖFB-Hintermannschaft als Schwachstelle ausgemacht wurde. Pogatetz: „Es ist nie gut, wenn man vorher solche Töne spuckt. Wir haben gestandene Spieler, daher war es schon ein bisschen respektlos. Dafür haben sie die Rechnung präsentiert bekommen.“ Der Steirer verweist im selben Atemzug darauf, dass das Rückspiel in Schweden jedoch noch schwerer wird. Die Frage, ob man die obligatorische Auswärtsschwäche in den Griff bekommt, wird die Chance auf eine WM-Teilnahme maßgeblich beeinflussen, denn drei der vier restlichen Gruppen-Spiele gegen in der Fremde über die Bühne. Und dort tritt die ÖFB-Elf in der Tat noch zu oft wie ein Underdog auf. Ein Problem, das sicherlich auf Kollers Agenda steht.

DER GEJAGTEN-STATUS:

„Jetzt haben wir eine richtig gute Chance auf die WM“, erklärt Zlatko Junuzovic, „wir wollten auch der Gejagte sein.“ Feiert Schweden keinen allzu hohen Kantersieg gegen die Färöer, geht Österreich als Gruppen-Zweiter in den Herbst. „Ich bin lieber oben als unten“, nimmt Koller die Rolle als Gejagter gerne an. An Hochrechnungen möchte sich der Eidgenosse jedoch nicht Beteiligten, er bewältigt lieber eine Aufgabe nach der anderen. Die WM-Euphorie von außen wird in den kommenden Monaten ohnehin groß genug sein. Auch wenn Christian Fuchs betont: „Das ist noch relativ weit weg.“

Peter Altmann/Martin Wechtl/Alexander Karper/Jakob Faber

DER FAKTOR STIMMUNG:

So abgedroschen es klingt, die ÖFB-Kicker werden nicht nur nicht müde zu betonen, wie groß der kaderinterne Zusammenhalt ist, sie leben ihn auch glaubhaft. Koller spricht nicht von ungefähr von einer „geilen Truppe“ und bezieht dies explizit nicht nur auf die ersten Elf. Es war ein wichtiges und natürlich bewusst gesetztes Signal, das er nach dem Erfolgserlebnis gegen Schweden an den ganzen Kader sandte: „Ich habe 23 Spieler und nur elf kommen zum Zug. Das ist das Beschissenste am Trainerjob. Man möchte eigentlich jeden einzelnen bringen.“ Dies würde ihm teilweise schlaflose Nächte bereiten. Konfliktpotenzial gebe es genügend, wenn man nur das Thema Spielpraxis hernimmt. Aber selbst ein früherer Kapitän wie Andreas Ivanschitz fügt sich in seine derzeitige Reservistenrolle. Das Risiko, nicht auf der potenziellen Erfolgswelle mitzuschwimmen, ist auch groß. Denn muckt einer auf, kann der Teamchef knallhart sein – siehe Paul Scharner. Dass Marko Arnautovic selbst nach seinen jüngsten Problemen im Kreis des Teams aufgefangen wird, ist zudem kein schlechtes Zeichen.

DIE UNAUFGEREGTHEIT:

Dass Fans und Öffentlichkeit gerade auf der rot-weiß-roten Fußball-Wolke sieben schweben, mag nachvollziehbar sein. Das gehört zum Geschäft. Der Grat zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt ist in Österreich jedoch bekanntlich ein schmaler. Koller weiß das und steht für eine seriöse Einschätzung des Dargebotenen. Das ist gerade nach dem Schweden-Spiel wichtig. Denn ob der wenig souveränen Anfangsphase hätte diese Partie gut und gerne einen anderen Verlauf nehmen können. In Irland nutzte der Gegner eine ÖFB-Schwächephase noch gnadenlos aus und machte in den 20 Minuten vor der Pause aus einem 0:1-Rückstand eine 2:1-Führung, der Österreich bis zur letzten Minute hinterherlief. So stabil, wie manche glauben, ist das ÖFB-Spiel noch nicht. Aber die Fortschritte sind unverkennbar.

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